Gespräch über Unterstützung im Alltag

Mütter mit Borderlinesyndrom: „Unsere Krankheit sind nicht wir“

Tanja Seifert (r.) und Jennifer Hasenbanck sind stolz auf den Weg, den sie eingeschlagen haben.
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Tanja Seifert (r.) und Jennifer Hasenbanck sind stolz auf den Weg, den sie eingeschlagen haben.

Die beiden jungen Mütter Jennifer Hasenbanck und Tanja Seifert leiden am Borderlinesyndrom. Um ihren Kindern trotzdem ein schönes Leben zu ermöglichen, nutzen sie die „Frühen Hilfen“ des Landkreises: Familienkrankenschwester Gesine Griephan unterstützt die beiden Rotenburgerinnen im Alltag, außerdem nehmen sie Angebote von Kidstime und des Familienforums Simbav wahr.

Rotenburg – Jennifer Hasenbanck, 31 Jahre, und Tanja Seifert, 35, teilen ein gemeinsames Schicksal. Die beiden jungen Mütter aus Rotenburg leiden an einer psychischen Erkrankung. Gemeinsam bewältigen sie ihre Probleme und haben dabei dasselbe Ziel: Sie wollen ihren Kindern ein schönes Leben ermöglichen. „Unsere Krankheit sind nicht wir“, sagt Seifert, die eine posttraumatische Belastungsstörung und das Borderlinesyndrom hat.

Genauso wie Jennifer Hasenbanck, die zusätzlich zum Borderlinesyndrom an einer Depression erkrankt ist, hat Tanja Seifert frühzeitig erkannt, dass ihr Weg leichter wird, wenn sie sich Unterstützung holt. „Sich Hilfe zu holen ist in meinen Augen kein Zeichen von Schwäche. Im Gegenteil: Für mich ist das Stärke. Und ich bin stolz darauf, was ich schon erreicht habe.“

Beide Frauen nutzen Angebote im Rahmen der „Frühen Hilfen“, die vom Landkreis Rotenburg unterstützt werden. Sie hatten sich zunächst beim DRK in Zeven gemeldet, das ihnen daraufhin die Familienkrankenschwester Gesine Griephan vermittelt hat. Ein Glücksfall, wie beide Frauen berichten: „Wir können uns jederzeit bei ihr melden. Sie war es auch, die uns die Angebote des Simbav ans Herz gelegt hat.“ Griephan ist dort ebenfalls im Einsatz und leitet unter anderem Angebote wie das Kreativ & Quatsch-Café.

Bereits seit Tanja Seifert mit ihrer Tochter im sechsten Monat schwanger war – heute ist das Mädchen eineinhalb Jahre alt –, wird sie von Griephan im Alltag unterstützt. „Aufgrund meiner psychischen Erkrankung habe ich viele Ängste. Als Ivy geboren ist, war ich deshalb mit ihr wegen jeder Kleinigkeit im Krankenhaus. Heute bin ich viel stärker geworden und kann solche Situationen besser einschätzen. Ich stehe zu meinen Ängsten und kann inzwischen besser mit ihnen umgehen“, so Seifert.

Besonders der erste Lockdown sei ihr damals sehr schwergefallen. „Ich hatte mir das alles so schön vorgestellt und wollte einen Geburtsvorbereitungskurs und Schwangeren-Yoga besuchen – aber all das war nicht möglich. Ich konnte mich auf die Geburt deshalb gar nicht richtig vorbereiten. Mit meinen Ängsten zu Hause zu sitzen, war in dieser Zeit ganz schlimm für mich“, erinnert sich die 35-Jährige. Gesine Griephan sei für sie in der Folgezeit eine große Stütze gewesen: „Sie ist für mich eine wichtige Begleiterin. Wir haben wöchentlich Kontakt.“

Im Simbav habe sie sich auf Anhieb gut aufgehoben gefühlt: „Hier bin ich unter Müttern, die nicht erkrankt sind, und habe das gute Gefühl, dass ich voll akzeptiert werde. Ich werde nicht verurteilt, obwohl ich mich früher selbst verletzt habe und davon Narben an den Armen habe. Der Austausch mit anderen tut mir sehr gut.“

Inzwischen gehe es deutlich besser, berichtet Seifert. Sie sei so selbstsicher geworden, dass sie nun im Simbav-Laden Düt & Dat arbeiten könne. „Seitdem läuft es auch in meiner Ehe besser, weil ich viel zufriedener bin. Mein Mann unterstützt mich und ist ein toller Vater. Ich klammere mich nicht mehr so sehr an meine Tochter und lasse auch andere Menschen an sie heran.“

Die Veränderung ist auch ihrer Freundin Jennifer Hasenbanck aufgefallen, die sagt: „Tanja ist viel offener geworden, seit ich sie kennengelernt habe.“ Auch die Mutter von drei Kindern, Pia (11), Luca (8) und Mayla (11 Monate) berichtet davon, dass sie zufrieden mit dem Weg sei, den sie eingeschlagen habe, auch wenn dieser noch weit sei. Wegen ihrer Depression hätten sich in der Vergangenheit viele Menschen von ihr abgewandt, deshalb habe sie oft alleine dagestanden.

Sie nutze nun neben der Angebote im Simbav und der Hilfe von Familienkrankenschwester Gesine Griephan auch Kidstime, einen Workshop für Eltern und Kinder in Familien, die von psychischer Erkrankung betroffen sind. „Wir treffen uns einmal im Monat. Ich würde am liebsten noch häufiger daran teilnehmen“, so Hasenbanck.

Weil sie aufgrund ihrer Erkrankung keinen Führerschein machen darf, sei sie nur bedingt mobil. „Gesine Griephan ist mit mir sogar zum Arzt gefahren und hat verschiedene Krippen besichtigt.“ Sie sei nicht nur für die Babys da, sondern auch für die Mütter. Das sei besonders für Alleinerziehende wichtig, denen oft der Rückhalt fehle. „Die Familienkrankenschwester hat uns auch unterstützt, als wir am Coronavirus erkrankt waren und die Wohnung deshalb nicht verlassen durften“, berichtet Jennifer Hasenbanck.

Um ihren Kindern zu erklären, warum sie an manchen Tagen anders als „normale“ Mütter ist, habe sie ihnen das Kinderbuch „Mamas Monster“ vorgelesen, in dem kindgerecht erklärt wird, was eine Depression ist. „Das hat vor allem meiner großen Tochter Pia sehr geholfen, die selbst unter dieser Erkrankung leidet.“

Die beiden Mütter machen anderen Eltern mit psychischer Erkrankung Mut, sich auch Hilfe zu suchen. „Kidstime, das DRK und das Simbav leisten wichtige Arbeit. Es ist wichtig, offen darüber zu reden, wie es einem geht. Unter Gleichgesinnten geht das am besten“, betont Tanja Seifert und erklärt: „Die Angebote des Simbav stehen jedem offen. Jeder entscheidet selbst, wann er bereit für ein Gespräch ist.“

„Ina Helwig hat sich für mich und Ivy eingesetzt – so bin ich schnell bei der Lebenshilfe untergekommen.

Tanja Seifert

Simbav-Leiterin Ina Helwig freut sich darüber, den Weg der beiden Frauen aktiv zu begleiten: „Mit den Frühen Hilfen des Landkreises sind wir gut aufgestellt. Das Simbav ist als Kompetenzzentrum für den Südkreis zuständig und damit oft erste Anlaufstelle für Eltern, die sich Unterstützung holen wollen. Unsere Arbeit geht dabei weit über die angebotenen Kurse hinaus.“ Das bestätigt Tanja Seifert, die lange vergeblich nach einem Krippenplatz für ihre Tochter gesucht hatte, aber immer wieder abgewiesen worden war. „Ina Helwig hat sich für mich und Ivy eingesetzt – so bin ich schnell bei der Lebenshilfe untergekommen.“

Besonders die Betreuung der Kinder spiele bei psychisch erkrankten Eltern eine wichtige Rolle, erklärt Ina Helwig: „Sie sind den ganzen Tag mit ihrer Erkrankung befasst. Wenn sie zusätzlich einen kleinen Steppke zu Hause haben, dann ist das eine große Herausforderung.“ Ein frühzeitiger Krippenplatz sei dann Gold wert, weil betroffene Eltern Zeit bräuchten, um sich auszuruhen, den Haushalt zu bewältigen und Therapiegespräche wahrzunehmen. „Wenn sie das Kind danach aus der Krippe holen, fällt es ihnen viel leichter, eine entspannte Mama oder ein geduldiger Vater zu sein“, betont Helwig.

Weil der Bedarf groß ist, möchte das Team des Simbav ein niederschwelliges Angebot für Eltern mit psychiatrischer Erkrankung schaffen. „Sie können auch alle anderen Angebote nutzen, was gut ist. Denn je mehr sie aktiv am Leben teilnehmen, desto besser ist es. Wir wollen ihnen aber auch einen geschützten Raum geben und sie an der Umsetzung beteiligen.“ Plan sei, das neue Angebot im ersten Quartal des kommenden Jahres in Angriff zu nehmen.

Einen Anspruch auf Unterstützung durch eine Familienkrankenschwester haben alle Eltern von Kindern bis maximal zu einem Alter von drei Jahren, erklärt Gesine Griephan. Interessierte können sich demnach bei Kompetenzzentren wie dem Simbav melden, „aber auch Ärzte und Krankenhäuser vermitteln den Kontakt“. Je nach Bedarf vereinbart sie zu Beginn bis zu zwei Termine wöchentlich. „Bei den meisten Familien ist schon nach einem Jahr Schluss“, so Griephan, die derzeit 14 Familien betreut, fünf davon sehr intensiv.

Informieren über „Frühe Hilfen“: Gesine Griephan (l.) und Ina Helwig.

Seit Ausbruch der Pandemie sei die Anzahl der Anfragen gestiegen. „Wir waren lange die Einzigen, die gekommen sind, weil viele andere Angebote eingestellt waren“, erinnert Griephan. Auch Jennifer Hasenbanck und Tanja Seifert sind nach eigenen Worten erleichtert, dass sie in dieser Zeit eine Familienkrankenschwester an ihrer Seite hatten: „Das war während des Lockdowns eine große Entlastung für uns.“

Simbav-Leiterin Ina Helwig geht fest davon, dass sich die Schließung wichtiger Angebote in Zukunft nicht wiederhole: „Als Träger der Kinder- und Jugendhilfe sind wir aktuell von den Verordnungen befreit. Wir setzen freiwillig Hygieneregeln um, weil wir unter anderem die Schwangeren schützen wollen.“

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