Gabriele Hornhardt und Stefan Klingbeil dabei

Zwei weitere Kandidaten für das Rotenburger Landratsamt

Stimmabgabe
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Wenn die Bürger am 12. September im Landkreis Rotenburg einen neuen Landrat wählen, dürfen sie sich zwischen mehreren Bewerbern entscheiden.

Mit Gabriele Hornhardt und Stefan Klingbeil gibt es wieder Gegenkandidaten für Marco Prietz bei der Landratswahl im September.

  • Gabriele Hornhardt tritt für die „Bürgerliste Kirchwalsede – Deine Meinung zählt!“
  • Linke nominiert Stefan Klingbeil
  • Favorit Marco Prietz bleibt gelassen

Kirchwalsede – Zwei Wochen lang tingelte Wahlkämpfer Marco Prietz durch den Landkreis, ohne dass er eigentlich Wahlkampf machen musste: Der bisherige alleinige Gegenkandidat für den CDU-Kreistagsfraktionschef für die Landratswahl am 12. September, der von SPD und Grünen unterstützte Volker Harling, hatte seine Ambitionen aus gesundheitlichen Gründen für beendet erklärt.

Eine Situation, mit der Prietz nach eigenen Angaben als „echter Demokrat“ unzufrieden war. Nun aber scheinen die Bürger doch noch eine tatsächliche Wahl zu bekommen: Mit Gabriele Hornhardt und Stefan Klingbeil haben am Freitag zwei weitere Bewerber Interesse an der Nachfolge von Hermann Luttmann (CDU) proklamiert. Prietz gibt sich in einer ersten Reaktion diplomatisch distanziert: „Ich kenne meine neuen Mitbewerber bisher nicht und freue mich darauf, sie im Rahmen des verbleibenden Wahlkampfes kennenzulernen.“

Hornhardt war bis 2015 CDU-Mitglied

Das Landratsrennen eröffnete am Freitagmorgen zunächst Gabriele Hornhardt. Seit ein paar Tagen ist die promovierte Verwaltungsjuristin unterwegs, um die nötigen 108 Unterstützerunterschriften zu sammeln, die sie bis zum Stichtag am 26. Juli bei der Wahlleitung des Landkreises abgeben muss. Wenn alles klappt wie geplant tritt die 63-Jährige unterstützt von der „Bürgerliste Kirchwalsede – Deine Meinung zählt!“ (BLM) an. Hornhardt bestätigte auf Nachfrage der Redaktion ihre Motivation, so kurz vor Toresschluss doch noch den Hut in den Ring zu werfen, kurz und knapp: „Die Menschen im Landkreis sollten eine echte Wahl haben, wer für sie an führender Position im Landkreis tätig ist. Ich erlebe eine große Freude bei mir bekannten und unbekannten Menschen, dass ich mich für dieses wichtige Amt zur Verfügung stelle. Über diese Unterstützung freue ich mich natürlich sehr.“ Nach Ansicht der Mutter eines erwachsenen Sohnes sollten „Politiker während ihrer Tätigkeit immer die Menschen und ihre Anliegen in den Mittelpunkt stellen.“ Sie sei hoch motiviert und habe sich bereits einen kleinen politischen Leitsatz zurechtgelegt: „Bewährtes behalten und mit neuen Ideen und einem anderen Umgang miteinander Positives für die Menschen im Landkreis erreichen.“

Die 63-jährige Kirchwalsederin Dr. Gabriele Hornhardt will für den Landratsposten kandidieren.

Erfahrung in der „großen Politik“ hat Hornhardt, die seit 1989 in der Bundes-Verkehrsverwaltung mit dem Schwerpunkt Umwelt- und Wasserrecht sowie Planung und Raumordnung tätig ist, bereits während einer Wahlperiode bis 2016 im Rotenburger Kreistag gesammelt, wo sie ihr Mandat damals noch für die CDU wahrgenommen hatte. Hornhardt stammt aus einer christdemokratisch geprägten Familie, hat die Union aber im Sommer 2015 nach 27 Jahren Mitgliedschaft verlassen. Damals hatte sie einigen CDU-Granden vorgeworfen, dass sie ein „überholtes Weltbild von Frauen“ hätten und der Meinung seien, dass sie „sowieso alles besser können“. Auch das Vorgehen der Kreisverwaltung auf Leitungsebene zu den Themen Umwelt, Bau und Wasser fand Hornhardt damals wie heute „sehr fragwürdig.“ Daraufhin hatte sie sich der Wählergemeinschaft Freien Bürger (WFB) beziehungsweise jetzt der BLM angeschlossen. Sie sitzt zurzeit für die Bürgerliste Kirchwalsede auch im örtlichen Gemeinderat und für die Wählergemeinschaft Samtgemeinde Bothel im Samtgemeinderat an der Wiedau.

Klingbeil will bei „Gartengesprächen“ punkten

Der Kreisvorsitzende der Linken, der 34-jährige Stefan Klingbeil aus Rotenburg, reihte sich dann zur Mittagsstunde mit einer schriftlichen Stellungnahme mit ins Rennen ums Landratsamt ein. Auch er führt wie Hornhardt vor allem Gründe einer „echten Wahl“ für die Bürger an. Dass es nur einen Kandidaten gebe, „gefährdet die Akzeptanz demokratischer Wahlen und erzeugt Nicht-Wählerinnen“. Und weiter: „Damit Bürgerinnen und Bürger überhaupt eine Wahl haben, habe ich mich bereit erklärt, Landrat zu werden und Aufbruchsstimmung mitzubringen.“ Die Wahl am 12. September dürfe nicht zur „Farce“ verkommen, so der Heilerziehungspfleger, Bildungswissenschaftler und Masterstudent der Soziologie. Ihm sei aber auch klar, dass die Chancen gegen Politik-Schwergewicht Prietz nicht allzu groß und die Mittel der Partei Die Linke im Kreis für einen Wahlkampf gering sind: „Die Linkspartei wird finanziert durch ihre Mitglieder und privaten Spenderinnen, nicht durch millionenschwere Lobbyvereinigungen, wie es bei anderen Parteien Usus ist.“ Vor allem wolle er in den kommenden Wochen direkt mit den Menschen kommunizieren, um bei „Gartengesprächen“ seine Politik darzustellen.

Stefan Klingbeil will den Bürgern eine echte Wahl ermöglichen.

Unterstützung für Hornhardt von Grünen und WFB

Wie die anderen Kreisparteien mit der Situation umgehen, ist am Freitag noch offen. SPD-Unterbezirksvorsitzender Nils Bassen – Anfang 2020 von den Linken zu den Sozialdemokraten gewechselt – deutet „vielleicht“ einen Austausch mit Klingbeil an, das müsse die Partei aber noch entscheiden. Auch mit Hornhardt werde man sich beschäftigen. Klar sei aber auch: Einen eigenen Kandidaten der SPD wird es nach dem Rückzug von Volker Harling nicht mehr geben.

Die Grünen dagegen haben sich bereits entschieden. Nicht nur gebe es eine „Grundsatzfreude“, dass wieder eine richtige Wahl zwischen Kandidaten möglich sei. Sie empfänden Hornhardt auch als eine „sehr erfahrene Politikerin mit gutem Ruf“, sagt der Kreissprecher Hans-Jürgen Schnellrieder. Die Unterstützung der Grünen sei ihr im Wahlkampf sicher. Das ist bei der WFB genau so. Denn auch wenn die Wählergemeinschaft mit der CDU im Kreistag derzeit eine „Koalition“ bildet, ist für deren Kreisvorsitzenden Hubert Fiedler klar: „Sie ist fachlich kompetent und eine richtige Bereicherung“. Die Landratswahl sei eine reine Persönlichkeitswahl – für die WFB stehe Hornhardt vorne. Die FDP hat angekündigt, ihre Empfehlung Ende August zu geben - diesen Zeitplan hatte man sich auch schon beim Kandidatenduo Prietz/Harling auferlegt.

Kommentar von Jens Wieters

Keine Chance, aber die müssen sie nutzen

Nein, ein Angsthase ist Gabriele Hornhardt nicht. Sie scheut keine Diskussion, sie geht keinem Streit aus dem Weg und sorgt mit ihrer Art Politik zu machen ab und an für Aufsehen. Klar, dass nicht alle damit einverstanden, wenn sie auf eigene Faust ein Bürgerbegehren ins Leben ruft, das das Ziel hat, den neuen Kindergarten im alten Kirchwalseder Sparkassengebäude zu verhindern.

Jetzt lässt sie sich beim Blick auf den Posten einer Landrätin auch nicht von der vermeintlichen Übermacht eines Marco Prietz erschrecken, der Hornhardts ehemalige Parteifreunde hinter sich weiß. Und mit denen hat die Frau Doktor sowieso noch ein Hühnchen zu rupfen, denn bevor sie 2015 kalt abserviert worden wäre, hat sie selbst das Parteibuch zurückgegeben.

Das war damals umso erstaunlicher, weil Hornhardt aus einer strammen CDU-Familie stammt, dessen Oberhaupt Fritz-Alexander Hornhardt politisch auf vielen Ebenen aktiv war. Nach dessen Tod hat sich die Tochter freigeschwommen und ihren Fokus politisch besonders auf Natur- und Umweltschuss gelegt. Und zwar nicht nur, weil es gerade angesagt ist, Autos böse und Fahrräder gut zu finden, sondern man nimmt ihr das Engagement ab, ein kleines Stück des Rotenburger Klimas zu retten.

Und die Wähler? Die dürfen sich freuen, denn mit Hornhardt und Stefan Klingbeil von den Linken, der fast zeitgleich mit der Kirchwalsederin mit seiner Kandidatur um die Ecke kam, haben die Wähler jetzt tatsächlich eine Wahl. Klingbeil braucht vorab keine Unterstützerunterschriften, weil ihn eine Partei aufstellt, Hornhardt hingegen schon. Aufgeben war aber noch nie eine Option für sie.Was sie allerdings als Landrätin oder auch als normales Mitglied eines politischen Gremiums noch lernen muss: Ist eine Entscheidung demokratisch getroffen, muss man sich damit abfinden, auch wenn man anderer Meinung ist.

Hornhardt und Klingbeil brauchen im Sinne der Demokratie in den kommenden beiden Monaten nun auch ein bisschen Glück, um die Chance zu nutzen, die sie eigentlich gar nicht haben.

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