„Zahl an Bohrungen ist gering“

Geologe Dr. Michael Kosinowski erklärt Fracking-Methode

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Die Bohrstelle Bötersen Z 11 steht bei Exxon ganz oben auf der Prioritätenliste – hier soll als nächstes gefrackt werden.

Rotenburg - Von Joris Ujen. Das Thema Fracking ist ein omnipräsentes Thema. Weltweit, aber auch im Landkreis Rotenburg, wo Erdgasbohrungen seit mehr als 30 Jahren vorgenommen werden. Die erhöhte Rate an Blutkrebs-Erkrankungen in der Samtgemeinde Bothel und in Rotenburg wird mit der Erdgasförderung in einen Zusammenhang gesetzt. Einer, der sich mit der Frackingmethode bestens auskennt, ist Dr. Michael Kosinowski.

Von 1983 bis 1993 hat er für den Energiekonzern Preussag die Bohrungen Preyersmühle-Hastedt Z1 und Ahausen Z1 als Geologe bearbeitet. Zudem war Kosinowski bis 2016 tätig als Leiter der Abteilung „Grundwasser und Boden“ bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). Der gebürtige Verdener wohnt jetzt in Eickeloh im Heidekreis. Ab kommender Woche leitet er einen Kurs zum Thema in der Rotenburger Volkshochschule.

Herr Kosinowski, erklären Sie bitte kurz und präzise das Fracking-Verfahren.
Michael Kosinowski: Fracking ist eine Methode zur Behandlung eines Bohrlochs, um in mehreren tausend Metern Tiefe die Durchlässigkeit des Gesteins für Erdöl, Erdgas oder Wasser zu erhöhen.

Warum gibt es gerade in unserer Region vermehrt solche Lagerstätten?
Kosinowski: In unserer Region herrschen geologische Voraussetzungen, die die Bildung von Erdgas im Verlauf der Erdgeschichte begünstigt haben. In Sandsteinschichten, die vier bis fünf Kilometer unter der Erdoberfläche liegen, hat sich das Gas angesammelt. Einige von diesen Vorkommen gerade in unserer Region sind so groß, dass wir sie als Lagerstätte bezeichnen.

Ist Fracking gefährlich für die Umwelt, oder ist das nur eine populistische Meinungsmache?
Kosinowski: Die drei geo- und umweltwissenschaftlichen Institutionen Bundesanstalt für Geowissenschaften, Geoforschungszentrum und Umweltforschungszentrum haben 2013 in ihrer Hannover-Erklärung formuliert, dass die Anwendung der Fracking-Technologie zur Gasgewinnung in Deutschland umweltverträgliche Verfahren erfordert. Ob Fracking umweltverträglich durchgeführt werden kann, ist entsprechend der geologischen Standortbedingungen jeweils fallweise zu prüfen.

Und wie ist es beim Menschen? Hängen die erhöhten Krebsraten in Abbaugebieten mit dem Fracking zusammen?
Kosinowski: Mit dem Durchführen eines Fracs sicher nicht. Wie schon gesagt, Fracking ist eine Bohrlochbehandlung, die nur wenige Stunden dauert – im Gegensatz zum Niederbringen einer Bohrung, was mehrere Monate dauert. Der Zusammenhang zwischen der Erdgasförderung und den erhöhten Krebsraten wird meines Wissens zurzeit vom Niedersächsischen Sozialministerium untersucht. Ergebnisse sind mir noch nicht bekannt.

Ab wann hat Fracking einen wirtschaftlichen Nutzen?
Kosinowski: Wenn in einer Bohrung auf Erdöl, Erdgas oder ein geothermisch nutzbares Wasservorkommen das Gestein zu undurchlässig ist, kann durch das Fracking die Gesteinsdurchlässigkeit so weit erhöht werden, dass eine wirtschaftliche Nutzung des Reservoirs – wie wir Geologen solche Vorkommen nennen – möglich ist. Ohne Fracking wäre der Zufluss zum Bohrloch zu gering, um eine wirtschaftlich vertretbare Nutzung zu ermöglichen. Erdgas ist auch in Zeiten der Energiewende eine unverzichtbare Komponente im Energie-Mix. Nicht zuletzt profitiert das Land Niedersachsen von der Förderabgabe auf Erdgas, zuletzt im Jahr 2016 in Höhe von mehr als 150 Millionen Euro.

Ist die Anzahl an Bohrungen rückläufig oder geht der Trend nach oben?
Kosinowski: Wir hatten bei uns in Deutschland die öffentlich geführte Diskussion über das Fracking und in der Folge die Novellierung von Bundesberggesetz und Wasserhaushaltsgesetz. Während dieser Zeit wurden über mehrere Jahre keine Fracs durchgeführt. Ich erwarte nicht, dass es in absehbarer Zeit zu einer Vielzahl an Anträgen und Genehmigungen zur Durchführung von Fracs geben wird. Die Zahl an Erdgasbohrungen und Geothermiebohrungen in Deutschland ist – verglichen mit früheren Jahren – eher gering. Sowohl hinsichtlich der Anzahl an Bohrungen wie an Frac-Operationen sieht die Situation weltweit allerdings anders aus.

Gibt es bessere und sicherere Alternativen? Wenn ja, warum werden diese nicht genutzt?
Kosinowski: Durch Horizontalbohrungen, bei denen das gasführende Gestein über eine lange Strecke aufgeschlossen wird, lassen sich ähnliche Verbesserungen des Zuflusses zum Bohrloch erzielen wie durch einen Frac.

Warum wird diese Methode nicht angewandt?
Kosinowski: Horizontalbohrungen sind vergleichsweise teuer und technisch aufwendiger. Für den Geologen stellen sie eine besondere Herausforderung dar, weil er den Verlauf eines vielleicht 30 Meter mächtigen Horizontes in vier oder fünf Kilometern Tiefe so genau ansagen soll, dass die Bohrtechniker in der Lage sind, in diesem engen Bereich entlang zu bohren. Im Falle von Geothermiebohrungen wäre eine lange Horizontalbohrstrecke wegen der hohen Kosten nicht zu vertreten.

Wie gehen andere Länder mit der Technologie um?
Kosinowski: In einigen europäischen Ländern laufen ähnliche Diskussionen wie bei uns, während in anderen Regionen mit Unverständnis auf uns geblickt wird. Die Spritpreise an den Tankstellen wären ohne die Frac-Technologie nicht so niedrig wie sie jetzt schon seit mehreren Jahren sind. Weil in den USA buchstäblich Millionen von Fracs durchgeführt wurden, ist das Angebot an Rohöl weltweit so hoch, dass auch bei uns billig getankt werden kann.

Wollen Sie Fracking-Kritiker umstimmen?
Kosinowski: Mir geht es nicht darum, aus Gegnern Befürworter zu machen. Mir geht es darum, die geologischen und technischen Sachverhalte zu erläutern, damit die Menschen ihre Meinung nicht auf der Basis von „Glauben“, sondern auf der Basis von „Wissen“ bilden können. Ein Mitglied einer Bürgerinitiative sagte mir kürzlich, er brauche nicht zu wissen, weil er ja an die Gefahren des Frackings glaubt. Das finde ich bedenklich. Wenn jemand nach meinen Erklärungen immer noch Bedenken hat oder Gegner bleibt, finde ich das absolut in Ordnung.

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