Das Abwägen von Menschenleben

Theatergruppe „Kathariss“ bringt Kammerstück „Terror“ auf die Bühne

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Dorothea Drewes (v.l.), Stephan Anders, Susanne Bendukat, Jörn Gnaß, Gisela Heyber und Volkmar Bendukat bringen von Schirachs Kammerspiel „Terror“ in Scheeßel auf die Eichenschulbühne.

Scheeßel – Drei Menschen in schwarzen Roben hinter drei Tischen, davor ein Angeklagter in Uniform auf einem Stuhl. Die Spannung in dem karg möblierten Raum ist fast greifbar. Immer wieder wird Jörn Gnaß in der Rolle eines Majors der Luftwaffe mit Fragen bombardiert.

„Hätten Sie das Flugzeug auch abgeschossen, wenn Ihre Frau an Bord gewesen wäre?“ Schon nach wenigen Momenten beim Probenbesuch im neuen Theatersaal der Eichenschule ist klar: Dieses Mal spielt das Theaterensemble „Kathariss“ keine Gesellschaftskomödie, Schenkelklopfer wie beim „Gott des Gemetzels“ oder „Der Vorname“ fehlen, zum Lachen kommt niemand der Zuschauer.

Mit Ferdinand von Schirachs „Terror“ haben sich die sechs Lehrer ein wahrlich gewichtiges Stück vorgenommen, und das nicht nur wegen der langen Monologe. Sondern vor allem auch wegen der Aktualität und des bedrückend realistischen fiktiven Szenarios: Vor dem Schwurgericht angeklagt ist der Luftwaffen-Major Lars Koch – er hatte ohne Schießbefehl ein von Terroristen entführtes Flugzeug abgeschossen, als es Kurs auf die mit 70 000 Menschen gefüllte Allianz-Arena nahm, und damit den Tod aller 164 Passagiere in Kauf genommen.

Eindringlich wird die Frage der Schuld und danach, ob man Leben gegen Leben aufwiegen kann, beleuchtet – von der Staatsanwältin, der Ehefrau eines der Getöteten als Nebenklägerin und den geladenen Zeugen. Minutiös werden die Ereignisse nachgezeichnet, das Leid der Angehörigen, die ungereimten Fragen. Keine leichte Kost, auch für die Darsteller – aber eins, das auch sie umtreibt: „Wenn man die Berichte aus Afghanistan sieht, spielt das unmittelbar rein“, so Volkmar Bendukat zum aktuellen Bezug. Die Frage nach der Schuld sieht er als „Dilemma, das eigentlich nicht lösbar ist.“

Am Ende entscheidet, wie vor drei Jahren die Fernsehzuschauer, das Publikum über Freispruch oder Verurteilung. „Dabei ist das Stück wie auch unsere Inszenierung so angelegt, dass zu einer bestimmten Entscheidung gedrängt wird“, so Akteur Stephan Anders, „bei jeder Probe wäge ich neu ab.“ 

Auch Dorothea Drewes, Gisela Heyber und Susanne Bendukat wie ihre männlichen Kollegen bemüht, die Charaktere nicht bewusst zu überzeichnen, etwa, besonders unsympathisch zu machen. Auch wurden sämtliche Rollen ausgelost – das ist ebenso ungewöhnlich für das Ensemble wie die Anordnung der Akteure: Der Angeklagte blickt in den Zuschauerraum, rechtfertigt sich vor denen, die den Part der Schöffen einnehmen werden. „Das unterstreicht die aktive Rolle, die die Zuschauer spielen“, erklärt Gisela Heyber. Sie seien gezwungen, Stellung zu beziehen. „Sich nicht zu entscheiden und den Stimmzettel nicht abzugeben, gilt nicht!“, ergänzt Volkmar Bendukat.

Zu sehen ist das Kammerspiel am Samstag, 21. September, um 19 Uhr und Sonntag, 29. September, um 17 Uhr jeweils im neuen Theatersaal der Eichenschule an der Fuhrenstraße. An der Abendkasse kosten die Karten zwölf Euro (ermäßigt sechs), im Vorverkauf sind sie bei der Sonnen-Apotheke zum Preis von zehn Euro (ermäßigt fünf) erhältlich.

hey

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