Norbert Schmudlach über Corona-Folgen

Rotenburgs Kreishandwerksmeister: „Wir sind nicht total verzweifelt“

Erwartet Langzeitfolgen der Coronakrise: Kreishandwerksmeister Norbert Schmudlach.
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Erwartet Langzeitfolgen der Coronakrise: Kreishandwerksmeister Norbert Schmudlach.

Manche kommen schlecht durch die Corona-Krise, manche spüren die Auswirkungen extrem. Rotenburgs Kreishandwerksmeister Norbert Schmudlach über die vielfältigen Pandemie-Folgen im Handwerk.

  • Es gibt vielfältige Auswirkungen der Corona-Pandemie auf das Handwerk.
  • In manchen Gewerken ist die Umsetzung der Hygienemaßnahmen schwierig.
  • Aber man hat den Kontakt zu möglichen Auszubildenden verloren.

Mulmshorn/Rotenburg – Das Handwerk ist vielfältig, und es ist in der Covid-19-Pandemie auch vielfältig betroffen. Kreishandwerksmeister Norbert Schmudlach kommt als Kfz-Meister und Geschäftsführer einer Autowerkstatt selbst einigermaßen gut durch die Krise. Wohl wissend, dass es Vielen im Handwerk deutlich schlechter geht. Am Donnerstag tritt er beim ersten digitalen Kommunikationstreff des Rotenburger Wirtschaftsforums auf.

Zuvor gibt Schmudlach im Interview am Wochenende Auskunft zu Hygieneplänen, dessen Grenzen, die Situation in den einzelnen Gewerken und darüber, welche Folgen die Pandemie mittel- und langfristig haben wird.

Herr Schmudlach, das Handwerk ist allgemein bereits oft ein schmutziges Feld. Ist ein hygienisches Arbeiten da überhaupt möglich?

Ganz klar. In den Werkstätten weiß ich aus eigener Erfahrung, dass es mehr oder weniger problemlos möglich ist. Da, wo wir die Mindestabstände nicht einhalten können, wird natürlich mit Maske gearbeitet. Da sind wir auf jeden Fall sehr vorsichtig. Und in der Werkstatt und in den Fahrzeugen wird hygienisch gereinigt, also Lenkräder und Schaltknüppel zum Beispiel, werden abgewischt. Auf den Baustellen gehen die Kollegen in Teams vor und teilen die Mitarbeiter auf, um die Hygienemaßnahmen einzuhalten – oder zumindest, um nicht alle zusammen zu bringen.

Ein Kohortenprinzip.

Richtig. Das weiß ich von den Malern oder den Tischlern, die drinnen arbeiten. Die empfohlenen Schutzmaßnahmen werden eingehalten.

Manchmal lassen sich im Handwerk direkte Kontakte unter Kollegen nicht vermeiden. Im Bau etwa fahren die Arbeiter ja nicht mit dem eigenen Auto zur Baustelle, sondern gemeinsam im Transporter. Generell ist also viel Selbstdisziplin erforderlich. Haben Handwerker diese?

Ich weiß von keinem Betrieb explizit, dass dort Infektionen aufgetreten sind. Das würde sich in der Branche rumsprechen. Ich muss daher sagen, dass sich Handwerker an die Vorgaben halten. Natürlich haben wir ein Problem damit, die Abstände einzuhalten. Das ist wie im Krankenhaus auch, da muss man an die Patienten ran. Da, wo zwei Leute gefordert sind, beim Heben oder Bohren, helfen die FFP2-Masken oder Ähnliches. Eine erhöhte Handhygiene hilft auf jeden Fall auch. Ich habe hier in meiner Werkstatt dafür Sorge getragen, dass regelmäßig die Hände gewaschen werden.

Lässt sich eine Maskenpflicht auf einer Baustelle überhaupt überwachen?

Das ist natürlich schwierig. Da ist man natürlich an Selbstdisziplin gebunden, und ich gehe davon aus, dass es im überwiegenden Fall auch so durchgeführt wird – es ist ja auch Eigenschutz. Was anderes kann ich jetzt natürlich nicht sagen, sondern nur an alle appellieren, das einzuhalten. Wir wollen ja alle möglichst schell aus dieser Corona-Geschichte raus. Der Schaden für das Handwerk und die Volkswirtschaft allgemein ist ja immens.

Die Pandemie trifft viele Branchen hart. Friseure, die nicht arbeiten können, sind mittlerweile ein oft genanntes Beispiel. Aber auch Bäckern in etwa sind die Aufträge aus dem Gastronomiebereich weggebrochen. Wie kommen andere Innungen durch die Krise?

Was fürs Erste natürlich hilft, ist das Kurzarbeitergeld. Das funktioniert im Übrigen ganz gut, da muss ich der Agentur für Arbeit mal ein Lob aussprechen, dass sie wirklich zeitnah auszahlt. Die Friseure sind mit der kompletten Schließung extrem betroffen. Dadurch gibt es dort null Einnahmen, aber durch das Kurzarbeitergeld wird zumindest das Personal aufgefangen, dass das Gehalt mit 60 beziehungsweise 68 Prozent abgedeckt ist. Ansonsten ist das Gesamthandwerk eigentlich mehr oder weniger da durchgerutscht.

Digitales Treffen des Rotenburger Wirtschaftsforums

Netzwerken ist eine der zentralen Funktionen des Rotenburger Wirtschaftsforums (RWF). Doch weil Händeschütteln, Small Talk am Büfett und gegenseitige Unternehmensbesuche in der Pandemie natürlich nicht oder kaum möglich waren, geht nun auch das RWF neue digitale Wege. Am Donnerstag wird RWF-Vorsitzender Heiko Kehrstephan als Moderator im neuen „Studio 10“ im Gewerbegebiet Hohenesch Christoph Burmester (Avides Media), Cornelia Gewiehs (IG Citymarketing) und Norbert Schmudlach (Autodienst Schmudlach/Kreishandwerksmeister Rotenburg) zur aktuellen Corona-Situation befragen. Um 18 Uhr geht es los. Zuschauen und interaktiv Fragen stellen können RWF-Mitglieder, Geschäftspartner und Freunde. Dazu ist eine Anmeldung notwendig. Im Vorfeld der Gesprächsrunde wird Gastgeber Malte Holsten mit seinem Partner Dario Elsen einen Blick hinter die Kulissen ihres gemeinsamen Rotenburger Unternehmens „Digitalevent/Studio 10“ geben.

Im Bauhandwerk waren die Auftragsbücher vor Corona voll. Ist das immer noch so?

Ich habe mit mehren gesprochen, die Auftragsbücher sind noch voll. Man erwartet allerdings, dass zum Ende des Jahres sich schon Probleme auftun. Der Vorlauf ist vielleicht nicht mehr ganz so groß, wie er vor Corona war, aber aktuell sind die Bücher noch voll, weil die Projekte in der Regel ja auch länger gehen. Also in der Bauwirtschaft gibt es wenig Probleme, außer dass man mit einer Kohortenbildung eben nicht komplette Teams hinschicken kann und die Baustellen dadurch länger brauchen.

Woher kommt die Einschätzung, dass es zum Ende des Jahres nicht mehr so gut laufen wird?

Das ist eher ein Bauchgefühl, das ist die Befürchtung, die der eine oder andere Bauunternehmer der unterschiedlichsten Gewerke hat. Die effektiven Zahlen spiegeln das jetzt noch nicht wider, aber man befürchtet, dass die Corona-Auswirkungen nachgelagert kommen. Man könnte vermuten, weil alles viel Geld kostet, dass irgend jemanden das Geld am Ende fehlen wird. Und das könnte der Bürger sein, der nicht mehr dieses Geld ausgeben kann.

Andererseits war man vor Corona in einer ausgezeichneten Lage.

Wir sind natürlich hochgeflogen, das muss man schon so sagen. Und tatsächlich ist es normal, dass es nicht nur nach oben gehen kann und dass die Wirtschaft sich irgendwann einpendelt und abfällt.

Verhalten sich die Kunden auch anders?

Manche sind sehr zurückhaltend, vermeiden ganz bewusst Kontakte und nehmen Termine, die gemacht worden sind, zurück. Die Tischler haben mir zum Beispiel berichtet, dass dort Privataufträge – also Ausbau eines Schlafzimmers oder einer Küche – erst mal zurückgestellt worden sind. Da wollte man keine Handwerker im Haus haben. Die Auswirkung, die wir hier persönlich merken, ist: Die einen sind sehr vorsichtig und gehen kaum ins Büro. Andere – ich muss es leider sagen: gerade die, die es betreffen sollte – sind manchmal total unvorsichtig. Wir haben leider feststellen müssen, dass immer mal wieder Kunden reinkommen, die man an die Maske erinnern muss, und die dann mit Unverständnis reagieren. Und gerade für diese Gruppe machen wir es eigentlich.

Erwarten Sie Corona-Langzeitfolgen im Handwerk?

Ich denke schon, dass wir das noch zu spüren bekommen. In meinem Bereich, der Kfz-Bereich, glaube ich, dass sich die Mobilität verändern wird. Sachen, die Corona selbstverständlich waren, werden überdacht. Gehen wir alleine mal von den Reisetätigkeiten aus: Ich bin der Meinung, dass etwa Termine mit dem Auto, beispielsweise von Hamburg mal nach Bremen, um einen Kunden zu besuchen, eher digital wahrgenommen werden. Das werden wir merken. Wenn weniger Verkehr ist, gibt es weniger Arbeit – aber das wirklich nur im Groben gesehen.

Wo war die Pandemie Innovationstreiber im Handwerk?

Was ich eben schon sagte, das virtuelle Treffen hat vorher nicht stattgefunden. Ich kann mich an keine Videokonferenz erinnern.

Wie kann man sich das beim Handwerker vorstellen?

Dass man zukünftig mit Kunden über eine Webcam kommuniziert, wenn man was besprechen muss. Dass man Schulungen für die Mitarbeiter virtuell stattfinden lässt. Das finde ich als Unternehmer übrigens eine ausgezeichnete Geschichte. Warum sollte ich jemanden für eine dreistündige Schulung 200 Kilometer durch die Gegend scheuchen? Prozesse wurden digitalisiert, was früher auf Papier an die Mitarbeiter gegeben wurde, wird heute digital aufs Smartphone oder Laptop geschickt. Da hat jeder in seinem Bereich dazugelernt und gesehen, dass es ganz gut funktioniert.

Wenn Ausbildungsmessen ausfallen, wie treten Handwerker jetzt eigentlich mit dem Nachwuchs in Kontakt?

Das ist schwierig. Und tatsächlich merken wir, dass Bewerbungen zurückgehen. Aktuell verlieren wir ein bisschen den Zugriff auf die Jugendlichen, die Ausbildungsmessen waren natürlich eine wichtige Geschichte. Jetzt kann man natürlich nur die anderen Medien wählen wie Facebook oder dass man die Schulen eventuell kontaktiert. Aber auch da gibt es zurzeit keinen Zugang. Uns fehlt aktuell wirklich der Zug, um junge Menschen auch begeistern zu können.

Ich höre da eine gewisse Ratlosigkeit heraus.

Wir sind jetzt nicht total verzweifelt. Aber es ist im Moment ein Innehalten, in dem überlegt, welche Wege man noch neu gehen kann. Wenn die Pandemie noch ein Jahr oder länger dauern würde, müssen wir uns dringend was einfallen lassen. Dann muss man wirklich an die Schulen herantreten und vielleicht digital etwas anbieten. Das große Plus am Handwerk ist ja, dass man über Messen und Praktika mit den Leuten in Kontakt kommt. Aber beides gibt es gerade nicht.

Was versprechen Sie sich vom Kommunikationstreff des Wirtschaftsforums?

Zuerst bin ich ganz gespannt, denn so etwas habe ich auch noch nie gemacht, mich in ein Fernsehstudio zu setzen und live Fragen zu beantworten. Die Auswahl der Gäste ist ja so aufgebaut, dass da einmal ein Gewinner der Coronakrise ist. Zumindest gehe ich bei der Firma Avides davon aus, dass sie keinen Nachteil hat. Der Einzelhandel, vertreten durch Cornelia Gewiehs, ist sicher großer Verlierer, und meine Wenigkeit vertritt mit dem Handwerk etwas, wo es eher ausgeglichen ist. Bei manchen ist es gut gelaufen, bei manchen eher nicht. Erwarten tue ich erst mal gar nichts, aber ich freue mich, dass ich daran teilnehmen darf und zur Information beitragen kann.

In dem Zusammenhang: Wird zu wenig über die aktuellen Belange des Handwerks gesprochen?

Ganz klar. Schon vor Corona ist das Handwerk in der allgemeinen Wahrnehmung zu wenig Bedeutung zugemessen worden. Das ist sicher auch ein Problem des Handwerks. Wir drängen uns nicht auf und machen geräuschlos unsere Arbeit. Das läuft geschmeidig ab. Aber Sie sind zum Beispiel der Erste, der mich als Kreishandwerksmeister fragt, wie wir durch die Krise kommen. Deswegen glaube ich schon, dass das Handwerk zu wenig von sich zeigt oder zu wenig wahrgenommen wird. Vielleicht müssen wir da aber auch offensiver mit umgehen.

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