Jörn Ehlers und Manfred Radtke im Doppelinterview zu naturverträglicher Landwirtschaft

„Wir sind ja keine Feinde“

Jörn Ehlers (l.) und Manfred Radtke sprachen mit uns über naturverträgliche Landwirtschaft. - Foto: Menker

Rotenburg - Von Matthias Röhrs. Immer wieder gibt es Reibungspunkte zwischen Landwirten und Naturschützern. Jüngstes Beispiel: die Debatte um die strengeren Auflagen für das Naturschutzgebiet Beverniederung. Doch auch im Alltagsgeschäft kommt es stets zu Konflikten zwischen den beiden Seiten. Zum Interview am Wochenende haben wir den Kreisvorsitzenden des Landvolks Rotenburg-Verden, Jörn Ehlers, und den Rotenburger BUND-Kreisvorsitzenden Manfred Radtke zu einem Grundsatzgespräch getroffen.

Herr Radtke, strengen sich die Landwirte in der Region beim Naturschutz eigentlich genug an?

Manfred Radke: Mich stört diese Diskussion generell. Eigentlich müssten Landwirte, Verbraucher und Umweltschützer in einem Boot sitzen. Die Verbraucher wollen gesunde Lebensmittel, die Landwirte sind diejenigen, die am engsten mit der Natur zusammenarbeiten. Deswegen verstehe ich nicht, warum die Seiten in den letzten Jahren so auseinander gegangen sind. Das ist eine Entwicklung über Jahre, die dazu geführt hat, dass es diesen Konflikt zwischen Landwirtschaft und Naturschutz überhaupt gibt. Ich will das aber auch nicht pauschalisieren. Es gibt Landwirte, die absolut umweltverträglich arbeiten, leider aber auch negative Beispiele, die das Bild der Öffentlichkeit prägen.

Wo ist denn besonders Luft nach oben?

Radtke: Also im Naturschutz gab es in den letzten Jahren unterschiedliche Erfolge, bei denen viele Tierarten wieder hier heimisch geworden sind – beispielsweise der Seeadler. Wir vermissen, dass die Landwirtschaft auf ihrer gesamten Fläche naturverträglicher arbeitet. Stichwort Glyphosat: Ich bin kein Chemiker, aber es kann mir keiner erzählen, dass sich alles in Wohlgefallen auflöst, wenn ich eine Fläche totspritze. Das hat am Ende irgendwo Konsequenzen. Für Landwirte ist das bequem zum Arbeiten, man spritzt das tot, wartet 14 Tage und sät das neu an. Das ist nur ein Beispiel, wo man insgesamt naturverträglicher arbeiten könnte.

Geht das zu weit, Herr Ehlers?

Jörn Ehlers: Letztendlich ist es so, dass viele vom Naturschutz geforderte Dinge uns als Grundeigentümer betreffen und als diejenigen, die ihren Lebensunterhalt damit bestreiten. Wir haben in der Landwirtschaft aktuell in vielen Bereichen eine sehr angespannte Preissituation. Und bei den Ausgaben gehören auch Tier- und Umweltschutzmaßnahmen dazu, die die Kostenschraube wieder nach oben drehen. Ich glaube, die Landwirte sind in vielen Bereichen bereit, auch Neues auszuprobieren. Aber es muss auch von irgendwem bezahlt werden, und im Moment ist die Luft bei uns ziemlich dünn geworden, da aus eigener Tasche noch etwas draufzulegen.

Welche Rolle spielt Naturschutz denn in der Landwirtschaft?

Ehlers: Natur hat immer eine riesige Rolle für uns Landwirte gespielt, weil wir auch tagtäglich mit ihr zu tun haben. Wir sind mit dem Wetter konfrontiert, mit Wildtieren, und wir arbeiten nicht irgendwo im Gewächshaus, sondern in der freien Umwelt. Wir müssen damit klarkommen, aber letztendlich spürt die Natur unsere Wirtschaftsweise.

Wo liegen denn aus Ihrer jeweiligen Sicht die Hauptproblemfelder?

Radtke: Das Hauptproblem sehe ich darin, dass die Landwirte heute nur auf Intensivierung setzen. So entsteht auch der Konflikt zum Naturschutz. Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen und kenne noch die gute alte Landwirtschaft, in der noch weitgehend im Einklang mit der Natur gearbeitet wurde. Aber heute geht es darum, möglichst billig möglichst große Mengen zu produzieren. Und das zwingt die Landwirte dazu, intensiv zu wirtschaften und aus jedem Quadratmeter möglichst viel rauszuholen – kann ich aber auch verstehen. Wenn die Gesellschaft eine andere Landwirtschaft will, muss sie das bezahlen. Vieles ist aus dem Ruder gelaufen, die Artenvielfalt ist durch die intensive Landwirtschaft dramatisch zurückgegangen. Die Verbraucher müssen bereit sein, mehr für Lebensmittel zu bezahlen. Da muss ein Wechsel her, und der kann nur gemeinsam geschafft werden. Ehlers: Vieles kommt schon bei den Äußerungen von Herrn Radtke zutage. Bei ihm – und auch bei großen Teilen der Bevölkerung – sehen wir, dass die Vergangenheit glorifiziert wird. Vieles von früher wird als toll und schön empfunden, aber es ist nicht so, dass für Tiere, Umwelt, Nutztiere und Landwirt damals alles gut war. Radtke: Das stimmt. Bei uns auf dem Hof waren 20 Milchkühe, damit kann man heutzutage nicht mehr richtig wirtschaften. Und wenn ich heute einen großen modernen Stall sehe, geht es den Tieren wahrscheinlich besser als früher in den dunklen. An dieser Stelle bedeutet Masse nicht immer etwas Negatives. Ehlers: Einen Fehler haben wir als Landwirte auf jeden Fall gemacht: Wir haben nicht ehrlich genug kommuniziert, wie wir wirtschaften. Beispielsweise haben wir eine Kuh im Stall und auf der Milchpackung steht sie dann auf der Weide. Auf der anderen Seite wünsche ich mir aber auch vom Verbraucher mehr Ehrlichkeit: Ich höre immer wieder von der Nachfrage nach naturverträglicheren Produkten, aber haben wir einen Mangel daran? Es gibt genügend Auswahl, und es kaufen auch nicht alle Grünen-Wähler oder BUND-Mitglieder so ein, wie sie nach ihrer Wahl oder Mitgliedschaft sollten.

Wo prallen Naturschutz und Landwirtschaft denn am härtesten aufeinander?

Radtke: Wir haben seit Jahrzehnten einen Rückgang in der Artenvielfalt, und die Landwirtschaft ist laut Untersuchungen der Verursacher Nummer eins. Das hängt mit der intensiven Bewirtschaftung zusammen. Ehlers: Die Artenvielfalt ist ein Punkt, wo wir uns mit beschäftigen müssen. Dann stellt uns zudem das Greening mehr und mehr vor Herausforderungen. Für die Landwirtschaft wäre es aber fair und motivierend, wenn man anerkennen würde, wo wir uns weiterentwickeln. Viele Kollegen haben im Moment das Gefühl, dass immer draufgehauen und nicht anerkannt wird, wo wir auch wirklich Erfolge erziehlen. Die neuen Techniken, die wir einsetzen, dienen ja nicht nur der Leistungssteigerung, sondern zum Teil auch dem Umweltschutz.

Warum ist es denn so schwer, naturverträgliche Landwirtschaft zu betreiben, Herr Ehlers?

Ehlers: Man erwartet oftmals zu viel, glaube ich. Der Verbraucher möchte am liebsten überhaupt keine Belastungen in den Produkten haben. Aber das ist nicht möglich. Es wird auch immer ganz schnell Panik gemacht und alles als ganz schlimm empfunden, wenn Glyphosat in der Muttermilch oder im Bier ist. Aber wenn man wissenschaftlich denkt, dann werden wir in diesen Bereichen keine Null bekommen. Die Schadstoffe kommen ja nicht nur aus der Landwirtschaft. Beim Autofahren beispielsweise gibt man durch den Reifenabrieb ebenfalls Plastikteilchen in die Umwelt ab.

Wer trägt Ihrer Meinung nach die Verantwortung für eine naturverträgliche Landwirtschaft?

Ehlers: Wirtschaften tut jeder Landwirt auf seiner Fläche, und diese Verantwortung kann er nicht jemand anderen in die Schuhe schieben. Die Landwirte haben sich an Gesetze zu halten, und wir als Verband sprechen das auch an, wenn mal etwas schief läuft. Und das würde ich mir von den Naturschutzverbänden – insbesondere hier in Rotenburg – noch mehr wünschen. Dass wir Hinweise direkt bekommen, wenn etwas schief geht, damit wir direkt reagieren können und das nicht erst in der Zeitung lesen müssen. Wenn man wirklich Probleme lösen will, muss man das auf dem direkten Weg machen. Radtke: Ich werde in diesem Jahr als Landschaftswart zusammen mit der Stadt Rotenburg und den Vertrauensleuten hier vor Ort einen Runden Tisch einberufen, wo wir diese Probleme besprechen. Das führt eher zu Ergebnissen, als wenn man das über die Presse regelt.

Welche Rolle spielt die Kreispolitik in der Debatte?

Radtke: Das Thema hat in den Parteien unterschiedliche Gewichtungen. Die CDU vertritt mehr die Landwirtschaft, andere gehen tendenziell Richtung Naturschutz. Umweltschützer fordern manchmal übertriebene Dinge, die dann zurecht zurückgewiesen werden. Landwirte wollen dann mal Grünland bewirtschaften, was dann auch abgelehnt wird. Das ist ein Geben und Nehmen, und da kann man nicht sagen, dass eine Seite bevorteilt wird. Ehlers: Für uns als Verband ist es wichtig, mit allen Parteien das Gespräch zu suchen. Eine klassische Bauernpartei nützt uns wenig. Viele Landwirte haben aber schon den Eindruck, dass der Stellenwert des Naturschutzes mittlerweile unverhältnismäßig hoch und anderes keine Rolle mehr zu spielen scheint, wenn es um Natur geht.

In welchen Bereichen funktioniert das Zusammenspiel von Landwirtschaft und Naturschutz bereits sehr gut?

Radtke: Ich weiß, Wiesenvogelschutz im Nordkreis wird gemeinsam von Landwirten und Umweltverbänden gemacht. Im Gnarrenburger Moor planen wir ein Programm, und wir als BUND wollen, dass dort Landwirte ihr Grünland weiter betreiben und bewirtschaften könne. Wir wollen, dass diese Betriebe am Markt bleiben. Ansonsten tauschen wir uns aus, wenn es Probleme gibt. Wir sind ja keine Feinde. Ehlers: Wir haben vor einigen Jahren die Initiative „Bunte Felder“ ins Leben gerufen, wo Grünflächen an Maisäckern angelegt werden. Im Bereich Verden gibt es eine Kooperation von der Landwirtschaftskammer und Imkern, wo wir Blühflächen errichten, die für die Bienen gut sind. Meine Erfahrung ist aber, dass uns der Wind in Rotenburg schärfer entgegen weht.

Warum funktionieren diese Projekte nicht überall?

Ehlers: Wie gesagt, das hängt sehr oft von den beteiligten Menschen ab. In Verden hat zum Beispiel ein Imker die Initiative ergriffen, weil er meinte, dass es so wie vorher nicht mehr weitergehen kann. Da hat man sich einfach mal einen Abend zusammengesetzt und eine Lösung erarbeitet. Aber es muss dann auch eine Win-Win-Situation für beide Seiten sein. Es gibt viele positive Projekte, die man aber auch mal anerkennen muss. So kann man die Landwirte auch motivieren, weiterzumachen. Radtke: Dass manche Naturschützer auch mal sehr deutlich ihre Position vertreten, liegt einfach daran, dass in der Vergangenheit auch einiges schief gelaufen ist. Da kommt man gar nicht daran vorbei, dass man manche Dinge überspitzt und sehr deutlich formuliert – in der Hoffnung, dass man sich irgendwo in der Mitte trifft. Jeder Landwirt, das ist kein Vorwurf, macht das, womit er am meisten Geld verdient. Da muss einfach die Gesellschaft handeln und die Rahmenbedingungen verändern. Die Landwirte sollen auf der einen Seite ihr Einkommen haben, die Natur aber nicht unter die Räder kommen.

Ist flächendeckende naturverträgliche Landwirtschaft eine Utopie?

Ehlers: Ich denke, die Landwirtschaft hier in Deutschland ist schon sehr gut, da arbeiten wir auf hohem Niveau. Dass wir uns aber weiterentwickeln müssen, steht außer Frage. Ich würde mich aber auch damit schwer tun, wenn wir sagen, dass wir jetzt 100 Prozent ökologische Landwirtschaft machen. Dafür ist der Markt groß genug. Radtke: Man kann nicht 100 Prozent intensive Landwirtschaft betreiben ohne Rücksicht auf Naturschutz. Man kann auch nicht 100 Prozent Naturschutz machen, ohne Rücksicht auf landwirtschaftliche Interessen und die Ernährungssituation der Bevölkerung zu berücksichtigen. Man muss also immer einen Weg finden, auf dem beide Seiten miteinander auskommen.

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