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Marcel Feddermann kämpft sich zurück ins Leben

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Von: Andreas Schultz

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Marcel Feddermann arbeitet an dem Rad eines Rollators.
Marcel Feddermann arbeitet trotz Beeinträchtigung wieder auf dem ersten Arbeitsmarkt: Im Sanitätshaus Rohde in Rotenburg kümmert er sich unter anderem um die Instandhaltung von Kundengeräten. © Schultz

Ein schwerer Autounfall wirbelt 2011 das Leben von Marcel Feddermann ordentlich durcheinander. Koma, Reha, schwere Verletzungen hinterlassen Beeinträchtigungen. Heute will er zeigen: Das muss nicht das Ende der Selbstbestimmung sein. Wie er sich zurück ins Leben und in die Arbeit kämpft, zeigt, dass ein starker Wille Berge versetzen kann.

Rotenburg – Wie es ist, Hilfe zu bekommen, weiß Marcel Feddermann gut. Nach einem schweren Autounfall, der den heute 31-Jährigen genauso gut das Leben hätte kosten können, erhält er viel davon. Mediziner retten sein Leben, Logopäden geben ihm nach dem Koma die Sprache zurück, Orthopäden liefern die Unterstützung fürs Gehen – die Liste ließe sich lange fortsetzen. Wichtig ist: Jetzt ist Marcel Feddermann mal dran. „Ich will Menschen helfen“, sagt er. Und dafür kämpft er sich zurück in Lohn und Brot.

Jobcoach Rudi Müntefering (v.l.), Mitarbeiter Marcel Feddermann und Rohde-Geschäftsführerin Lene Schindler freuen sich über den gemeinsam erreichten Erfolg.
Jobcoach Rudi Müntefering (v.l.), Mitarbeiter Marcel Feddermann und Rohde-Geschäftsführerin Lene Schindler freuen sich über den gemeinsam erreichten Erfolg. © Schultz

Im Winter 2011 gerät ein Kleinwagen aufgrund von Glatteis ins Schleudern und rutscht gegen einen Baum. Es ist ein Unfall, der das Leben für den Fahrer, Marcel Federmann, auf den Kopf stellen sollte. Er trägt schwere Verletzungen davon, ein Schädel-Hirn-Trauma, mehrere Brüche im linken Arm, sein linkes Bein ist im Grunde ein einziger Trümmerbruch, um nur ein paar Beispiele für die Folgen zu nennen. Fast zwei Jahre liegt er daraufhin im Koma, kann nach dem Aufwachen nicht sprechen, generell nicht viel tun.

Stimmungskanone im Sanitätshaus

Heute, nur wenige Jahre später, humpelt er energetisch mit seiner Gehhilfe durchs Sanitätshaus Rohde am Neuen Markt. Er strahlt vor Freude auf den Pressetermin, und ein bisschen ist es so, als würde ihm der Laden in diesem Augenblick gehören. Dabei hat er hier lediglich seinen Arbeitsplatz.

Marcel ist im Sanitätshaus die Stimmungskanone, so viel ist klar. „Gewisse Scherze erlaube ich mir mit jedem“, sagt er grinsend. Und das scheint seinem Image im Betrieb auch nicht abträglich zu sein. Die Chefin des Hauses weiß um die Wertigkeit ihres neuen Mitarbeiters. „Er ist unbezahlbar“, sagt Lene Schindler. Marcel Feddermann leistet hier viel: Er setzt neue Rollatoren und Rollstühle zusammen, kümmert sich um Wartung und Instandhaltung von Kundengeräten, erneuert Bremsen und Bautenzüge, erledigt Botengänge. Probefahrten nach den Reparaturen gehören zu seinem Aufgabengebiet, bei Bedarf auch das Testen des Akkustands. Im Großen und Ganzen ist er dabei seinem Steckenpferd Technik treu geblieben – nur eben nach dem Unfall mit neuer Ausrichtung.

Der Wille ist alles.

Marcel Feddermann

Als das Auto 2011 über das Eis schliddert, steht Marcel Feddermann kurz vor der Abschlussprüfung für seine Ausbildung zum Werkzeugmechaniker mit Fachrichtung Stanz- und Umformtechnik. Er spielt Fußball, schwimmt leidenschaftlich gern. Ins Schwimmbad kann er heute wieder, alles andere hat er aufgeben müssen. Spricht man jetzt mit dem 31-Jährigen, dann täuschen seine Lebhaftigkeit und sein Witz schnell darüber hinweg, dass es je ein Problem gab. „Der Wille ist alles“, sagt Marcel Feddermann – und man glaubt ihm das.

Die Eltern helfen natürlich dabei, ihren Sohn wiederaufzubauen. „Zieh! Zieh“, soll sein Vater ihn stetig angefeuert haben. Und er zieht. Der Funke jedoch, den scheint Marcel Feddermann schon immer in sich getragen zu haben. Das zeigt sich zum Beispiel, als die Behandlung des zertrümmerten Beins Wirkung zeigt und gespritztes Knochenmark die Beinknochen wieder nachwachsen lässt. Aus dem Funken wird eine Flamme. „Attacke jetzt“, sagte Feddermann sich. „Jetzt geht mein Leben wieder los.“

Lauftraining und Reittherapie

Als es ihm gut genug geht, kommt Feddermann zu den Rotenburger Werken. In einer WG für Schwerbeinträchtigte im Kalandshof lebt er, die Tagesförderstätte Phoenix hilft ihm in sein neues Leben. Er bekommt Lauftraining, Reittherapie für die Haltung und arbeitet schließlich in der Werkstatt für Behinderte. „Ich wollte einfach wieder arbeiten“, formuliert Feddermann überzeugt. Daran hält er sich seit dem Unfall fest: an dem Gedanken, wieder auf eigenen Füßen zu stehen – metaphorisch und buchstäblich.

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Im Programm „Tobbi“ (teilnehmerorientierte berufliche Bildung) absolviert er eine Berufsorientierung von zweieinhalb Jahren, macht zwei Praktika. Jobcoach Rudi Müntefering übernimmt. „Arbeit in der Region, Arbeit in den Rotenburger Werken“ – kurz: AIR – haben er und die Mitstreiter seines Teams sich auf die Fahne geschrieben. Sie bringen Menschen mit Behinderung in Beschäftigung. „Das Ziel ist der Traumjob. Oder aber dem so nah wie möglich zu kommen“, fasst er zusammen. Auf dem Weg dorthin steht das AIR-Team helfend zur Seite.

Eine Erfolgsgeschichte

Menschen helfen: Das ist Feddermann bei der Wahl seines Berufs wichtig. Als er noch im Krankenhaus liegt, hat er viel mit Menschen zu tun, die genau das machen. Unter anderem Fachleute aus dem Bereich der Orthopädie. All die vielen technischen Geräte, die Rollstühle, die Handschienen, Unterarmgehstützen, elektrische Treppenlifts: „Das ist der Wahnsinn“, sagt Feddermann aufgeregt. Die Faszination ist groß, die berufliche Richtung klar. Und so sitzen Müntefering, Schindler und Marcel Feddermann eines Tages im Sprechzimmer bei Rohde und erzählen die Erfolgsgeschichte davon, wie Letzterer schon rund ein halbes Jahr mit wachsender Begeisterung am Neuen Markt arbeitet. Ab Oktober als Praktikant, seit 1. Januar fest. Jeden Tag von 9 bis 15 Uhr. „Hier wird Menschen geholfen, und ich helfe gern“, sagt Feddermann. „Und das Geld ist ein schöner Nebeneffekt“, scherzt er.

Versuche mit Erfolg

360 Menschen arbeiten in der Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM). 90 davon haben im Verlauf der letzten sieben Jahre über AIR den Schritt auf den Ersten Arbeitsmarkt probiert – „sie haben es immerhin versucht“, erkennt Jobcoach Rudi Müntefering an. 20 haben es wie Marcel Feddermann auf ausgelagerte Werkstattplätze geschafft, acht in sozialversicherungspflichtige Tätigkeit.

Technisch gesehen arbeitet Feddermann noch für die Werkstatt der Werke. Dort ist er sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Die Werke haben mit Rohde einen Vertrag abgeschlossen, aus der Bezahlung wird Feddermanns Arbeitslohn und zum Teil die Arbeit von AIR finanziert. Ein Modell, wie es sich das Trio für viele Rotenburger Unternehmer vorstellen kann. „Jeder mittelständische Betrieb hat die Möglichkeit, so einen Außenarbeitsplatz zu schaffen“, ist Schindler sicher. Sie ruft die Gewerbetreibenden dazu auf, ebenfalls über derartige Arrangements nachzudenken, vielleicht ließen sich auf diesem Weg neue Dienstleistungen etablieren, Reparaturdienst beispielsweise durch Bringdienste ergänzen.

Das käme auch dem entgegen, was Feddermann anderen Menschen mit Behinderung mit auf den Weg geben will: Wer sich ein Ziel setzt und starken Willen zeigt, kann weit kommen.

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