Betreiber reagieren nicht auf Urteil

Fitnessstudio zur Einzelmiete? „Wirtschaftlicher Quatsch“

Kerstin und Karl-Heinz Wolters in ihrem Fitnessstudio
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Ein Raum steht für Faszientraining zur Verfügung. Aber die Inhaber Kerstin und Karl-Heinz Wolters sind die einzigen, die regelmäßig nach dem Rechten sehen.

Rotenburg – Kann ich mir bald trotz Lockdown mein eigenes Fitnessstudio mieten? Es ist schon eine kuriose Meldung, die seit Dienstag durchs Netz geistert: Wie der Spiegel berichtet, hat eine niedersächsische Fitnessstudio-Betreiberin gegen die Schließung geklagt und nun die richterliche Erlaubnis bekommen, ihr Studio stundenweise privat zu vermieten.

Denn damit würde sie, aufgrund des fehlenden Publikumsverkehrs, nicht gegen die Corona-Auflagen des Landes verstoßen, urteilte das Verwaltungsgericht Hannover demnach im Eilverfahren. Noch ist das Urteil aber nicht rechtskräftig. Karl-Heinz und Kerstin Wolters, denen das „Physio Aktiv“ am Weicheler Damm in Rotenburg gehört, können nur verwundert mit dem Kopf schütteln, als sie davon hören. „Das ist vielleicht umsetzbar, aber total unwirtschaftlich“, meint Karl-Heinz Wolters.

Es sei das Recht auf Gleichbehandlung, was hier zum tragen käme, hatte das Gericht in seiner Begründung für die Entscheidung mitgeteilt. Das mag zwar sein, doch lohnt es sich nicht, dass Studio an Einzelpersonen zeitweise zu öffnen, rechnet das Paar vor. „Wie soll das gehen?“, fragt Kerstin Wolters. Und sie wird noch deutlicher: „Das ist wirtschaftlicher Quatsch.“ Da sei zum einen das benötigte Personal für die Einweisung, denn ohne geht zumindest bei ihnen niemand auf die Fläche, zum anderen aber auch beispielsweise Strom für Licht und die Geräte. Der Preis, den man da ansetzen müsste, damit es sich am Ende rentiert, sei zu hoch, als dass ihn jemand zahlen würde, sind sich beide sicher.

Das Physio Aktiv ist, wie alle anderen Fitnessstudios zurzeit, seit dem 2. November geschlossen. Nicht systemrelevant – eine Frage, über die sich sicherlich streiten lasse, lässt der Inhaber im Raum stehen. Alle Studiobetreiber haben notwendige Vorsichtsmaßnahmen ergriffen. Viele Geräte waren im Physio Aktiv abgeschaltet, es gab einen CO2-Messer, Desinfektionsmittel, einen strengen Hygieneplan. Die Sportler bewegen sich im Zirkeltraining, halten dadurch die Abstände ein. Die Halle ist groß, hat eine hohe Decke – die Gefahr, sich anzustecken, scheint gering.

„Für viele Leute ist es fatal, wenn wir geschlossen haben“, weiß Karl-Heinz Wolters. Wer unter Rückenschmerzen leidet, dem fehlt das ausgleichende Training. Ohnehin etwas, das durch viel Homeoffice zunehmen könnte. „Muskelaufbau ist das A und O für die Gesundheit“, sagt der Fitnesstrainer. Auch Mobilität sei wichtig, gerade bei älteren Menschen. Bei ihnen kommt im Studio aber auch eine soziale Komponente dazu, die nun fehlt.

Die Geräte auf der Trainingsfläche haben Kerstin und Karl-Heinz Wolters derzeit für sich allein.

Dass der ein oder andere Kunde nach dem Lockdown neu dazukommt, sei nicht unwahrscheinlich. Online-Training sei nicht für alle geeignet, da die persönliche Anleitung fehlt. „Ich denke schon, dass sich das verändert und die Leute merken, dass sie etwas für ihren Körper tun müssen“, so Karl-Heinz Wolters.

Als sie zwischenzeitlich für einige Monate bei niedrigen Inzidenzwerten nach dem ersten Lockdown wieder öffnen durften, waren sie überrascht, wie viele Kunden kamen. Auch Kündigungen habe es bisher nur wenige gegeben – wohl auch dadurch bedingt, dass alle Verträge derzeit ruhen. Das Studio bucht von seinen Kunden nichts ab. Das heißt aber auch: Seit Anfang November keinerlei Einnahmen. Auch die gegenüberliegende Kito-Kinderwelt, die den Wolters gehört, ist geschlossen, bringt nichts ein. Alle Mitarbeiter sind daher in Kurzarbeit. Das Studio erhält finanzielle Unterstützung vom Staat wie so viele andere auch. Bisher kommen sie klar, „trotzdem mussten wir einen Kredit aufnehmen, um alles abzudecken“, lässt der Inhaber nicht unerwähnt. „Wir haben viel von der Substanz gelebt“, aber auch das sei irgendwann aufgebraucht.

Karl-Heinz Wolters weiß aber auch, dass viele Fitnessstudios jetzt Probleme haben, überhaupt an die staatlichen Hilfen zu kommen. Immer günstiger sein wollen und durch die Kundenwünsche auch müssen, das räche sich jetzt, ergänzt seine Frau. „Vielleicht sind die Leute nun zum Umdenken gezwungen, was einem Dinge wert sind.“ Die Pandemie deckt diverse schon vorhandene Probleme stärker auf. „Und Kredite bekommen manche nicht bewilligt“, sagt Karl-Heinz Wolters – weswegen das Interesse, wieder öffnen zu können, entsprechend größer ist.

Doch den Kopf in den Sand stecken, wollen sie nicht, stattdessen investieren die Wolters wo möglich, um sich auf die Wiedereröffnung vorzubereiten. So haben sie beispielsweise Lüftungen installieren lassen. Sie nutzen aber auch die Zeit für sich, Freizeit, die sonst rar ist bei 362 Tagen, die das Studio geöffnet ist. Und sie halten sich fit, nutzen die Zeit für Weiterbildungen. „Wir müssen auf die neue Situation eingehen, was bewegt die Leute, wie nimmt man ihnen dann die Ängste“, sagt die Fitnesstrainerin.

Dennoch: Eine zu frühe Öffnung halten beide für nicht richtig – so gerne sie wieder ein volles Haus hätten und es wirtschaftlich wichtig wäre. Doch wenn nur ein Fall im Studio ist, ist sofort wieder alles zu, Sicherheit stehe über dem Training. „Die Sicherheit kann man aber nicht vermitteln, wenn draußen noch die Hütte brennt“, sagt Kerstin Wolters. Wie es die nächsten Monate weitergeht, sei offen – beide rechnen nicht vor einer Öffnung vor April oder Mai, für die Kinderwelt planen sie sogar noch mit einer längeren Schließung. „Sie ist schlechter zu kontrollieren, wenn die Kinder durcheinanderlaufen“, sagt Kerstin Wolters.

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