Entscheidende Sekunden

VFN und Kreistagsfraktion möchten „Mobile Retter“ im Landkreis etablieren

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Bei Herzstillstand muss die Reanimation binnen weniger Minuten einsetzen, sonst drohen irreparable Schäden am Gehirn. Im ländlichen Raum ist das für den Rettungsdienst kaum zu schaffen. Mobile Retter könnten diese Lücke schließen.

Zeven - Von Thorsten Kratzmann. Zwei Initiativen haben zum Ziel, die Lebenserwartung der Einwohner des Landkreises Rotenburg zu erhöhen. Die Mehrheitsgruppe im Kreistag und der Verein zur Förderung der Notfallversorgung Sittensen-Zeven-Tarmstedt wollen ein Netz mobiler Retter knüpfen, die im Notfall schnell handeln können, wenn jemand in ihrer Nähe einen Herz-Kreislauf-Stillstand erleidet. Am Dienstag, 16. Oktober, wird das Projekt aus Anlass des Tages der Wiederbelebung ab 19.30 Uhr im Zevener Rathaussaal vorgestellt.

Erleidet jemand einen Herzinfarkt, dann geht es um Sekunden, um ihn zurück ins Leben zu holen. Der Rettungsdienst ist oft nicht rechtzeitig beim Patienten. In Deutschland erleiden jährlich etwa 75.000 Menschen einen Herz-Kreislauf-Stillstand. Im Schnitt werden lediglich 5000 von ihnen erfolgreich reanimiert. Bei 70.000 Notfällen kommt hingegen jede Hilfe zu spät. Hört das Herz zu pumpen auf, sterben Gehirnzellen nach drei bis fünf Minuten irreparabel ab. Nach etwa zehn Minuten tritt der Tod ein.

Für die Wiederbelebung eines Herzinfarktpatienten ist die Herz-Druck-Massage die wesentliche Voraussetzung. Um sie anwenden zu können, „brauchen wir unsere Augen, unseren Verstand und unsere Hände“ – sowie eine Schulung. Das ist die feste Überzeugung derer, die dem Verein zur Förderung der Notfallversorgung (VFN) angehören. Der Verein bietet seit Jahren Kurse an, um Interessierte in der Herz-Lungen-Wiederbelebung und im Gebrauch des Automatisierten Externen Defibrillators (AED) zu unterweisen. Etwa 4500 Freiwillige aus der Mitte des Landkreises haben daran bislang teilgenommen.

Idee aus den Niederlanden

Bei diesen Laienhelfern setzt die Initiative der Mobilen Retter an. Die Idee stammt aus den Niederlanden. Im Nachbarland sind 170.000 geschulte Retter registriert. In Deutschland hat der Kreis Gütersloh das System „Mobile Retter“ 2013 aufgegriffen und knapp drei Jahre getestet. Ein gemeinnütziger Verein hat in dieser Zeit 550 Ersthelfer geschult und registriert. Diese schnellen Retter haben 477 Menschen reanimiert. Mittlerweile nehmen in Deutschland zehn Landkreise und die kreisfreie Stadt Ingolstadt an dem System teil.

Als mobile Retter sind dort 14.000 Personen registriert, die über Kenntnisse und Erfahrungen im Umgang mit Notfällen verfügen – zum Beispiel Rettungskräfte, Feuerwehrleute, Arzthelferinnen, Rettungsschwimmer, Pfleger, Sanitäter und Ärzte. Sie werden auf ihren Einsatz mit Training vorbereitet.

In Gütersloh oder im Emsland, wo das System seit 2016 etabliert ist, funktioniert die Alarmierung so: Geht ein Notruf (112) in der Rettungsleitstelle ein, bei dem ein Herz-Kreislauf-Stillstand oder eine bewusstlose Person gemeldet wird, so wird der Rettungsdienst in Marsch gesetzt und parallel dazu werden Computer gestützt zwei mobile Retter benachrichtigt.

App auf dem Smartphone

Die haben die kostenlose Ersthelfer-App auf ihr Smartphone geladen. Das sendet im Hintergrund permanent Ortungsdaten an einen zentralen Webserver. Der wählt im Notfall die beiden mobilen Retter aus, für die der Einsatzort am schnellsten zu erreichen ist. Die Ausgewählten erhalten eine Push-Nachricht. Übernimmt der Benachrichtigte den Auftrag, so werden ihm Name, Adresse, Einsatzstichwort und die Geo-Koordinaten automatisch übermittelt.

Beim Eintreffen am Einsatzort legitimiert sich der Ersthelfer mit einem für diesen Einsatz erstellten digitalen Ausweis und führt die Herz-Druck-Massage bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes aus. In der letzten Ausbaustufe des „Mobile Retter“-Systems bekommt einer der beiden alarmierten Helfer den Auftrag, unverzüglich an den Einsatzort zu eilen, während der zweite Helfer den Standort des nächst gelegenen AED übermittelt bekommt, um das Gerät mit zum Einsatzort zu nehmen.

Der Verein Mobile Retter hat in Gütersloh, im Emsland und andernorts sowohl die Registrierung der freiwilligen Helfer, deren wiederkehrendes Training und die Nachbereitung der Einsätze übernommen.

Dieses Paket möge der Landkreis Rotenburg ebenfalls buchen. So lautet das Ziel der Mehrheitsgruppe aus CDU, WFB, FDP und Freie Wähler im Kreistag. In einem Antrag der Gruppe heißt es, der Landrat möge einen Umsetzungsvorschlag in der Sitzung des Ausschusses für Feuerschutz und Rettungsdienst am 22. November zur Beratung vorlegen. Zudem beantragt die Gruppe, 30.000 Euro im Haushalt des Kreises für 2019 auszuweisen. Mit dem Geld soll das Projekt gestartet werden. Die Kosten sollen sich in der Folge auf 21.000 Euro im Jahr belaufen.

Geringe AED-Zahl beunruhigt

Der CDU-Kreistagsabgeordnete Hans-Joachim Jaap hat wesentlichen Anteil an der Initiative der Mehrheitsgruppe. Über Bekannte aus den Niederlanden ist er auf die Initiative der Mobilen Retter aufmerksam geworden. Er ist zuversichtlich, dass sich auch im Landkreis freiwillige Ersthelfer finden. Sorgen bereitet ihm die geringe Zahl an AED im Landkreis. 138 Geräte sind es. Von diesen sind lediglich 35 rund um die Uhr zugänglich. Jaap fragt: „Wer kennt die Standorte der Defibrillatoren? Wer weiß, welcher auch spät abends zugänglich ist?“ Es gibt zwar ein AED-Kataster auf der Homepage des Landkreises, aber das stimmt nicht mit dem des VFN überein und wer ruft erst die Homepage des Kreises auf, um zu gucken, wo er einen AED findet?

Jaap ruft folglich dazu auf, die Daten des Kreis-Katasters mit denen des VFN zu vergleichen. Als Ziel formuliert er, der Kreis tritt dem Verein „Mobile Retter“ bei, jedes Dorf bekommt einen AED und größere Ortschaften je 1000 Einwohner einen externen Defibrillator, auf den rund um die Uhr zugegriffen werden kann.

Das Projekt will er am Dienstag, 16. Oktober, öffentlich vorstellen. Anlass ist der erste weltweite Tag der Wiederbelebung. Der ideale Partner ist an diesem Tag der Verein zur Förderung der Notfallversorgung. In dessen Namen wird Dr. Heiko William eine Einführung in die Herz-Lungen-Wiederbelebung geben. Interessierte Zuhörer können zudem Hand anlegen, Übungen unter Anleitung absolvieren und mit ihren beiden Händen trainieren, Leben zu retten. Im Foyer des Zevener Rathauses gibt es zudem die Möglichkeit, Blutdruck messen zu lassen und Notfalldosen zu erwerben. Darüber hinaus informiert der Verein Bewegung-Sport-Gesundheit über seine Arbeit. Der Eintritt ist frei. 

zz/faw

www.mobile-retter.de

www.vfn-sittensen.de

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