INTERVIEW ZUM WOCHENENDE „Was uns auf dem Land stark macht“

Zukunft Heimat: Sandra Pragmann über das Ehrenamt

Sandra Pragmann vor dem Kreishaus in Bremervörde
+
Sandra Pragmann sieht das Ehrenamt als wichtigen Pfeiler des Lebens im ländlichen Raum.

Ohne sie geht wenig im ländlichen Raum: Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren. Welche Bedeutung die Freiwilligen auch in Zukunft für die Gesellschaft haben, darüber haben wir mit Sandra Pragmann, Ehrenamtskoordinatorin des Landkreises, gesprochen.

Bremervörde – Sie gehören zu dem Leben im ländlichen Raum einfach dazu: die Feuerwehr, der Sportverein, die Altennachmittage, die Jugendgruppen. Dahinter stecken fast immer Ehrenamtliche. Im Rahmen unserer Themenwoche „Zukunft Heimat“ haben wir mit Sandra Pragmann, Ehrenamtskoordinatorin des Landkreises, gesprochen – über die Bedeutung, die die Arbeit von Freiwilligen in der Region hat, und wie sie sich entwickeln wird.

Das Leben auf dem Land ist durchdrungen von ehrenamtlichen Engagement. Was würde passieren, wenn das wegbricht?

Grundsätzlich wäre eine Gesundheitsversorgung nicht mehr gesichert – wenn wir Feuerwehr und DRK nicht hätten und das hauptamtlich laufen müsste. Das stelle ich mir schwierig vor. Und in den anderen Bereichen würden Lücken bleiben. Wir hätten keine Kulturangebote, außer Fitnessstudios und hier und da Kurse keine Sportangebote – und am Ende auch keine Dorfstrukturen mehr. Das, was uns auf dem Land stark macht, findet ja weniger auf der Straße als in den Vereinen statt.

Ist die Bedeutung des Ehrenamtes etwas Spezifisches für den ländlichen Raum?

Jein. Im ländlichen Raum gibt es oft keine Akteure, die damit hauptberuflich unterwegs sind. Ich kann in der Großstadt immer musizieren oder singen gehen. Wenn ich das hier man will, gehe ich in einen Chor – und die sind in der Regel ehrenamtlich getragen. Dafür haben wir hier grundsätzlich ein leichteres, schöneres Miteinander, dadurch, dass wir diese selbstgewachsenen Strukturen haben, aus Freundschaften, aus Nachbarschaften. Das ist der große Vorteil, dagegen müssen die Städter künstlich Treffpunkte schaffen.

Wie wird sich die Rolle des Ehrenamtes in den nächsten Jahren entwickeln?

Es wird noch wichtiger werden, weil die familiären Strukturen sich verändern. Menschen brauchen Menschen, das ist auf dem Land und in der Stadt so. Wir müssen sehen, wie wir Kontakte halten, wie wir Begegnungen schaffen. Beispielsweise, wenn der letzte Supermarkt im Ort dicht macht, bin ich froh über jede Gruppe, über jeden Verein, der sagt: Wir machen einen Dorfladen auf. Wir werden für die Babyboomer schöne Freizeitangebote, die dieser Generation entsprechen, brauchen.

Ist das lediglich eine Hoffnung, oder auch real umsetzbar?

Ich halte das durchaus für machbar. Es gibt so viele, die gerne etwas machen würden. Das sehe ich auch jetzt in Corona-Zeiten, dass so viele hilfsbereit sind oder auch Anstoß bekommen haben, irgendwo mitzumachen. Die Menschen sehen ja, wo der Bedarf ist. Sie müssen aber vielleicht auch erst einmal aktiviert werden, dass sie diese Rolle selber einnehmen und nicht einfach nur nach dem Staat zu rufen. Weil sie zum Beispiel den Schlüssel zum Gemeindehaus haben und einen Treffpunkt ins Leben rufen – vielleicht auch mit mehr, als einfach nur Butterkuchen und Kaffee. Nähen oder andere Do-it-yourself-Sachen zum Beispiel. Wir brauchen einfach Räume, wo das möglich ist.

Räume im übertragenen oder wörtlichen Sinne?

Beides. Aber im Grunde fängt alles mit einem tatsächlichen Raum an. Was das für einer ist, ist dabei gar nicht so relevant – und wenn das ein Stehtisch im Edeka in der Ecke ist: Auch da geht das mit dem Dorfschnack. Und wenn es der kleine Raum bei der Turnhalle ist, dann nutze ich den. Das ist völlig egal. Auf jeden Fall ist es spannend, wie sich alles entwickeln wird. Vielleicht gibt es Vereine, die sich neu und anders um die Dorfgemeinschaft kümmern. Denn was ist, wenn der Altennachmittag irgendwann wegfällt? Oder es den Schützenverein nicht mehr gibt?

Welche Auswirkungen hat die seit mehr als eineinhalb Jahren andauernde Pandemie auf ehrenamtliches Engagement und seine Entwicklung?

Die Mitarbeit in den Vorständen ist noch mehr zurückgegangen. Wir können das zwar nicht messen, aber die Rückmeldungen fühlen sich ganz stark danach an. Menschen, die schon vorher mit dem Rückzugsgedanken gespielt hatten, haben aufgegeben. Dann kam da die Zusatzlast mit Corona, die Verantwortung: Wenn nur noch die Pflichtaufgaben bleiben, dann ist der Spaßfaktor nicht mehr da. Und die Verantwortung, jetzt Hygienekonzepte zu schreiben, führt nicht gerade dazu, dass das alles attraktiver geworden ist. Gleichzeitig gibt es eine große Hilfsbereitschaft, egal ob es darum geht, Impftermine für Nachbarn zu machen, für sie einzukaufen, sie irgendwo hinfahren. Jetzt müssen wir die Leute dort abholen, wo sie stehen. Wir haben jetzt jede Menge Instrumente: impfen, testen, FFP2-Maske, und dennoch trauen sich viele gerade nicht. Das ist für beide Seiten – für die, die an Treffen teilnehmen wollen, als auch für die, die das organisieren – gerade der totale Hemmschuh. Und gerade schläft gefühlt alles wieder ein, weil die Sicherheitsmaßnahmen für viele Vereine einen Aufwand erreicht hat, der nicht mehr leistbar ist.

Ist das ein Balanceakt?

Eher ein ganz schmaler Grat, eine Entscheidung, die jeder Verein für sich treffen muss. Und dieser schmale Grat ist eine Riesenverantwortung, und man hat in jedem Verein wahrscheinlich ohne Ende Diskussionen. Das zehrt an den Nerven, weil das jetzt auf den Schultern der Ehrenamtlichen ausgetragen wird. Die Diskussion rund um Corona in den Vereinen ist sehr anstrengend. Natürlich geht es irgendwann wieder los, auch wenn es dann einige Gruppen nicht mehr gibt. Aber die waren unter Umständen schon vorher angeschlagen und standen ohnehin bereits auf der Kippe.

Was kann der Staat tun, um ehrenamtliches Engagement zu fördern und zu schützen? Und was der Landkreis vor Ort?

Im Grunde machen wir das seit Jahren schon, wir nennen das Engagement ermöglichen, in dem wir so wenig Steine wie möglich in den Weg legen. Man muss den Menschen, die sich engagieren wollen, Informationen zukommen lassen, ihnen beratend zur Seite stehen, viel zeigen, was das Ehrenamt ist, was es ausmacht und was es sein kann. Auch die, die ein loses Interesse haben, müssen einen Zugang finden. Das ist ganz wichtig. Wir brauchen auch eine Verschlankung im Verwaltungsaufwand, es muss einfacher werden, sich zu engagieren. In den Jobs außerhalb der Vorstände haben wir das ja auch, da engagieren sich viele. Besonders in den Dörfern ist das wichtig, dass wir, wenn es Ideen gibt, die Leute dann auch machen lassen. Am Ende sind es ganz banale Sachen, die es für ehrenamtliches Engagement braucht: einen Raum, jemanden, der den Schlüssel verwalten darf, und eine Kaffeemaschine.

Wie ist denn das in den Vorständen: Gibt es da zu viel bürokratisches Klein-Klein, das sich noch abbauen lässt?

Für die meisten ist es aktuell zu kompliziert, sonst hätten wir mehr Leute in den Vorständen. Gemeinnützigkeit ist nicht für jeden leicht verständlich. Ab einer gewissen Vereinsgröße empfiehlt es sich daher, einen Steuerberater dazu zu holen. Aber das ist auch wieder eine finanzielle Frage, und in allen Vereinen geht es am Ende ums Geld. Da würde ich mir schon wünschen, dass sich da die Politik Gedanken macht, wie sich das vereinfachen lässt. Beispielsweise, dass das Vereins- und Haftungsrecht mal klarer formuliert wird. Noch störender sind allerdings die Menschen, die auf dem Haftungsrecht herumhacken und anderen Angst machen, in dem sie sagen: „Du stehst mit einem Bein im Gefängnis.“ Wenn man als Kassenwart eine Sicherheit für sich gefunden hat, führt man die Kasse auch sauber, und dann passiert einem auch nichts. Es muss lediglich alles dokumentiert sein – und dann ist man haftungsrechtlich raus. Und für die kleinen Lücken, die dann bleiben, gibt es Versicherungen, sodass man als Ehrenamtlicher nicht dran ist. Diese Infos streuen wir seit 13 Jahren, und trotzdem kommen machen wieder Menschen, die sich selber nicht engagieren, denen, die es tun wollen, Angst. Es ist klar, dass für Ehrenamtliche auch alle Regeln und Gesetze gelten, aber man muss ihnen mit viel Nachsicht und Zeit zum Erklären begegnen.

Wie kann man Arbeitgebern über die Hemmschwelle hinweghelfen, ihre Mitarbeiter für bestimmtes ehrenamtliches Engagement freizustellen?

Ich glaube, dass diejenigen, die sich engagieren, im Vorwege mit ihren Arbeitgebern gesprochen haben. Es ist aber noch ausbaufähig. Bei der Feuerwehr ist das ja mit der Freistellung geregelt, in den Räten sieht das allerdings anders aus. Die meisten Betriebe wollen das auch und erkennen auch den Mehrwert. Dass sie eben einen vielschichtigen, nebenbei weitergebildeten und empathischen Mitarbeiter haben – durch das Ehrenamt, mit seinen automatischen Zusatzqualifikationen.

Wie sieht es mit der Überalterung im Ehrenamt aus? Wie lässt sich da gegensteuern?

Die Vereine müssen offen sein, frühzeitig junge Menschen mit einzubinden. Wenn ihnen das gelingt, haben sie gute Chancen, junge Nachfolger zu finden. Wenn sie aber schon jahrelang niemanden reingelassen haben, kommt dann auch an Tag X keiner. Auch das propagieren wir seit Ewigkeiten: Dass ein regelmäßiger Wechsel im Vorstand wichtig ist, um offen zu bleiben. Dass man keine Angst vor Machtverlust oder dass die anderen „es nicht richtig machen“ hat.

Ist Zeitmangel ein Faktor bei der Entscheidung sich ehrenamtlich zu engagieren?

Ja. Definitiv. Mittlerweile brauchen wir eine absolute Flexibilität in den Vorständen, alleine für die Treffen. Für viele ist es zudem wichtig, dass sie sich flexibel engagieren können. Das ist eine große Herausforderung, da neue Freiwillige zu finden. Zum Beispiel für den Kindersport: Viele haben nachmittags keine Zeit, weil sie dann arbeiten. Für flexible Aufgaben, die sich losgelöst von festen Zeiten und von zu Hause machen lassen, beispielsweise die Pflege der Homepage, finden sich noch eher Menschen. Der Faktor Zeit ist ein Riesenproblem.

Worin besteht der Zusammenhang zwischen ehrenamtlichen Engagement und die Verbindung zur Heimatregion?

Es ist definitiv so, dass wenn ich mich mit meiner Heimat verbunden fühle, dass ich mich schon aus diesem Gefühl heraus leichter engagiere. Gleichzeitig, je mehr ich mich engagiere, desto mehr Verbundenheit entsteht. Alleine das Mitwirkenwollen schafft ja das, was wir als Heimatgefühl haben und was uns von der Stadt unterscheidet. Jeder hat irgendwie ein bisschen Anteil, und nicht alles ist vom Staat oder einer privaten Institution mit Geld geregelt. Mit Heimatgefühl engagiert es sich leichter, man fühlt sich verbunden und verantwortlich für viele kleine und große Dinge.

Wir reden viel über den Bürgerbus, die Feuerwehr, das DRK. Gibt es ein Ehrenamt, das nicht so bekannt ist, das aber mehr Aufmerksamkeit verdient?

Alles im sozialen Bereich, aber auch im Umweltbereich sind viele aktiv. Wir sprechen immer über die „Großen“, aber auch im kirchlichen Bereich gibt es viel, das mehr Aufmerksamkeit verdient hätte, oft aber in der Wahrnehmung, vor allem bei der Kirchenmusik, wenig stattfindet. Oder die Schriftwartin, die nicht auf dem Foto ist, zum Beispiel. Der Betreuer, der immer mitfährt und sich kümmert, dass alle zum richtigen Zeitpunkt da sind, der die Whatsapp-Gruppe bespielt – der aber nicht offiziell der Trainer ist. Das müsste noch viel mehr hervorgehoben werden. Oder auch das junge Engagement: Es gibt wahnsinnig viele Schülerinnen und Schüler, die sich auf ihre Art einbringen und in Gruppen aktiv sind und Ideen einbringen. Das wird oft vergessen und klein geredet – und das muss sich ändern.

Ehrenamt kostet Zeit und bedeutet Arbeit. Warum sollte ich das machen?

Im Idealfall macht es trotz vieler Arbeit Spaß. Wenn man sieht, dass etwas geklappt hat, die Veranstaltung hat funktioniert, das Konzert war super, dann weiß man: Die Zeit hat sich gelohnt. Deswegen appelliere ich daran, dass die Menschen Spaß an ihrem Engagement haben. Denn es soll etwas sein, worauf man sich freut, worin man gerne Zeit investiert. Nur pures Pflichtgefühl – das reicht nicht!

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

Fünf Jahre nach der Tat: Visselhöveder Rachemord-Prozess beginnt

Fünf Jahre nach der Tat: Visselhöveder Rachemord-Prozess beginnt

Fünf Jahre nach der Tat: Visselhöveder Rachemord-Prozess beginnt
Was traut man uns noch zu?

Was traut man uns noch zu?

Was traut man uns noch zu?
Sottrumer Ehepaar auf dem Weg zum Jagdschein

Sottrumer Ehepaar auf dem Weg zum Jagdschein

Sottrumer Ehepaar auf dem Weg zum Jagdschein
Eltern warten auf Impftermine

Eltern warten auf Impftermine

Eltern warten auf Impftermine

Kommentare