Schulsozialarbeiter Detlef Lehmann spricht über schlechte Noten und verpasste Chancen

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Vielleicht, sagt Schulsozialarbeiter Detlef Lehmann, verstehe er viele Schüler mit Problemen so gut, weil er selbst einer war. Sein Zeugnis aus der zweiten Klasse lässt daran keine Zweifel.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Der raue Ton kommt an. Und er wirkt. Detlef Lehmann kennt seine Pappenheimer, vormachen können die ihm nichts: „Na, wieder durch?“, pflaumt er die Jungs auf dem Flur der Rotenburger Theodor-Heuss-Schule, die zur IGS wird, an. Die Jungs lachen, antworten aber überraschend brav.

Detlef, meist Herr Lehmann genannt, ist als Schulsozialarbeiter an Hauptschule und Gesamtschule näher dran an den kleinen und großen Problemen der Schüler als die Lehrer, meistens sogar als die Eltern. Er weiß, worum es geht – aus eigener Erfahrung.

Das Abschlusszeugnis des heute 52-Jährigen von 1981 hängt noch an der Pinnwand im Büro. Hier, wo er intime Gespräche führt mit seinen Schülern, wo Lösungen gesucht werden, zwischen Aquarium und Fußballwimpeln, hier zeigt Lehmann: Ich bin einer von euch. 

Das schafft Vertrauen, das macht die coolen Jungs und die bockigen Mädchen gesprächiger, offener. Lehmann findet so Zugang zu denen, die andere aufgegeben haben. Weil er weiß: Es lohnt sich. Weil auch er gefördert wurde, als es fast schon zu spät war.

Lehmann galt als Zappelphilipp

Der Bruch in jungen Jahren kam vom Übergang von der Grund- in die Hauptschule. Das System damals: „Ein Fehler“, sagt Lehmann. Früh wurde gesiebt und getrennt, eine Orientierungsstufe gab es nicht, Unterstützung für und durch die Eltern kaum. Die Freunde kommen mehrheitlich aufs Gymnasium, Lehmann fällt durchs Raster. 

„Ich war gar nicht angepasst“, sagt er heute rückblickend. „Man sprach von einem Zappelphilipp“, heute gäbe es vielleicht eine ausgefeiltere Diagnose. Und heute gäbe es Menschen wie ihn, die schon in den ersten Klassenstufen eingreifen und unterstützen. Lehmann: „Wie gut, dass es heute Sozialarbeiter und besser ausgebildete Lehrer gibt.“ 

Für ihn, der anders war, setzt es stattdessen auch in den späten 70er-Jahren noch hier und da eine Ohrfeige, nicht nur ein Mal muss er eine halbe Stunde in der Ecke stehen. Erzieherische Wirkung: gleich null. Besser wird es erst, als sich die neue Klassenlehrerin in der fünften Klasse der Hauptschule dem Problem widmet – auch im privaten Umfeld. Lehmann wird zum ersten Mal gefördert. Das prägt.

Seine erste Ausbildung war zum Kinderpfleger

Die Leistungen werden besser, es gibt eine Empfehlung für die Realschule, aber so richtig startet Lehmann in dem Bereich, auf dem er durch eigene Erlebnisse quasi schon Experte ist, erst nach den Jahren an der Theodor-Heuss-Schule durch. 

Er lässt sich an der BBS-Berufsfachschule zum Kinderpfleger ausbilden, holt sein Fachabi nach in Harburg, nach der Bundeswehrzeit studiert er Sozialwesen in Lüneburg, macht sein Diplom in Pädagogik und fängt als Schulsozialarbeiter an einem Gesamtschulprojekt in Fürstenau (Kreis Osnabrück) an. 

Das Schulkonzept, das er dort kennenlernt, ist für ihn ideal. Es gibt mehr gemeinsame Zeit für alle Schüler, individuelle Förderung, weniger Aus- und Abgrenzung. Dabei habe jedoch immer im Fokus gestanden, den Schülern zu vermitteln, dass sie die Leistung für sich erbringen. 

„Schulsozialarbeit ist Beziehungsarbeit“

Eine Ansicht, die Lehmann seit seiner Rückkehr in den Landkreis und seit dem Beginn der Arbeit an seiner alten Schule vor acht Jahren auch hier vor sich her trägt. „Schulsozialarbeit ist Beziehungsarbeit – mein Vorteil gegenüber Lehrern ist, dass ich nicht beurteilen und keine Noten geben muss“, sagt er. So verstünden viele, dass es um sie gehe, wenn er ihnen auf die Beine helfen möchte.

Nicht jeder taugt zum Gymnasiasten, nicht jeder wird nur Einsen im Zeugnis haben. Trotzdem ist es für Lehmann „ein Skandal“, dass aufgrund fehlender Finanzmittel im Bildungssektor Unterstützung noch heute versagt werde. Er ist sich sicher: „Ein Drittel der Hauptschüler würde, wenn besser gefördert würde, ganz andere Schulabschlüsse machen. Wir haben einfach viel zu viele, die verlieren.“ 

Gesamtschulen böten den besten Rahmen dafür, dem entgegen zu wirken. Da kommt für ihn der Wechsel in Rotenburg ganz Recht. Wenn sich der letzte THS-Jahrgang im Sommer 2019 verabschiedet, ist er nur noch für die IGS zuständig.

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