Wladimir Kaminer gibt Einblicke in die häusliche Multi-Kulti-Welt

Der Meister des Abschweifens

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Im Stehen lässt es sich besser gestikulieren – findet Vladimir Kaminer.

Rotenburg - Von Ulla Heyne. Er ist wieder da, der „nette Russe von nebenan“. Bereits zum dritten Mal hat sich Bestseller-Autor Wladimir Kaminer am Donnerstagabend im ausverkauften Kantor-Helmke-Haus in Rotenburg die Ehre gegeben. Und zwar so, wie man ihn kennt und auch schätzt: mit ebenso deutlichem wie charmantem russischen Akzent, gestenreich, mit sprachgewaltigen Formulierungen (etwa den „Eintagesschmerzen“ vor der Lateinstunde oder dem vom Filius eingeforderten „Recht auf Unbildung“), und dem ihm eigenen Blick auf die kleinen Dinge des Alltags.

Diesmal das Thema: Pubertät – aber nicht nur. ist am besten, wenn er einfach erzählt: Von der Schwiegermutter mit Maschinenbaustudium, mit 83 älteste Teilnehmerin des Englischkurses, den sie bereits zum 23. Mal belegt, oder den präpubertären Aschenbechern aus der töchterlichen Töpferstunde.

Was der Vorzeige-Russe und Begründer des „deutschen Exportschlagers Russendisko“ erzählt, wenn er das Manuskript sinken lässt, ist mehr oder weniger spontan. Die Lacher bei seinen Geschichten aus dem jüngsten Werk „Coole Eltern leben Länder“ seien jedoch universell, verrät er in der Pause – bei Reizthemen wie Haustürschlüsselverlust, dem Leben des Nachwuchses im Bermudadreieck zwischen Mauerpark, Facebook und Kühlschrank oder dem Zombiezustand mit nächtlichen Fressattacken erkennen viele Eltern die eigene familiäre Situation wieder.

Kaminer beobachtet, beschreibt, er wertet nicht – scheinbar nüchtern, ironisch, aber immer liebevoll nimmt er die schwäbischen spionierenden Nachbarn ebenso aufs Korn wie den nächtlichen lautstarken Spontan-Besuch der hungrigen russischen Jugendfreunde auf der Durchreise. Und wenn die Rassekatzen bei Abwesenheit der Eltern durchdrehen und Wohnzimmereinrichtung wie Hausbar verwüsten, während die Kinder eifrig ihren Hausaufgaben frönen, dann ist es dieser amüsierte, leicht distanzierte, immer coole Blick auf die kleinen Dinge des Alltags. Exkurse in die große Politik der beiden Welten spart Kaminer dagegen weitgehend aus. Und erntet ungläubige Lacher, als er betont: „Das ist alles wahr, nichts ausgedacht, nichts übertrieben!“ Die ihm in der Pause beim Signieren gestellte Frage, ob sich die Familie nicht auf den Schlips getreten fühle ob so viel öffentlichem Preisgeben des Privaten, will er so recht nicht verstehen: „Wieso – ich schreibe doch nichts Schlimmes über sie!“ In der Tat, aus seiner Sicht spricht etwas Liebevolles, nicht nur für die eigene Familie, sondern auch die Zeitgenossen etwa des Mehrfamilienhauses in der selbst beschworenen heilen Berliner Multi-Kulti-Welt.

Im „Kern aller Dinge“ wird der Sohn als Achtklässler mit der Interpretation einer Geschichte ausgerechnet des eigenen Vaters betraut und beide grübeln vergeblich nach der Autorenbotschaft. Da fällt – ganz nebenbei – dann auch ein Satz, der tatsächlich den „Kern“ von Kaminers Schreiben offenbart: „Ich wollte doch nur Spaß“. Und den hatte das Publikum knapp zwei Stunden lang, wie fast durchgehend zu hören war.

Die großen Botschaften – nicht an Kindern herumerziehen zu wollen, ihnen ihre Freiräume zu lassen, alles unverkrampft zu sehen – die hängt der zweifache Familienvater nicht an die große Glocke. Die sind,wie auch die Auszüge aus unveröffentlichten Geschichten, die dem Schriftsteller augenscheinlich am nächsten sind, wie immer inklusive.

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