Zevener Jugendherberge dient zurzeit als Flüchtlingsheim

„Wir sind prädestiniert“

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Der Syrer Mahmoud Ali vor der Zevener Jugendherberge, die er mit etwa 100 anderen Flüchtlingen bewohnt.

Zeven - Von Matthias Röhrs. Jugendherbergen sollen vermehrt Flüchtlinge unterbringen. Auch im Zevener Haus im Wald „Großes Holz“ leben schon seit längerem Asylbewerber dort, wo sonst Schüler ihre Klassenfahrten verbringen. Unterschiede zu ihnen gibt es wenige.

Auf dem ersten Blick wirkt alles normal an der Jugendherberge Zeven-Bademühlen. Kinder spielen unter Laubbäumen im Sand, fahren mit dem Rad, Trettreckern aus Plastik oder klettern an den Spielgeräten rund um das Backsteingebäude mitten im Wald.

Seit Februar bringt das Bundesland Bremen dort etwa 100 Flüchtlinge unter. „Wir sind dafür prädestiniert“, sagt Herbergsleiter Jan Feldmann. Es gebe die nötige Infrastruktur, gut ausgestattete Zimmer und Seminarräume für den Deutschunterricht – Umbau sei nicht nötig. Außerdem: „Für Kinder ist das echt super hier.“ Deshalb versuche die Hansestadt auch hauptsächlich, Familien in Zeven unterzubringen. Fast die Hälfte der Bewohner sind Kinder.

Eine kleine Gruppe sitzt an einem Tisch im Eingangsbereich und unterhält sich. Darunter die Brüder Aziz und Mahmoud Ali aus Syrien. Sie leben seit etwas mehr als einem Monat in der Jugendherberge und warten auf ihre Aufenthaltserlaubnis. Das Personal sei „sehr gut“ zu ihnen, berichten die Brüder. Ein anderer Flüchtling übersetzt auf Englisch. Sie haben gerade erst angefangen, Deutsch zu lernen. Neben Behördengängen und Gesprächen mit anderen Bewohnern beinahe die einzige Beschäftigung.

Mitte Januar hat die Bremer Stadtverwaltung bei Feldmann angefragt, und nach Rücksprache mit den niedersächsischen Behörden zogen die ersten 60 Flüchtlinge ein. Sonst müssten sie womöglich in Zelten schlafen. Feldmann: „Das geht gar nicht.“ Die Herbergen hätten schließlich Kapazitäten. Im Winter seien viele geschlossen. Die Flüchtlinge aufnehmen sei „die logische Konsequenz“.

Regulär sei die Zevener Herberge immer nur zu etwa 35 Prozent ausgelastet. Jetzt liegt die Quote bei fast 100 Prozent, das ganze Jahr über. Eigentlich der Traum jedes Hotels. Feldmann lacht. „Viele wollen, andere müssen“, sagt er. Einige Schulklassen musste der Herbergsleiter jedoch umbuchen – zum Beispiel nach Rotenburg. Beschwerden gab es keine. Zwei Zimmer hält Feldmann noch für kurzfristige Gäste vor. Zunächst bis August kommenden Jahres sei für die Flüchtlinge gebucht.

Es herrscht großer Trubel. Die Kinder toben durch das Treppenhaus, am Nachmittag gibt es einen Ausflug zum Kletterpark in Verden. Feldmann organisiert gelegentlich derartige Touren, zusätzlich zu seiner Verantwortung für Sauberkeit und Küche. Für die Betreuung ist die Awo aus Bremen zuständig, die in einem Büro im Obergeschoss für die Flüchtlinge zur Verfügung steht.

Maximal drei Monate bleiben die Flüchtlinge in der Zevener Jugendherberge. Es herrscht ein ständiger Wechsel. „Die Distanz zu Bremen ist ein Problem“, sagt Awo-Mitarbeiterin Stephanie Lange. Da die Flüchtlinge alle der Hansestadt zugewiesen sind, müssen auch alle Behördengänge dort erledigt werden.

Die volle Herberge lässt das Personal an seine Grenzen stoßen. „Einige unserer Halbtagskräfte haben sich sofort dafür bereit erklärt, Vollzeit zu arbeiten“, sagt Feldmann – zum Glück. Eine Reinigungsfirma unterstützt außerdem.

Die Köchinnen Regina Hinrichs und Birgit Fedderke sehen das größte Problem nicht im Aufwand. Der sei fast genau wie sonst. „Nur dass wir mehr zubereiten.“ Ihre Hürde sei die Kommunikation, die fast ausschließlich über Hände und Füße geschieht. Lediglich Schweinefleisch haben sie vom Speiseplan verbannt. In wenigen Wochen nehmen sie an einem Seminar teil, um noch besser auf die Bedürfnisse ihrer Gäste und ihren kulturell geprägten Essgewohnheiten eingehen zu können. Tag und Nacht steht ein Sicherheitsdienst bereit. Zwischenfälle seien nur Kleinigkeiten. „Hier“, sagt Feldmann, „passiert nichts, was wir nicht auch von ‚normalen‘ Gästen gewohnt sind“.

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