Der 21-jährige Kacper Jagas aus Hetzwege wird zum Lebensretter

„Es tut wirklich nicht weh“

Kacper Jagas rettete mit seiner Stammzellenspende einem Menschen das Leben und würde es jederzeit wieder tun. - Foto: Warnecke

Hetzwege - Von Lars Warnecke. Sie sind die Hoffnung vieler. Die einzige Überlebenschance für Menschen, die an Leukämie erkrankt sind, ist eine Stammzellenspende. Die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) mit Sitz in Dessau sucht in Typisierungsaktionen dafür immer wieder Freiwillige, die sich in die weltweite Datei aufnehmen lassen. Kacper Jagas (21) ist so ein Spender. Im Februar bekam der Hetzweger einen Anruf, dass genau seine Stammzellen gebraucht werden. Im Interview erzählt er, wie er einem Menschen helfen konnte.

Herr Jagas, warum haben Sie sich damals typisieren lassen? Gab es dafür einen bestimmten Grund?

Kacper Jagas: Die Idee dazu trug ich schon eine längere Zeit mit mir herum – nur war ich bisher nie dazu gekommen, sie auch umzusetzen. Bis ich eines Abends beim Durchzappen einen TV-Spot der DKMS sah, in dem man dazu aufrief, sich typisieren zu lassen. Also fasste ich mir ein Herz und ließ mir die Wattestäbchen für die Speichelprobe zuschicken. Die kamen dann nur ein paar Tage nach der Bestellung auch schon mit der Post, mitsamt einer Anleitung, was man genau zu tun hat. Eine Woche, nachdem ich die Stäbchen zurückgeschickt hatte, riefen die mich auch schon an.

Mit der Nachricht, dass Sie als Spender in Frage kommen könnten?

Jagas: Dass man einen Patienten für mich hätte, genau. Und mit der Bitte, dass ich beim Arzt nochmal Blut abnehmen lassen möge. Die von der DKMS wollten sich damit vergewissern, dass das auch wirklich mit mir und dem Empfänger passt.

Und das tat es offenbar...

Jagas: Ende März, ich war zu der Zeit noch in Danzig auf einem dreiwöchigen Praktikumsaufenthalt, klingelte wieder das Telefon. Ich solle zur Voruntersuchung ins Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf kommen, hieß es damals. Das Praktikum habe ich dann um einen Tag abgekürzt, da es sich sonst mit dem Untersuchungstermin überschnitten hätte. Vor Ort bin ich dann von Kopf bis Fuß durchgecheckt und darüber aufgeklärt worden, wie das Ganze abläuft. Wieder eine Woche später hatte ich dann Gewissheit, dass alle meine Werte in Ordnung sind. Und am 21. April, an einem Montag, fand dann auch schon die Spende statt.

War war das für ein Gefühl zu wissen, dass man der eine ist, der einem anderen nun womöglich das Leben rettet?

Jagas: Ehrlich gesagt hatte ich schon ein wenig Panik davor, in dieser Phase womöglich krank zu werden. Der Patient bekommt vor der Stammzellenbehandlung ja auch Chemotherapie. Meine Sorge war, dass der womöglich stirbt, sollte ich mir einen Virus oder Ähnliches einfangen. Aber es ist am Ende doch alles gut gegangen – ich habe mich in der Zeit sicherheitshalber mit allem ein bisschen zurückgehalten, und auch weniger Sport als sonst gemacht (grinst).

Wie lief dann die Vorbereitung auf die eigentliche Transplantation ab?

Jagas: Fünf Tage vor der Spende musste ich mir Spritzen setzen – einmal morgens und einmal abends, immer unterhalb des Bauchnabels. So wurde gewährleistet, dass die Stammzellen aus dem Knochenmark ins Blut gelangen. Wegen einer Fußballverletzung, bei der ich Trombosespritzen nehmen musste, kannte ich so ein Prozedere schon. Das war also überhaupt kein Problem für mich. Das einzige, was die Medikamente bei mir hervorriefen, waren hin und wieder mal leichte Knochenschmerzen und fieberähnliche Symptome. Aber ich habe die Zähne zusammengebissen, immerhin lohnte es sich ja auch.

Wie erging es Ihnen am Tag X mental?

Jagas: Ich bin am Vorabend schon hingefahren, allein. Am nächsten Tag ist dann auch meine Mutter dazugekommen. Nervös war ich nicht, ich fühlte mich richtig fit. Und ich war wirklich froh, dass es nun endlich losgehen konnte.

Schildern Sie mal den Ablauf. Wie muss man sich das mit der Stammzellspende vorstellen?

Jagas: An und für sich ganz einfach: Man wird über einen Katheter im Arm an eine Maschine angeschlossen, in der das Blut zum Herausfiltern der Stammzellen hineinläuft. Über den anderen Arm wird es dann wieder in den Körper zurückgeführt. Letztlich lag ich vier Stunden lang einfach nur da. Zugegeben, im letzten Viertel wurde es dann schon ein wenig anstrengend, da mein Arm total müde wurde und ich nicht mehr ganz so still halten konnte. Die Maschine hat das auch gleich mit einem warnenden Piepston honoriert (lacht). Nach der Spende habe ich dann noch ein paar Arbeitskollegen besucht, unsere Firma hat ja auch Niederlassungen in Hamburg. Gepennt habe ich dann im Hotel und am nächsten Tag bekam ich auch schon die Nachricht, dass ich 5,2 Millionen Stammzellen gespendet habe – 200.000 mehr, als der Patient eigentlich brauchte. Ich habe dann noch mit einem Hamburger Kumpel einen Kaffee getrunken und bin wieder nach Hause gefahren. Das war‘s.

Das Ganze läuft für den Spender komplett unentgeltlich ab?

Jagas: Die Hotelübernachtungen schon, die bekommt man von der DKMS komplett bezahlt. Die Anfahrtskosten trägt man erst selbst, bekommt sie aber später zurückerstattet.

Weshalb brauchte Ihr Empfänger damals überhaupt die Stammzelltherapie?

Jagas: Da bin ich mir nicht ganz sicher. Ich weiß nur, dass er wohl Blutkrebs haben soll.

Wurde Ihnen bei der Spende gesagt, wer konkret Ihre Stammzellen erhält?

Jagas: Bei dem Empfänger soll es sich um einen 61-Jährigen aus Deutschland handeln. Das ist das einzige, was ich weiß.

Wollen Sie überhaupt in Erfahrung bringen, wem Sie gespendet haben, oder ist Ihnen das eher gleichgültig?

Jagas: Klar, auf jeden Fall will ich das. Es reizt mich zu wissen, wem man nun geholfen hat. Da gibt es aber eine Kontaktsperre von zwei Jahren. So lange werde ich mich noch gedulden müssen. Und erst in zwei bis drei Wochen werde ich erfahren, ob die Therapie bei ihm überhaupt angeschlagen hat. Sollte das nur teilweise der Fall sein, müsste ich halt nochmal spenden – ich bin nun zwei Jahre für ihn reserviert. Aber das täte ich gerne, wenn er wieder etwas braucht. Es kann natürlich auch sein, dass die Behandlung gar nicht von Erfolg gekrönt ist – dann müsste die DKMS einen komplett anderen Spender suchen.

Wie ist Ihr Fazit aus dieser Erfahrung?

Jagas: Ich würde alles genauso noch einmal machen, wenn man dadurch einem anderen Menschen das Leben retten kann. Schließlich wäre ich selbst auch froh darüber, wenn man mir auf diese Weise helfen würde. Und der Aufwand dafür ist gering. Ich empfehle deshalb jedem, sich typisieren zu lassen. Es tut auch wirklich nicht weh.

Zur Person

Kacper Jagas (21) lebt mit seiner Familie in Hetzwege. Im Alter von vier Jahren ist der gebürtige Pole nach Deutschland gekommen, wo er seine Kindheit zunächst in Stemmen verbrachte. Für den dort ansässigen TV kickt der ehemalige Fintauschüler seit vielen Jahren in der Fußball-Bezirksliga Lüneburg 3. Derzeit absolviert Jagas seine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann bei der Baumaschinenfirma Atlas von der Wehl in Lauenbrück.

Die DKMS – Was ist das?

Die Deutsche Knochenmarkspenderdatei, kurz DKMS, und ihre verschiedenen Untergruppierungen ist eine Organisation die sich für den Kampf gegen Blutkrebs, andere Erkrankungen des Blutbildenden Systems und teilweise auch gegen diverse Krebserkrankungen einsetzt. Es handelt sich dabei um eine gemeinnützige Organisation, die im Jahr 1991 ins Leben gerufen wurde und ausschließlich von Spenden lebt. Sie vermittelt Spender für erkrankte Patienten. In Deutschland beispielsweise bekommt alle 45 Minuten jemand die Diagnose Leukämie, welches eine bösartige Erkrankung der weißen Blutkörperchen ist, die vom Knochenmark ausgeht. Einem Teil der Patienten kann durch eine Chemo- und/oder Strahlentherapie geholfen werden. Für viele Patienten aber ist die Übertragung von Blutstammzellen, auch bekannt als „Stammzellen- oder Knochenmarktransplantation“, die einzige Hoffnung auf Leben. Um als solch ein Spender in Frage zu kommen, muss man gewisse Kriterien erfüllen. Tendenziell sind Menschen im Alter von 18 bis 55 Jahren ohne chronische Krankheiten gesundheitlich geeignet. Doch abgesehen von den Formalitäten müssen die Gewebemerkmale eines Patienten und Spenders übereinstimmen. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Merkmale zweier Menschen übereinstimmen reicht von 1:20.000 bis zu 1:mehreren Millionen, da mehr als 7.000 verschiedene Merkmale bekannt sind, die Kombinationen also nahezu unendlich sind. Je mehr registrierte Spender es gibt, desto wahrscheinlicher ist es auch, dass ein Patient einen passenden Spender finden kann. Im Moment sind weltweit 20,9 Millionen Spender registriert, davon 3,5 Millionen bei der DKMS und davon wiederum 2,9 Millionen in Deutschland.

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