Die 15-jährigen Afghanen Imran und Jawid leben seit einem Jahr im Beeke-Haus

Sie wollten einfach nur weg

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Imran (r.) und Jawid wollten nur raus aus Afghanistan. Jetzt freuen sie sich über das sichere Leben in Deutschland.

Scheeßel - Von Guido Menker. Raus aus Afghanistan: Imran und Jawid sind mit 14 geflüchtet und haben sich auf eine mehr als 7000 Kilometer lange Reise gemacht. Sie wollten einfach nur weg. Das Ziel war ihnen gar nicht ganz klar. Über die Flucht selbst und auch über die Route, die die heute 15-Jährigen gewählt haben, sprechen die zwei Jugendlichen nicht – dafür aber über ihr jetziges Leben im Scheeßeler Beeke-Haus. Und so viel ist klar: Dort geht es ihnen richtig gut.

Das Beeke-Haus ist ein Kinderheim mit neun Plätzen. Heinz Precht leitet es seit 2001 und kümmert sich mit seinem elfköpfigen Team inzwischen um acht Jugendliche aus Afghanistan sowie um einen Deutschen. Imran und Jawid waren die ersten „Unbegleiteten Minderjährigen Ausländer“, die im Beeke-Haus ein neues Zuhause gefunden haben. „Die beiden haben uns vor ganz schön große Herausforderungen gestellt“, erinnert sich Precht an die ersten Tagen und Wochen. Die Jungen sprachen kein Wort Deutsch – da war viel zu organisieren und zu regeln. „Wir haben uns dieser Herausforderung gestellt“, fügt Precht hinzu und ist sich sicher: „Wenn sie 18 Jahre alt sind, werden sie gut vorbereitet sein, um selbstständig in einer Wohnung zu leben.“ Imran und Jawid wollen auf jeden Fall in Deutschland bleiben – ihr Ziel ist ein Studium.

„Zu Anfang war es wirklich schwer“, sagt Jawid. Ohne auch nur ein Wort Deutsch zu können, mussten die beiden in die Beeke-Schule, wo sie in der siebten Klasse eingestiegen sind. Inzwischen finden sie sich in der für sie neuen Sprache sehr gut zurecht, „und wir haben auch schon Freunde gefunden“, fügt Imran hinzu. Kontakt zu ihren Familien haben sie nicht. „Das ist sehr schwer“, sagen sie. Und dennoch sind sie froh, inzwischen in Deutschland zu sein. „Hier fühlen wir uns viel sicherer als in Afghanistan“, meint Imran, und sein Freund Jawid ergänzt: „Hier haben wir eine Zukunft.“ Kennengelernt haben sie sich in Frankreich. Sie waren zunächst in der Nähe von Paris gelandet – aber wollten dort nicht bleiben. Man war nicht nett zu ihnen. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg nach Deutschland. Erste Station war Dortmund. Aber: „Die Stadt ist sehr groß und so laut.“ Sie hatten Sehnsucht nach Ruhe – und die haben sie nun in Scheeßel gefunden.

Morgens um 6 Uhr stehen sie auf, um pünktlich um 7.30 Uhr in der Schule zu sein. Mittags, manchmal auch erst nachmittags „sind wir dann wieder zu Hause“, berichtet Jawid. Zu Hause – das ist für sie das Beeke-Haus. Dort bekommen sie ihr Mittagessen, und von dort aus können sie den Rest des Tages verbringen. Sie gehen raus, spielen Fußball oder trainieren im Fitnessstudio. Wenn es um Sport geht, vermissen sie allerdings Cricket. „Das haben wir in Afghanistan jeden Tag gespielt“, so Imran. Heinz Precht tut alles, um ihnen diese Möglichkeit zu bieten, und fährt mit ihnen immer wieder zu einem Verein in Bremen. Precht freut sich über den großen Zuspruch aus der Gemeinde. Die Menschen fragten, was gebraucht werde, was sie selbst tun können. Auch die Sportvereine hätten sich angeboten. „Zuerst konnten wir mit Imran und Jawid nur mit Händen und Füßen sprechen, dann haben wir uns um einen Dolmetscher gekümmert“, so Precht. Dieser habe zunächst auch die Hausordnung und die Regeln für die Jugendlichen übersetzt. „Dafür sind wir mit den Jungs nach Hamburg gefahren und haben die Fahrt mit einem Essen in einem afghanischen Restaurant verbunden.“ Gerade was das Essen betrifft, galt es, im Beeke-Haus einiges umzustellen. Das Team organisierte Rezepte und Kochbücher sowie einen passenden Lieferanten.

Dieter Wiens vom Jugendamt des Landkreises ist froh, im Beeke-Haus einen guten Platz für die Unterbringung minderjähriger, unbegleiteter Ausländer gefunden zu haben. Und er sagt auch, dass die Jugendlichen viel Eifer mitbringen, wenn es darum geht, sich zurechtzufinden: „Sie haben einen großen Bildungshunger.“ Das bestätigt Precht: „Die Jugendlichen lernen in der Schule, aber auch nachmittags bei uns im Haus sowie bei der VHS Deutsch.“ Aber was vermissen sie? „Meine Familie und die alten Freunde, mit denen ich gespielt habe“, sagt Jawid. Was sie freut? In Deutschland gelten für alle die gleichen Regeln – und Pflichten. Das sei in Afghanistan anders, dort sehe man draußen auf der Straße selten Mädchen. Deutschland sei zwar nicht explizit ihr Ziel gewesen – aber letztendlich haben sie es gut getroffen. Böse Erlebnisse hatten sie bisher nicht.

Fast nur Jungs

• Die Zahlen ändern sich binnen kurzer Zeit. Momentan sind 115 unbegleitete minderjährige Ausländer im Landkreis Rotenburg untergebracht. Die beiden Jüngsten sind sieben und acht Jahre alt, am stärksten vertreten sind die 15-, 16- und 17-Jährigen. 14 der Jugendlichen sind 15, 49 sind 16 und 33 sind 17 Jahre alt. Unter den unbegleiteten minderjährigen Ausländern sind sieben Mädchen.

• Die Mehrzahl der unbegleiteten minderjährigen Ausländer kommt aus Afghanistan (67), Syrien (18) und Irak (9). Die anderen stammen aus Somalia, Gambia, Mazedonien, Nigeria, Iran, Guinea, Albanien und Algerien.

• Zurzeit hat der Landkreis seine Zuteilungsquote mit 113 Jugendlichen erfüllt. „Aber das kann sich schnell ändern“, sagt Dieter Wiens vom Jugendamt. Die Quoten wechseln mitunter tagesaktuell. Für die Unterbringung der Neuankömmlinge steht dem Landkreis die Clearingstelle in Zeven-Aspe zur Verfügung. Dort wohnten zurzeit 37 junge Menschen. Da dort allerdings 60 Aufnahmeplätze zur Verfügung stehen „sind wir gut aufgestellt“, so Sozialdezernentin Imke Colshorn gestern Nachmittag in der Sitzung des Jugendhilfeausschuss.

• Im Erstaufnahmelager in Visselhövede seien es zurzeit sechs, fügt Wiens hinzu. 31 unbegleitete minderjährige Ausländer seien momentan in Einrichtungen der Jugendhilfe untergebracht, neun weitere in Pflegefamilien. 31 leben in den Gemeinden des Landkreises. Bei ihnen stehe fest, dass die Eltern nicht bei ihnen sind, aber die Vormundschaft sei noch nicht geklärt.

• Die 15-jährigen Afghanen Imran und Jawid sind bestens im Scheeßeler Beeke-Haus untergebracht. Die Art der Unterbringung sei jedoch unterschiedlich und werde individuell besprochen. Das hänge sehr von den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen ab, erklärt Wiens. Das gelte auch für die Frage, ob die Jungen und Mädchen eine psychologische Betreuung benötigen. Bei Imran und Jawid sei das nur anfangs erforderlich gewesen.

• Von den bundesweit registrierten unbegleiteten minderjährigen Ausländern muss Niedersachsen zehn Prozent aufnehmen. Davon entfallen wiederum 2,1 Prozent auf den Landkreis Rotenburg.

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