Wünschewagen erfüllt den letzten Wunsch eines Jeersdorfers

Zeit für Herzensdinge

Auf dem Weg nach Köln sind Robin Pardey (h.l.) und Sarah Schiefer (l.) vom ASB mit Dirk Schumacher und seiner Frau Natascha, um ihm einen Wunsch zu erfüllen.
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Auf dem Weg nach Köln sind Robin Pardey (h.l.) und Sarah Schiefer (l.) vom ASB mit Dirk Schumacher und seiner Frau Natascha, um ihm einen Wunsch zu erfüllen.

Jeersdorf – Der Wagen mit der markanten Schrift kommt pünktlich um 9 Uhr vor der Tür von Familie Schumacher in Jeersdorf an. Es ist der Wünschewagen vom Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), mit dem Sarah Schiefer und Robin Pardey vorfahren. Die Ehrenamtlichen erfüllen den letzten großen Wunsch von Dirk Schumacher und bringen ihn nach Köln, ins Studio zu Günther Jauch. Schumacher hat Knochenmetastasen mit CUP-Syndrom, eine seltene Form der Krebserkrankung – und „die schmerzhafteste“, sagt seine Frau Natascha, die ihn auf dem Zwei-Tages-Trip begleitet.

Niemand weiß, wie viel Zeit ihm bleibt, aber „den Sommer will ich noch schaffen“, habe sich der Familienvater fest vorgenommen. Die Diagnose gab es kurz vor Ostern, zu spät zum Eingreifen. Und: Der eigentliche Krebs wurde nie gefunden. Dirk Schumacher hatte lange Zeit starke Schmerzen – erst eine neue Assistenzärztin blieb hartnäckig. So fanden sie heraus, dass der zwölfte Brustwirbel „quasi leer gefressen war“, diesen zum Brechen gebracht hat.

Eine Operation sollte Schmerzlinderung bringen, tat sie aber nicht. Also kam Schumacher auf die Palliativstation. Dort hat er einen Port in die Vene bekommen, mit dem er seine Medikamente steuern kann, um die „Schmerzen einigermaßen erträglich zu machen“. Zufrieden waren beide erst, als sie vom Palliativstützpunkt erfahren haben. Dort hätten sie Rat und Unterstützung bekommen, „ab dann ging es reibungslos, das hat mir viel Last abgenommen“, so die Jeersdorferin. Hätten sie eher davon erfahren, hätten sie besser mit der Situation umgehen können – an der Stelle sei die Kommunikation im Krankenhaus und beim Hausarzt mangelhaft gewesen. „Wenn man in so einer Situation um alles kämpfen muss, wie Krankenbett und anderes, das geht nicht.“ Erst über eine Freundin haben sie davon erfahren. „Man muss viel mehr darüber sprechen, dass es das gibt, das ist eine Entlastung für die Angehörigen.“

Während eines Krankenhausaufenthalts hat Dirk Schumacher dann von einem anderen Patienten vom Wünschewagen erfahren. „Es geht auf Zeit – mein Status ist absolute Endphase“, sagt er nüchtern. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, spricht offen über alles. Denn viele kennen ihn, als „Beeki“, der über Jahre das gleichnamige Online-Portal betrieben hat. „Wir haben uns anfangs gefragt, wie wir damit umgehen“, meint er. Offenheit sei der richtige Weg. „Ich bin selbstständig, so kann ich sagen, wenn ich mal wegmuss. Und meine Kunden sind sehr verständnisvoll“, ergänzt seine Frau. Auch ihre drei Kinder – eine Tochter aus seiner ersten Ehe, ein Sohn aus ihrer ersten Ehe und die gemeinsame Tochter – wissen Bescheid, wenngleich die Jüngste nicht alles im Detail.

Als er seiner Frau vom Wünschewagen erzählt, schreibt sie dem ASB. Es klappt – eine Überraschung für den 63-Jährigen. Als Schiefer und Pardey dann am vergangenen Donnerstag vor der Tür stehen, ist die Aufregung groß. Erst mal geht es ans Organisatorische: Medikamentenplan, Patientenverfügung, alles da? Doch die lange Fahrt wird die größte Herausforderung. Dirk Schumacher hatte am Morgen einen seiner Schmerzschübe. Er möchte schräg sitzend reisen. „Wir können mit unserem Blaulichtfahrzeug überall anhalten“, merkt Pardey an, der Medienmanagement studiert. Der Hannoveraner ist seit 2016 beim ASB, seit 2019 begleitet der ausgebildete Sanitäter Wunschfahrten. „Wir sind heute und morgen nur für Sie da. Alles, was die nächsten zwei Tage passiert, ist Ihre Entscheidung.“ Dirk Schumacher wünscht sich einen Ausflug zum Kölner Dom. Und eine Sache fügt er an, bei der er selber schmunzeln muss: „Ich bin starker Raucher, das ist meine einzige Last. Sonst bin ich ganz lieb und umgänglich.“

Es ist eine ungewöhnliche Fahrt, selbst für den schon sechsmaligen Wunscherfüller Pardey. Für Schiefer, die eine Rettungsdienstausbildung gemacht hat und jetzt Medizin studiert, ist es die erste Tour. Eine besondere, sagt sie: Dirk Schumacher möchte eine Aufzeichnung von „Wer wird Millionär“ sehen und Jauch treffen. „Er hat mich Jahrzehnte begleitet.“ Die Quizsendung sehe er gern. Oft hatte er überlegt, sich auch mal zu bewerben.

Der ASB hat seinen Wunsch nun ermöglicht, übernimmt alle anfallenden Kosten – alles aus Spenden finanziert. 36 aufregende Stunden: „Schöner hätte es nicht laufen können – und das Team war grandios, immer bemüht, das war mein Tag“, so Dirk Schumacher. Die Aufzeichnung konnte er aufgrund von Schmerzen nicht bis zum Ende verfolgen, aber das Treffen mit Jauch in dessen Garderobe danach bleibe unvergesslich. „Wir haben uns ganz locker unterhalten, sehr persönlich.“ Der Moderator habe von eigenen Erfahrungen mit dem Thema Tod berichtet. „Einmal kamen mir die Tränen, ich war sehr gerührt“, gibt der 63-Jährige zu. „Er hat sich Zeit genommen.“ Am nächsten Tag haben Schiefer und Pardey noch Natascha Schumachers Oma und Tante, die in der Nähe wohnen, zum Frühstück eingeladen. „Wir haben uns ein Jahr nicht mehr gesehen“, so die 42-Jährige. Auch hier sollten sie nicht bezahlen: Das Hotel hat die Reisenden und ihre Gäste eingeladen. „Das war alles sehr liebevoll“, so Dirk Schumacher. Danach ging es zum Kölner Dom, wo sie Kerzen angezündet haben – und auch ein Kölsch durfte nicht fehlen.

Für die Familie wäre eine solche Reise auf eigene Faust nicht machbar gewesen. Selbst ein kurzer Trip an die Ostsee war eine Herausforderung und für seine Frau keine Erholung. „Jetzt konnte ich mich mit ihm entspannen.“ Auto fährt Dirk Schumacher schon lange nicht mehr, nur mit seinem E-Scooter ist er ab und zu unterwegs – am liebsten mit seiner siebenjährigen Tochter. „Das fällt mir am schwersten“, gibt er zu. „Das wir nicht mehr wie früher spielen können. Dabei bin ich 63, ich habe eigentlich noch eine ganze Menge Zeit.“

Gemerkt hätten beide, dass etwas nicht stimmt, weil Dirk Schumacher immer müde war. „Ich hatte auch Rückenschmerzen und war kälteempfindlich. Und wenn man immer Schmerzen hat, wird man stinkig.“ Das habe sich über vier, fünf Jahre gezogen. „Aber kein Arzt ist auf die Idee gekommen, ihn ins CT zu schicken. Bei Knochenmetastasen hat man ungefähr fünf Jahre – deswegen war es auch zu spät, als wir die Diagnose bekamen“, erinnert sich die Jeersdorferin. Damit habe sich sofort alles verändert. Umso unvergesslicher und wertvoller seien nun diese gemeinsamen Stunden.

Die Erfüllung eines letzten Wunsches: Der Wünschewagen

Seit November 2017 ist der Wünschewagen des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) für Niedersachsen unterwegs. Mit dem komplett durch Spenden und Eigenmittel finanzierten und von Ehrenamtlichen unterstützten Projekt erfüllt der ASB letzte Herzenswünsche. Das kann eine Fahrt ans Meer oder ein Besuch im Lieblingsrestaurant sein. Die 170. Fahrt des Wünschewagens ging jetzt von Jeersdorf nach Köln. An Bord kümmern sich qualifizierte Helfer um die Versorgung, der Wagen ist dafür modern notfallmedizinisch ausgestattet. Anfragen kann jeder unter www.wünschewagen.de stellen, dort finden sich auch weitere Informationen für Unterstützer des Projekts und das Spendenkonto.

Moderator Günther Jauch (l.) hat sich mit Dirk Schumacher, seiner Frau Natascha und den ASB-Ehrenamtlichen nach der Aufzeichnung getroffen.

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