60 Minuten: Wunschlettern kosten extra

Orientierungslos im Schilderwald: #59 - Die Abläufe bei der Kfz-Zulassung

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Im Warteraum hinter dieser Tür sind oft gelangweilte Gesichter zu sehen.

Der Schilderwald in der Kfz-Zulassungsstelle kann manch einen überfordern und ein paar Nerven kosten. Unsere Autorin hat sich auf den Weg durch den Dschungel gemacht und sogar eine vermeintliche Prominenz getroffen. Oder war es doch eine Fata Morgana?

Rotenburg - Das erste eigene Auto – wohin fährt man als Erstes? Richtig: von der Bahnhofstraße in den Schäfergarten, immer dem Schild „Kreishaus“ nach, am Sozial- und Ordnungsamt vorbei. Die Straße endet an einem großen Parkplatz, fast voll. An einigen Autos fehlen die Nummernschilder. Ein Schild weist den Weg: „Zulassungsstelle“ – wer hier rein geht, lässt spätestens beim Eintreten das Lächeln auf dem Gesicht fallen. Ein Warteraum voller Menschen, die meisten gelangweilt, der ein oder andere latent genervt, die rechts und links beiden halbrunden Sitzgarnituren mit dem lila lackierten Metallgestell bevölkern. 

Rechts eine junge Familie. Zwei Männer, die sich halblaut auf Russisch unterhalten. Ein junges Pärchen, kaum 18, dazu ein Motorradfahrer, Mitte 20. Hellgrauer Fließteppich, im Laufbereich dunkler – eine breite Rennbahn führt zur Doppeltür. Ihre Glasscheiben sind mit Zetteln zugeklebt. Führerscheinumtausch, WLAN-Hotspot, ein Hinweis auf Sonderschließung. Über allem prangt das Wortungetüm „Aufrufanlage“. Rechts ein Automat. Führerschein oder Kfz-Zulassung – man muss sich entscheiden. „Führerschein“ drücken nur die, die im Schilderwald den Hinweis „Der Eingang der Führerscheinstelle befindet sich innerhalb der Zulassungsstelle“ übersehen haben.

Es geht um die Kfz-Zulassung

Heute soll es um eine Kfz-Zulassung gehen. Druck auf die Schaltfläche. Rechts hinter dem Monitor quält sich eine Wartemarke auf Thermopapier hervor. Hashtag 59. Die Wartenden recken die Gesichter zum Himmel. Jedenfalls fast. Denn eigentlich drehen sich die Hälse immer wieder zum zweiten Monitor an der Decke, der die nächste Nummer und den dazugehörigen Schalter anzeigt, immer abwechselnd fünf, sechs und sieben.

Am Bildschirm zieht jeder eine Nummer.

„Von 0 auf sieben Sekunden – muss man sich erstmal dran gewöhnen“, schwärmt der Mitt-20er dem Pärchen vom neuen Motorrad vor. „Meine Mutter wollte nicht, dass ich den A-Schein mache“, meint der Ältere. „Kenn ich“, winkt der Andere ab. Zwischendurch tauchen immer wieder Menschen aus der Glastür auf. Viele mit einem Zettel mit den neuen Lettern und Zahlen in der Hand und dem hastigen Schritt derer, die sich gleich gegenüber neue Nummernschilder drucken lassen werden, andere mit dem erleichterten Gesichtsausdruck „geschafft“.

Wunschkennzeichen kosten extra

Das Pärchen streitet leise; offenbar gehen die Vorstellungen über das Wunschkennzeichen auseinander. Auf dem Display erscheint die nächste Nummer. Es ist die Nummer, die auch auf dem eigenen Zettel gedruckt steht – seit einer halben Stunde hat man auf diesen Moment hin gefiebert. Im Raum hinter der Glastür ist die Hälfte der Schalter besetzt. Die junge Frau hinter dem PC an Schalter sieben rattert herunter: Anmeldung? Abmeldung? Ummeldung? Kfz-Schein, Brief, Versicherungsnummer, Personalausweis. Formulare werden hin- und hergeschoben. „Wunschkennzeichen kostet 10,20 Euro extra – soll ich gucken, ob es noch frei ist?“ Sie soll. Zum Entwerten der alten Schilder verweist sie auf einen Tisch mit einem Metall-Kratzer.

Dumbledore, bist du es?

Der gütige Herr am Info-Tresen, eine Art moderner Dumbledore, beobachtet amüsiert die kläglichen Kratzversuche. Dann räuspert er sich und meint: „Nehmen Sie lieber die Maschine“. Nummernschild in den Schlitz schieben, so ausrichten, dass beim mechanischen Herabsenken des Hebels eine Art drehbares Schleifpapier die Plakette zu feinem bunten Staub macht. Es riecht nach Plastik. Das Werk am Schalter vorzeigen und ab in die Kiste mit der Aufschrift „Recycling“ zu mehreren Dutzend Relikten vergangener (Fahr)-Zeiten.

Vor der Kasse steht das Gerät, das aus Nummernschild-Plaketten Plastik-Brösel mit starkem Eigengeruch macht.

Geschafft, eine Station weiter. Der Weg zum Schilderdrucken führt über den Parkplatz. Im halbdunklen Druckerraum könnte die Atmosphäre nicht gegensätzlicher sein. Die Dame, die die Buchstaben-Zahlenkombination entgegennimmt und in Drucklettern auf einer Halterung anordnet, bevor sie den Blechrohling darunter legt, plaudert gelassen. Wie schwül es ist, ob es wohl noch Gewitter gibt, „Sie zahlen mit Karte?“ Bargeld werde ja immer weniger. Ein Gespräch entspinnt sich. Die ersten Menschen hätten implantierte Chips zum Bezahlen im Arm – „aber nicht in unserer Generation!“ In der nächsten Maschine bekommen die gestanzten Lettern ein feistes Schwarz, dann zurück in den Schalterraum.

40 Euro extra für drei Plaketten

Nun heißt es Warten an der Kasse. Einer der Russlanddeutschen hat ein Quartett aus Nummernschildern im Arm. Ein junger Typ ruft aus dem letzten Drittel der Schlange: „Hast du was mit vier Meter Ladefläche, was Altes?“ Der Angesprochene überlegt. „Sprinter, von 2014, kannst du haben.“ Der andere winkt ab: „Nee, ist zu jung. Da geht immer alles kaputt.“ An der Kasse werden noch einmal knapp 40 Euro fällig, dafür gibt es drei Plaketten auf die neuen Schilder. Nichts wie raus damit. Auf dem Parkplatz fahren zwei junge Machos mit herabgelassener Seitenscheibe: „Hast du nen Auto zu verkaufen?“ Bloß nicht! 

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