Kita-Gesetz-Novelle: Eike Holsten trifft Erzieherinnen

Zeit und Fachkräfte fehlen

Eike Holsten sitzt im Gespräch mit vier Erzieherinnen. Uschi Tödter (v.l.), Susanne Slomma-Kahlenber, Ulrike Baden sowie Hiltraut Schiemang-Ludewigs erklären dem CDU-Politiker, wo in den Kitas ganz besonders der Schuh drückt.
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Eike Holsten im Gespräch mit vier Erzieherinnen: Uschi Tödter (v.l.), Susanne Slomma-Kahlenber, Ulrike Baden sowie Hiltraut Schiemang-Ludewigs erklären dem CDU-Politiker, wo in den Kitas ganz besonders der Schuh drückt.

Rotenburg – Eike Holsten weiß, was auf ihn zukommt. Gleich neben dem Eingang des Kindergartens am Lönsweg hängt ein Plakat, auf dem die wesentlichen Forderungen der Mitarbeiterinnen zu lesen sind. Außerdem erreicht ihn als CDU-Landtagsabgeordneten eine Reihe von Mails mit ganz ähnlichem Inhalt. Die Erzieherinnen im Land melden sich zu Wort, schließlich steht die Novellierung des Kita-Gesetzes auf der politischen Agenda im Niedersächsischem Landtag. Und dabei wollen sie mitreden, denn sie haben klare Forderungen für die Zukunft, die bislang nicht im Entwurf ihren Niederschlag finden.

Mit der Novellierung des Gesetzes muss aus Sicht der Erzieherinnen dem erhöhten Arbeitsaufwand und dem damit verbundenen Personalbedarf Rechnung getragen werden. Sie fordern nicht nur eine dritte Kraft in den Kita-Gruppen mit zurzeit bis zu 25 Kindern, sondern auch mehr Verfügungszeit, in der sie sich mit Planungen, mit Elterngesprächen, mit der Kooperation mit den Schulen und der Integration sowie der Inklusion befassen können. Außerdem sei es aus ihrer Sicht an der Zeit, die Ausbildung vor allem attraktiver zu gestalten – als ein Mittel gegen den Fachkräftemangel.

Seit fast 30 Jahren hat dieses Gesetz keine grundlegende Reform mehr erfahren. Und das, obwohl sich einerseits der Auftrag der Kindertagesstätten, aber in gleichem Maße auch die Kindheit selbst stark verändert haben. Darauf weist Hiltraut Schiemang-Ludewigs als Leiterin der Kita am Lönsweg hin. Seien es in früheren Jahren vielleicht drei oder vier Kinder einer Gruppe gewesen, die Auffälligkeiten gezeigt hätten, seien es jetzt eben nur noch drei oder vier, bei denen es einfach rund laufe. „Alle haben ihre Päckchen zu tragen“, sagt sie. Die Kinder stünden heute viel mehr unter elterlicher Beobachtung, seien in großem Maße schon verplant. Eine Verabredung für den Nachmittag mit einem der anderen Kinder? Nicht mehr so selbstverständlich wie früher. „Mama, habe ich heute Zeit?“ laute daher oft eine Frage, wenn die Mädchen und Jungen von den Eltern aus der Kita abgeholt werden.

Susanne Slomma-Kahlenberg vom Verein Aktion Kindergarten schlägt in die gleiche Kerbe und bringt einen weiteren Aspekt in die Diskussionsrunde mit ein: die Leistungsorientierung im Umgang mit den Kindern. Uschi Tödter, seit vielen Jahren im Beruf und in der Kita am Lönsweg beschäftigt, macht deutlich: „Wir bewegen uns nicht im Bereich von Wünschen, sondern es geht uns um Notwendigkeiten. Wir fordern etwas, weil wir es brauchen.“ Ulrike Baden vom Naturkindergarten nickt zustimmend. Slomma-Kahlenberg fügt hinzu, dass den Eltern oftmals das Bauchgefühl fehle, die Kinder würden in Watte gepackt. Nicht zuletzt deshalb brauchen sie eine Anleitung beim Spielen – und bei ganz normalen Konflikten. Das alles koste Zeit. Mit den Kindern und auch mit den Eltern. Hiltraut Schiemang-Ludewigs: „Das alles zerrt an den Nerven und an der Gesundheit.“ Den Bildungsauftrag mit in das Kita-Gesetz aufzunehmen, „ist überfällig“ sagt Eike Holsten.

Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) verteidigte den Gesetzesentwurf der rot-schwarzen Regierung gegen heftige Kritik der Opposition und verwies auf bereits erzielte Fortschritte in der Kinderbetreuung in Niedersachsen. Die dritte Betreuungskraft für Kindergärten – auf die Erfüllung dieses Regierungsvorhabens pocht die Opposition – könne noch nicht im Gesetz festgeschrieben werden. Ein Stufenplan zur Einführung der dritten Kraft, die es bisher nur in Krippen gibt, solle aber in einem begleitenden Antrag benannt werden, sagte Tonne.

Darauf weist beim Treffen mit Vertreterinnen dreier Kitas auch Eike Holsten hin. Geplant sei, so der Landtagsabgeordnete, die Bundesregierung aufzufordern, die fließenden Mittel aus dem Gute-Kita-Gesetz zu verstetigen. „Gelingt das, kann die dritte Kraft in einem Stufenplan von 2023 bis 2027 kommen.“ Gleiches gelte für die Reduzierung der Gruppengrößen. Aber hier stößt man ebenfalls an Grenzen. In einer Einrichtung mit insgesamt 100 Kindern würde dann absehbar eine fünfte Gruppe erforderlich. Mehr Personal und damit mehr Geld müssten her – und unter Umständen mehr Raum geschaffen werden.

Familien sind die Keimzelle der Gesellschaft.

Eike Holsten, CDU-Landtagsabgeordneter

Anders als zugesichert, gehe die Beitragsfreiheit der Kindergärten nun zulasten des Personalschlüssels, sagt die Opposition im Landtag. Ähnlich sehen es viele Erzieherinnen. Eltern müssen seit August 2018 in Niedersachsen keine Gebühren mehr für die Betreuung von Kindergartenkindern bezahlen. Eike Holsten unterstreicht beim Treffen in seinem Wahlkreis: Die Gebührenbefreiung sei sozial- und bildungspolitisch sowie familienpolitisch betrachtet richtig. „Familien sind die Keimzelle der Gesellschaft“, betont er.

Allein in diesem Jahr stünden 1,6 Milliarden Euro für mehr Plätze, Personal und Qualitätsverbesserungen in Krippen, Kindergärten und Horten zur Verfügung. Mit dem Gesetzesentwurf würden die Weichen nun für weitere Verbesserungen gestellt, allerdings lasse sich nicht alles auf einen Schlag erfüllen, erklärte der Minister.

Elke Bellmann, Leiterin des Rotenburger Amtes für Jugend und Soziales und als solche mit den Kitas ständig in Kontakt, kann die Forderungen der Erzieherinnen nachvollziehen. „Die Arbeit in den Kitas hat sich sehr verändert und sorgt für andere Anforderungen an die Fachkräfte.“ Daher spreche viel für die dritte Kraft und mehr Verfügungszeit. Das Problem aber sei der Fachkräftemangel. Es gäbe durchaus die Möglichkeit, die Zeiten aufzustocken, aber eben nur, wenn man die Fachkräfte hätte. „Es gibt Bewerbungen, aber die Interessenten haben die Auswahl – und entscheiden sich dann für den für sie attraktivsten Arbeitsplatz.“

Die Forderungen der Erzieherinnen und Erzieher sind nach Ansicht von Eike Holsten mehr als berechtigt, die Novellierung des uralten Gesetzes überfällig: „Insbesondere mit Blick auf einen verbesserten Fachkraft-Kind-Schlüssel in Form eines Stufenplans, der die Einführung dritter Kräfte in Kita-Gruppen finanzhilfefähig ermöglichen soll, und bei der Etablierung einer tariflich vergüteten, dualisierten Ausbildung sind wir als Politik in der Pflicht.“ Man wolle, begleitend zum Gesetz des Ministers, Perspektiven aufzeigen, wann und wie die Forderungen umzusetzen sind. Das neue Kita-Gesetz soll am 1. August in Kraft treten.

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