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„Er bewies Menschlichkeit“

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Foto: Bonath
Erleichterung bei den Roma-Frauen, ihrem Sohn und den Unterstützern. ·

Rotenburg - Von Guido Menker. Es war riskant, aber Superintendent Hans-Peter Daub hatte keine andere Möglichkeit gesehen. Dulja Saiti und ihre Tochter Selvije Ernst, die seit rund anderthalb Jahren im Kirchenasyl der Rotenburger Auferstehungsgemeinde lebten, waren gestern mit zur Verhandlung nach Stade gereist. Im Falle einer aus ihrer Sicht negativen Entscheidung hätte es durchaus zum sofortigen Zugriff und damit zur Abschiebung kommen können. Kam es aber nicht. Die beiden Frauen dürfen vorerst in Deutschland bleiben.

Landrat Hermann Luttmann bestätigte im Gespräch mit unserer Zeitung, dass die sofortige Duldung ausgesprochen werde. Er bedaure es allerdings sehr, „dass die Kirchenvertreter nicht im Frühjahr ein Eilverfahren angestrengt haben, wie wir es besprochen hatten. Dann nämlich hätte das Kirchenasyl vielleicht schon im März beendet werden können“, so Luttmann weiter. Die Entscheidung selbst wollte er nicht weiter kommentieren. Nur so viel: „Das Urteil kommt etwas überraschend.“

„Das ist falsch“, konterte Hans-Peter Daub, „wir hatten keine Absprache.“ Das Ministerium in Hannover habe diesen Weg empfohlen, „aber auch dann wäre wieder nur nach Aktenlage entschieden worden. So wie vorher – und alle Entscheidungen waren bis dahin negativ.“ Aus Sicht des Teams, das sich um die beiden Roma-Frauen kümmerte, habe es nur eine einzige Möglichkeit gegeben dafür zu sorgen, dass sie bleiben können. Daub: „Ein Verfahren nämlich, wo die Frauen dabei sind.“ Genau das ist gestern passiert, und genau das hatte zuvor auch der Richter gewusst.

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Zurück aus Stade: Dulja Saiti und ihre Tochter Selvije Ernst.

Mit drei Kleinbussen und zwei weiteren Autos hatten sich mehr als 30 Rotenburger gestern morgen auf den Weg nach Stade gemacht. „Die Angst war groß, dass es zum Zugriff kommt“, schilderte Melanie Ludwig vom Unterstützerkreis die Atmosphäre, die sich schon am Abend zuvor bemerkbar gemacht habe. „Alle hatten sehr stark mit der Anspannung zu kämpfen“, stieß Mirsad Hadza ins gleiche Horn. Der Sohn von Selvije Ernst (50) ist seit seinem zweiten Lebensjahr in Deutschland, spricht fließend Deutsch und macht gerade eine Ausbildung. Auch er war vor dem Richter erschienen und habe als Übersetzer beeindruckt, wie Daub meinte. Der 23-jährige Hadza: „Es war für uns alle ein spannendes, sehr aufregendes Jahr, aber es ist toll, wie wir das alles gemeistert haben – mit Gottes Hilfe hat es geklappt.“ Am Abend vor der Verhandlung hatte es in der Auferstehungskirche noch eine gemeinsame Andacht gegeben. „Danach konnte ich gar nicht schlafen“, so Hadza weiter. Was ihn und die Zuschauer aus Rotenburg besonders beeindruckte: Bevor sich der Richter zurückzog, um sein Urteil zu fällen, habe er mit Blick auf die Klägerinnen angedeutet, dass es in deren Sinne ausgehen werde. „Das werde ich nie vergessen“, sagte Mirsad Hadza. Ähnlich reagierten auch Daub und Ludwig, die sich einig sind: „Der Richter bewies Menschlichkeit.“

Der Superintendent hofft nun auf Rechtsfrieden. Der Richter habe die Würde der beiden Frauen im Blick gehabt – „und das muss auch die Grundlage für Rechtsfrieden sein“, sagte er. So richtig fassen konnte auch am frühen Nachmittag noch keiner, was da am Morgen passiert war. „Jetzt sind erst einmal alle nach Hause gegangen“, so Melanie Ludwig. Den Abend dann wollten sie gemeinsam ausklingen lassen. Ganz nach dem Motto „Aus Fremden sind Freunde geworden.“ Die Frauen und ihre Unterstützer können also glücklich auf die vergangenen Monate zurückblicken, die sie nicht als Kampf, sondern als einen Weg bezeichnen, für den es keine Alternative gab.

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