EUROPAWAHL Gilberto Gori kam 1975 – und er blieb für immer

Er wollte nur Deutsch lernen

Gilberto Gori lebt seit 1975 in Deutschland. Europa, sagt er, bedeutet vor allem Freiheit. Fotos: Menker

Rotenburg – Geplant war das alles nicht. Die Eltern von Gilberto Gori betreiben in den 70er-Jahren im italienischen Faenza in der Emilia-Romagna ein Restaurant gleich gegenüber vom Internationalen Keramikmuseum. Viele Touristen, vor allem aus Deutschland, besuchen die Stadt. Gori will Hotelfachmann werden – doch sein Vater ist sich sicher: Der Junge soll erst einmal Deutsch lernen, ehe er seine Ausbildung beginnt. Und so reist dieser nach Deutschland und landet bei einem Freund in Seesen. Der betreibt ein Eiscafé, Gilberto Gori arbeitet dort mit. Und da passiert es: „Mir hat Deutschland so gut gefallen, dass ich geblieben bin. Die Mentalität fand ich gut, es war alles viel offener.“ An eine Rückkehr nach Italien hat er seitdem nie mehr gedacht. 1980 erhält er seine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung. Das Dokument hat er immer noch – „als Andenken“.

Gilberto Gori sitzt an einem der Tische in seiner „Eismanufaktur“ an der Großen Straße in Rotenburg, die er am 1. Januar 2015 eröffnet hat. Er spricht über seine Jahre in Deutschland und über Europa. Europa – das stehe für freies Reisen, es bedeute, dass Menschen zusammengeführt werden, und vor allem stehe es für Frieden, sagt der heute 60-Jährige. „Wir leben seit mehr als 70 Jahren in Frieden“, betont Gori, der trotz populistischer Tendenzen in mehreren EU-Staaten an eine gute Zukunft für Europa glaubt. 1982 geht Gori von Seesen aus nach Rotenburg. „Mein Cousin betrieb hier eine Eisdiele. Da habe ich gearbeitet.“ Wenig später lernt er Ingrid kennen. Sie heiraten 1985 und bekommen später einen Sohn. Beruflich bleibt der junge Mann in der Branche, arbeitet nun aber in der Industrie. Er geht in den Außendienst, macht eine Ausbildung zum Bürokaufmann, wird Abteilungsleiter und später Prokurist – und interessiert sich mehr und mehr auch für die Politik.

1996 ist es zum ersten Mal möglich, dass EU-Ausländer wählen und gewählt werden dürfen bei einer Kommunalwahl. Gori lässt sich aufstellen, bekommt den zehnten Platz in der Liste – und ist plötzlich drin im Rotenburger Stadtrat. Seitdem übrigens ununterbrochen. Er ist der erste EU-Ausländer im Stadtrat und erinnert sich noch genau an die „komischen Blicke“. „Du gehörst nicht in den Stadtrat“, muss er sich damals anhören. Doch Gori – der Sozialdemokrat – lässt sich nicht beirren. Er macht weiter. „Heute ist es eine Selbstverständlichkeit“, schiebt Gori bei einem Espresso nach. „Mir war es wichtig zu zeigen, dass man auch als EU-Ausländer mit anpacken und etwas bewegen kann.“

Gilberto Gori lebt seit 1975 in Deutschland. Europa, sagt er, bedeutet vor allem Freiheit. Fotos: Menker

Schon längst könnte Gilberto Gori neben seinem italienischen auch einen deutschen Pass in seinem Portemonnaie haben. Hat er aber nicht: „Warum? Wir leben in Europa. Da spielt das doch keine Rolle.“ Und wo ist sein Zuhause, wo ist seine Heimat? „Hier in Rotenburg“, sagt er, ohne lange nachdenken zu müssen. Und das seit mehr als 30 Jahren.

Das heutige Europa gefällt Gilberto Gori. „Immer noch“, fügt er hinzu. Trotz der Diskussionen, trotz des bevorstehenden Brexits. Gori: „Ich hoffe sehr, dass viele Engländer an der Europawahl teilnehmen und damit eindeutig für Europa stimmen und man sich in England fragt, ob der Brexit wirklich die richtige Entscheidung war.“ Der Brexit „tut mir im Herzen weh“, meint Gori. Bedenken habe allerdings auch er wegen der Populisten. Es sei gut, stolz auf sein Land zu sein. Aber es dürfe nicht darum gehen, es „zu verteidigen“.

Er selbst hat schon gewählt. Auch wenn es aus seiner Sicht durchaus berechtigt ist, Teile in der Gesetzgebung zu kritisieren. „Da brauchen wir mehr Klarheit“, sagt der Europäer Gilberto Gori, der allerdings voll und ganz Italiener ist, wenn es im Fußball gegen Deutschland geht.

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