Bundeswehr in Seedorf gibt mit Broschüre Einblicke in Aufgaben und unterstützende Einrichtungen

„Wir sind ständig auf dem Sprung“

Oberst Christian von Blumröder (links), mit seinem Stellvertreter Oberstleutnant Henkel - Foto: lh/zz

Seedorf - Von Lutz Hilken. Seit fast zehn Jahren sind Fallschirmjäger der Bundeswehr in Seedorf stationiert. „Wer sind wir? Was machen wir überhaupt?“ Das sind zentrale Fragen, auf die eine jetzt erschienene 66 Seiten starke Standortbroschüre über die Kaserne Antworten gibt. Eine „Visitenkarte“, wie der frühere Regimentskommandeur Oberst Joachim Hoppe im Vorwort erwähnt. Sein Nachfolger, Oberst Christian von Blumröder, gibt im Interview Auskunft über aktuelle Truppen-Themen.

Die Standortbroschüre „10 Jahre Fallschirmjäger in Seedorf“ ist erschienen. Welches Ziel verfolgen Sie damit?

Christian von Blumröder: In erster Linie dient die Broschüre als Information für die hier am Ort ansässigen zivilen Partner. Wer sind wir? Was machen wir überhaupt? Welche Kompanien gibt es im Regiment? Die Geschichte der Kaserne und des Standortes ist darin dargestellt, außerdem das Fallschirmjägerregiment 31 und seine elf Kompanien, aber auch die nicht zum Regiment gehörende Luftlandeaufklärungskompanie 310 oder die Luftlandepionierkompanie 270. Neben den Dienststellen sind darin auch unterstützende Einrichtungen wie das psychosoziale Netzwerk, der Verein Bundeswehrfamilien oder die DRK-Kita im Zevener Hollandhaus vertreten – alles, was um diese Kaserne herum an Unterstützungsmöglichkeiten existiert. So gewinnt der Leser der Standortbroschüre ein umfassendes Bild über die Bundeswehr am Standort Seedorf, transparent dargestellt.

Will sagen: Die Broschüre richtet sich mehr nach außen als nach innen?

Von Blumröder: Ja. Wir verteilen sie jetzt zunächst an die Bürgermeister und die zivilen Partner, die mit uns zusammenarbeiten.

Soll die Broschüre auch der Werbung dienen, zum Beispiel im Bereich der Nachwuchsgewinnung?

Von Blumröder Das ist sicherlich auch eine Zielrichtung; denn Nachwuchsgewinnung ist ein großes Thema für uns. Wir tun eine ganze Menge dafür. Zum Beispiel mit dem Zukunftstag in der Kaserne, an dem mehr als 70 Schüler teilgenommen haben. Außerdem haben wir in diesem Quartal 22 Schülerpraktikanten gehabt, zehn Truppenpraktikanten, 27 Bewerber vom Karriecenter der Bundeswehr in Stade und eine Schulklasse aus Verden. In diesem Zusammenhang kann ich mir gut vorstellen, dass die Leser der Standortbroschüre die Informationen auch als Multiplikatoren weitergeben und somit auch zur Nachwuchsgewinnung beitragen.

Stichwort Nachwuchswerbung: Ist es zunehmend schwierig, geeignete Bewerber zu finden?

Von Blumröder: Wir sind als Fallschirmjäger attraktiv, weil wir hier in einer Kompaktheit das bieten, was viele von der Bundeswehr erwarten. Hier herrscht Action, hier erreichen Soldaten Grenzen – körperlich und mental. Dies alles findet in einem Rahmen statt, zu dem auch der Fallschirmsprung gehört, der eine besondere Überwindung sowie Auszeichnung ist und uns in besonderem Maße verbindet. Das macht den Nimbus dieser Truppe aus.

In welchen Bereichen sehen Sie noch Bedarf?

Von Blumröder: Wir haben Bedarf, wie überall in der Wirtschaft, bei Technikern, im IT-Bereich. Was wir merken ist, dass durch die Möglichkeit des Widerrufs in der Grundausbildung eine ganze Menge junger Menschen abspringen. Sie haben mehrere Eisen im Feuer, orientieren sich gegebenenfalls um. Das ist ein Phänomen, das es auch in der freien Wirtschaft gibt. Es geht leider auch der eine oder andere, um den es besonders schade ist, das gebe ich zu. Aber die meisten stellen sich den Anforderungen, ziehen die Grundausbildung durch und nehmen Härten in Kauf. Manche setzen noch einen drauf und spezialisieren sich weit über Bereiche hinaus, die in der Grundausbildung gefordert sind.

Gibt es auch Defizite bei den Bewerbern?

Von Blumröder: Wir merken, dass der Durchschnitt der körperlichen Leistungsfähigkeit etwas abgenommen hat. Darauf werden wir uns einstellen und versuchen, die jungen Leute an einem niedrigeren Punkt abzuholen. Um ihre Leistungsfähigkeit dann kontinuierlich Stück für Stück professionell aufzubauen. Denn wer zu den Fallschirmjägern möchte, dem muss bewusst sein, dass die Messlatte hoch liegt.

Wo sehen Sie aktuell am Standort militärisch die größten Herausforderungen?

Von Blumröder: Wir sind im wahrsten Sinne des Wortes ständig auf dem Sprung, weil wir den Kernauftrag haben, militärische Evakuierungsoperationen vorzubereiten. Wir müssen ein ständiges Kräftedispositiv haben, das im Grunde auf Kommando abrücken kann. Diese Soldaten müssen in der Lage sein, in jedem Teil der Welt zu funktionieren. Sie müssen eine Vielzahl von Impfungen über sich ergehen lassen, die aktuell sein müssen. Sie müssen ebenso wie die Ausrüstung immer auf dem neuesten Stand und sofort einsetzbar sein. Diese hohe Einsatzbereitschaft müssen wir garantieren. Das ist eine ständige Herausforderung, auf die wir uns konzentrieren.

Und im Sommer wird möglicherweise eine Kompanie nach Afghanistan in den Einsatz gehen?

Von Blumröder: Das ist abhängig von dem Mandat. Hier sind wir in einer Reserverolle. Wir bereiten uns konsequent darauf vor. Aber es ist derzeit nicht geplant, dass wir dauerhaft Soldaten abstellen. Eine weitere Herausforderung ist es immer noch, das Regiment zusammenzuführen. Es gibt ausbaufähige Strukturen im Stab. Die Führungsspanne ist mit zehn Kompanien außergewöhnlich groß. Das muss man handhabbar machen.

Dies alles vor dem Hintergrund der neuen Soldaten-Arbeitszeitverordnung?

Von Blumröder: Wir müssen in der Regel mit 41 Stunden auskommen. In der Vergangenheit wurden viele Überstunden finanziell ausgeglichen. Das ist nicht mehr möglich. Wir als Ausbilder und Führungspersonal müssen daher sehr viel sorgfältiger mit der Arbeitszeit der Soldaten umgehen. Wir befinden uns in einer Testphase. Wir müssen einen Weg finden, der nicht zu viel Bürokratie bedeutet, aber der den Ansprüchen der Soldaten Genüge tut. Letzten Endes kommt es darauf an, den Gesundheitsschutz der Soldaten zu stärken. Auf der anderen Seite darf die Auftragserfüllung nicht zu kurz kommen.

Angesichts dieser Aufgaben klingen 41 Wochenstunden nach wenig.

Von Blumröder: Das ist sicherlich so. Aber es gibt Ausnahmen für bestimmte Übungsabschnitte, wo diese 41 Stunden ausgesetzt werden. Jetzt geht es darum zu bestimmen, inwieweit diese Ausnahmeregelungen vertretbar sind. Wir sind dabei, das auszuloten. Mitte des Jahres werden wir einen privaten Wachdienst bekommen, sodass die Soldaten nicht mehr an der Wache stehen, sondern mehr Zeit haben für die Ausbildung. Wir haben außerdem die technischen Vorkehrungen deutlich heraufgefahren, um die Sicherheit der Kaserne zu gewährleisten.

Was ist Ihrer Ansicht nach das Besondere am Bundeswehr-Standort Seedorf und der Region?

Von Blumröder: Was ich gleich am Anfang gespürt habe, schon bei der Übernahme des Regiments: Die Bundeswehr genießt hier einen enormen Rückhalt in der zivilen Bevölkerung in Selsingen und Zeven. Daraus schöpfen wir. Ich spreche immer wieder mit Soldaten, die sich hier ansiedeln, Häuser bauen und auf die Standortsicherheit vertrauen. Es tut uns gut, dass sie immer mehr hineinwachsen in die Gemeinden. Sie bekommen viel vom Umfeld und geben eine ganze Menge. Wir versuchen das aktiv zu betreiben. Am 28. April hatten wir nicht nur den Zukunftstag, sondern auch eine Offiziersweiterbildung im Gelände. Wir spielten dort gedanklich eine virtuelle Lage durch und hielten die Mittagspause im Landfrauen-Café ab. Darüber haben wir uns sehr gefreut, weil es für viele ein Symbol der neuen Heimat ist.

zz

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