Zirkus Morsa ist eine von 13 Gruppen beim „La Strada“

„Zirkuskunst ist kein Sport“

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Ob für Rosa Wilm und Moritz Böhm auch die herkömmlichen Gesetze der Schwerkraft gelten, darf angesichts ihrer Kunst getrost hinterfragt werden.

Rotenburg - Von Michael Krüger. 13 Gruppen aus der ganzen Welt, 45 Shows an einem Wochenende – die neunte Auflage von „La Strada – Straßenzirkus unterwegs“ in Rotenburg hat seit gestern Abend wieder einiges zu bieten. Teil des Spektakels sind Rosa Wilm und Moritz Böhm mit ihrem Zirkus Morsa und dem Programm „La Fin Demain“ (auf Deutsch etwa: Morgen das Ende).

„Wie überlebt man in einer Welt, die scheinbar jeden Moment umkippt?“ Diese Frage steht über der Vorführung, die vier Mal auf der Bühne des Kirchhofs geplant ist. Wilm und Böhm begeben sich dabei auf eine schwankende Reise entlang der Kreativität. Mit einem Seil, einer Rolle und einem Brett ausgestattet, verfolgt das Artistenpaar bei seiner Performance das Ziel, die Zuschauer von der Schönheit der Natur, der Reichheit des Einfachen und von der Freude an der Teamarbeit zu überzeugen. Dabei erzählen sie die Gesichte von zwei sich unbekannten Personen, die sich kennen und einander vertrauen lernen.

Die Beiden fanden ihren Weg zum Zirkus auf Umwegen. Böhm studierte erst Chemie, seine Leidenschaft zur Balanceakrobatik und zu Merkwürdigkeiten brachten ihn schließlich zum Zirkus. Wilm auf der anderen Seite tanzte durch ihre gesamte Kindheit, während ihrer Studien in physischer Geografie lernte sie die Natur und verschiedene Kulturen sowie Landschaften kennen. „Zirkus Morsa“ entstand schließlich 2013 als Wilm und Böhm ihre professionellen Studien am „Centre Régional des Arts du Cirque“ in Chambéry, Frankreich, begannen.

Frau Wilm, Herr Böhm: Wie wird man Straßenkünstler?

Zirkus Morsa: Aus Leidenschaft und Motivation.

Was fasziniert Sie daran, als Künstler auf Straßen und den Festen dort aufzutreten?

Zirkus Morsa: Vor allem der direkte Bezug zum Publikum. Es ist ein Publikum, das nicht unbedingt gewöhnt ist, Kunst zu erleben. Die Faszination ist, ein Stück Kunst an einen öffentlichen, nicht dafür vorgesehenen Ort zu bringen.

Was ist beim Spielen auf der Straße anders als in einer Halle oder in einem klassischen Zirkuszelt?

Zirkus Morsa: Im Freien aufzutreten, bedeutet mehr Ablenkung durch Nebengeräusche, die Umgebung ist weniger konzentriert und man ist vom Wetter abhängig. Auch die Gründe, aus denen die Zuschauer zur Vorstellung kommen, sind andere: Auf der Straße sind sie oft einfach nur so zufällig vorbeigekommen. Es sind Menschen mit ganz verschiedenen Hintergründen, nicht nur „kulturell gebildete“ Theatergänger. Oft wissen die Zuschauer zum Beispiel nicht, dass, auch wenn das Stück im Freien gezeigt wird, das Handy aus und das Kind ruhig sein sollte und Ähnliches. All das macht es zwar schwieriger, das Publikum in unseren Bann zu ziehen, dafür ist man näher an den Menschen, man sieht als Artist die Gesichter im Publikum (im Theater blenden einen meistens die Scheinwerfer). Insgesamt ist es sehr echt und unverfälscht.

Wie sehr sind Sie angesichts der Gagen davon abhängig, dass die Menschen Geld in den Hut werfen?

Zirkus Morsa: Das kommt auf das Festival und die Gagen an. Das reicht von „die Gage reicht aus“ bis hin zu „es gibt nur den Hut“. Mit Gage verdient man mehr, ist nicht vom Wetter abhängig und ist außerdem versichert. Zudem zahlen wir dann in die Rente ein und so weiter. Wenn die Gage nicht ausreicht, sind wir abhängig von Hutgeld. Das funktioniert dann nach dem freien Preissystem, das heißt, das Publikum kann entscheiden, wie viel es zahlen möchte. Dabei kann man sich an den normalen Preisen für Kino oder Theater orientieren.

Sie treten bei La Strada in Rotenburg auf. Schon mal was von Rotenburg oder „La Strada – Straßenzirkus unterwegs“ hier gehört?

Zirkus Morsa: Bisher noch nicht.

Auf was dürfen sich die Zuschauer in Rotenburg denn heute und morgen freuen?

Zirkus Morsa: Auf ein schönes Festival mit einem bunten Programm und hoffentlich gutes Wetter.

Sie treten vor der Stadtkirche auf – ein besonderes Ambiente. Passt es zu Ihrer Vorstellung?

Zirkus Morsa: Wir kennen den Ort noch nicht, aber hoffentlich passt er.

Sie kommen aus München, wurden aber in Frankreich ausgebildet. Wieso das?

Zirkus Morsa: In Frankreich hat Zirkus einen anderen Stellenwert und wird – anders als in Deutschland – als Kunstform angesehen. Deutschland ist Frankreich in dieser Hinsicht etwa 30 Jahre hinterher. Daher gibt es dort mehr und bessere Ausbildungsmöglichkeiten. Auch das Sozialsystem ist in Frankreich künstlerfreundlicher, das heißt, man kann in Frankreich einen künstlerischen Beruf annehmen, ohne einen Nebenjob ausüben zu müssen, wie es in Deutschland meist der Fall ist.

Vermissen Sie manchmal das „normale“ Leben?

Zirkus Morsa: Definieren Sie bitte „normales“ Leben! Manchmal wären wir gerne etwas öfter zu Hause, aber nur manchmal.

Wie sieht Ihr Alltag aus? Wie oft proben Sie?

Zirkus Morsa: So oft wir können, denn es ist wichtig, in Form zu bleiben. Wenn wir auf Tournee sind, bleibt oft wenig Zeit zu trainieren. Im Winter haben wir etwas mehr Zeit, dann arbeiten wir an einem neuen Stück und trainieren etwa zwei Stunden pro Tag.

Was waren bisher die größten Auftritte?

Zirkus Morsa: Das kann man so nicht sagen. Dieses Jahr waren wir in „Chalon dans la rue“, das ist ein großes Festival in Frankreich. Ein interessanter Spielort war ein buddhistisches Zentrum in den französischen Alpen. Ein sehr schönes Festival war auch das Ana Desetnica in Slowenien.

Auch herumreisende Straßenkünstler brauchen bestimmt mal Urlaub. Wie und wo verbringen Sie am liebsten Ihre freie Zeit?

Zirkus Morsa: In der Natur, am liebsten am Meer.

Wie haben wir uns die Entwicklung eines neuen Stückes vorzustellen?

Zirkus Morsa: Ein Stück zu entwickeln dauert lange, es hängt natürlich ab von der Länge des Stückes, dem künstlerischen Anspruch und wie viel Zeit man hat. Während der Tournee beispielsweise können wir nicht gleichzeitig ein neues Stück entwickeln, der Sommer fällt also als Arbeitszeit schon mal weg. Seit Ende vergangenen Jahres arbeiten wir an einem neuen Stück, das im Mai Premiere haben wird. Auf Open-Air-Festivals wird es aber nicht zu sehen sein, denn diesmal ist es ein Stück für drinnen.

Wie einigen Sie sich auf eine Choreografie? Steckt dahinter immer ein bestimmtes Thema?

Zirkus Morsa: „Einigen“ ist ein gutes Stichwort, denn bei der gemeinsamen Arbeit geht es viel um Kommunikation. Zusätzlich arbeiten wir mit einem „Auge von Außen“, das heißt, mit jemandem, der uns hilft, das Stück zu kreieren.

Sind Ihre Aufführungen reine Akrobatik und Balance oder stehen auch Aussagen hinter den Darbietungen?

Zirkus Morsa: Zirkuskunst ist kein Sport. Es geht vor allem um die Aussage. Uns ist es dabei wichtig, dass jeder einzelne Zuschauer das Stück interpretieren kann, wie er will, abhängig von seiner Vergangenheit, seinen Erfahrungen, seiner Persönlichkeit. Es gibt nicht die eine Aussage, die man verstehen muss.

Sind Norddeutsche leicht zu begeistern oder eher die Zuschauer aus südlichen Gefilden?

Zirkus Morsa: Wir waren bisher mit „La fin demain“ in Hildesheim und in Hamburg, auf beiden Festivals war das Publikum super. Obwohl wir eigentlich von dort kommen, haben wir unser Stück noch nie in Süddeutschland gezeigt. Unser südlichster Auftrittsort bisher war in Spanien.

Fassen Sie bitte kurz zusammen: Warum sollen wir am Wochenende zu Ihren Auftritten kommen?

Zirkus Morsa: Es ist schwierig, für unser eigenes Stück Werbung zu machen. Aber Kommen lohnt sich auf alle Fälle! Die Leute sind von unserem Stück oft sehr berührt.

Zirkus Morsa tritt heute um 13.15 und 16.15 Uhr sowie morgen um 14.45 und 17.45 Uhr auf der Bühne vor der Stadtkirche auf.

Mehr auf: http://zirkusmorsa.de

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