Vierfache Bilanz nach Rotary-Ausstausch

„Wir sind wie eine Familie geworden“

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Die Rotary-Austauschschüler Santiago (v.l.), Ingrid, Natalia und Thiago bekamen Jacken von der Non-Profit-Organisation zu Beginn ihres Jahres. Im Laufe der Zeit hefteten sie Souvenirs auf die Kleidungsstücke.

Rotenburg/Scheeßel - Von Michael Schwekendiek. Ingrid Salazar (17 Jahre) kommt aus Mexiko, Natalia Martinez (18) aus Chile, Santiago Leyva (18) wohnt in der peruanischen Hauptstadt Lima, und Thiago Kerkhoff (16) kommt aus dem Süden Brasiliens.

Für ein Jahr haben sie ihre Heimat verlassen und sind als Rotary-Austauschschüler in Rotenburg und Scheeßel zu Gast. Thiago besucht das Ratsgymnasium in Rotenburg, die anderen drei die Eichenschule in Scheeßel. Ihr Austauschjahr wird nun mit dem Schuljahr enden. Wir haben die vier Rotary-Austauschschüler nach ihren Erlebnissen und Erkenntnissen befragt.

Warum wolltet Ihr eigentlich gerade nach Deutschland?

Santiago: Ich wollte die Sprache lernen und einmal das Bildungssystem in einem europäischen Land sehen. Zuhause studiere ich schon zwei Semester Mechatronik. Da sollen die Universitäten in Deutschland sehr gut sein.

Thiago: Meine Urgroßeltern kommen ursprünglich aus Deutschland. Deshalb wollte ich das Land meiner Verwandten einmal kennenlernen.

Welche Unterschiede zu eurem Heimatland sind euch gleich aufgefallen?

Ingrid: Hier ist alles grün (alle nicken); es sind so viele Bäume da. Und es ist so sauber. Außerdem seid ihr alle pünktlich und organisiert. Das ist in Mexiko überhaupt nicht so. Wenn man sich da um 10 Uhr verabredet, kommt man so gegen 12.

Natalia: Das ist in Chile auch so, aber das werden wir jetzt ändern! Ihr habt hier auch ein gutes Recyclingsystem.

Santiago: Was für uns neu war, war auch das Taschengeld (Rotary zahlt allen ein monatliches Taschengeld). Das kannte ich von zuhause nicht. Daran musste ich mich sehr gewöhnen. In Peru ist ein Euro sehr viel mehr wert als hier. Und da habe ich zu Anfang bei jedem Euro gedacht: Das ist viel zu viel. Das kann ich nicht ausgeben!

Thiago: Ich muss mir jeden Monat wieder eine Rechnung machen, was ich kaufen kann und was nicht. Das war völlig neu für mich.

Was für eine Vorstellung hattet Ihr vorher von Deutschland?

Natalia: Ich dachte, dass alle Menschen blond sind, immer Brot essen, Bier trinken und Oktoberfest feiern.

Thiago: Ja, ich dachte auch, dass jeder Deutsche Oktoberfest feiert, dass alle Trachten tragen und Süßkartoffeln essen. Stimmt aber nicht. Oktoberfest gibt’s fast nur in Bayern, und Trachten habe ich nur bei den „Beekscheepers“ erlebt, bei denen ich mitmache.

Santiago: Meine Freunde in Lima hatten vorher gefragt: Was willst Du in Deutschland? Da sind nur Nazis. Ich hatte auch gedacht, dass die Deutschen eher kalte Menschen sind.

Und welchen Eindruck hast du jetzt?

Santiago: Heute kann ich erzählen, dass das nicht richtig ist. Die Deutschen sind sehr freundlich zu uns. Dabei haben uns auch unsere drei super Gastfamilien geholfen. Ich habe mich da immer wie ein Kind zu Hause gefühlt.

Habt Ihr Probleme gehabt, weil ihr Ausländer seid?

Santiago: Ja, ein paar Mal in der Schule oder wenn wir nach Bremen fahren. Aber darauf muss man nicht achten.

Natalia (mit Thiago und Ingrid): Wir haben keine Probleme gehabt.

Ihr besucht alle die 10. Klasse an einem Gymnasium. Ist Schule in Deutschland eigentlich schwerer oder leichter als bei euch zu Hause?

Santiago: Es ist manches einfacher, manches auch schwieriger. Für mich war Mathe einfacher (Santiago hat seine Schule bereits beendet und studiert in Peru Elektrotechnik), die anderen Fächer waren viel schwerer (alle stimmen zu). Wir haben in Peru auch kein Musik-…

Alle: … kein Kunstunterricht oder Theater, keine Politik – auch nicht so viel Auswahl an Sprachen.

War es eigentlich leicht, mit deutschen Schülern in Kontakt zu kommen?

Thiago: Zu Anfang war es schwierig. Aber es ist immer besser geworden. Außerdem war ich gleich bei den „Beekscheepers“. Da war es ganz leicht, Kontakte zu knüpfen. In Brasilien ist die Schule übrigens viel weniger streng als hier. Wir haben nur vier Stunden am Tag (Thiago geht zu einer staatlichen Schule; die anderen drei waren/sind auf Privatschulen).

Santiago: Alle sind sehr nett zu uns. Die Lehrer fragen auch nach, ob wir alles verstanden haben oder was wir lernen möchten.

Ingrid: Wenn du die Sprache nicht kennst, ist es nicht einfach, Kontakt zu bekommen. Vielleicht haben manche auch gedacht, ich bin ein bisschen verrückt, weil ich so viel lache.

Was sind denn die größten Probleme der Jugendlichen in eurem Heimatland?

Natalia: In Chile haben viele Jugendliche ein großes Problem mit Alkohol.

Ingrid: Alkohol! Viele Jugendliche fangen viel zu früh an zu trinken. Außerdem kann man in Mexiko niemals alleine auf der Straße sein. Das ist viel zu unsicher.

Natalia: Wir könnten in Chile niemals nachts mit unseren Freunden herumlaufen, die Kriminalität ist einfach zu hoch. Du kannst noch nicht mal eine Tasche einen Moment irgendwo liegen lassen. Die ist gleich weg. (Alle nicken).

Santiago: Auch die Ignoranz und Jugendkriminalität. Bei uns haben viele die Schule nicht fertiggemacht, weil sie für ihre Familie arbeiten müssen. Dann finden sie keine Arbeit, weil sie die Schule nicht beendet haben und dann machen sie eben die Fehler: Alkohol, Drogen, andere Delikte.

Welche Probleme haben eurer Meinung nach die Jugendlichen in Deutschland?

Thiago: Ich glaube, auch hier ist es der Alkohol. Das ist in Deutschland ja schon mit 16 Jahren erlaubt, aber viele fangen, glaube ich, noch früher an.

Santiago: Hier ist alles so früh. Du kannst auch mit 16 schon in die Disco gehen, und vielleicht sind nicht alle Jugendlichen schon bereit für so viel Freiheit.

Was waren eure schönsten Erlebnisse in diesem Jahr?

Natalia: Es war ein sehr, sehr gutes Jahr; das beste Jahr in meinem Leben bisher. Rotary hat für uns eine ganz schöne Zeit möglich gemacht.

Santiago: Ich habe einen sehr guten Freund hier gefunden. Und wir haben viel gesehen und erlebt.

Thiago: Hamburg, Bremen und Berlin waren besonders toll. München würde ich gerne noch mal sehen (alle stimmen begeistert zu).

Ingrid: Und wir Austauschschüler. Wir verstehen uns super. Wie eine tolle Familie. Die anderen sind für mich wie meine Schwestern und meine Brüder.

Was habt ihr in diesem Jahr für euch persönlich gelernt?

Thiago: Ich habe viel über Deutschland gelernt. Auch in meiner Heimat denken viele, dass der Nationalsozialismus noch vorherrscht, weil viele bei uns Verwandte haben, die vor den Nazis geflohen sind. Ich möchte die Menschen aufklären, dass Deutschland eine freie Demokratie hat. Aber ich habe viel mehr als nur Deutschland kennengelernt. Ich habe mich selbst kennengelernt und, was Menschlichkeit ist und wie man etwas erreichen kann.

Natalia: … auf mich selbst zu achten und darüber nachzudenken, was ich brauche und was ich fühle.

Ingrid: Ich habe gelernt, mit wenig Geld auszukommen und auf mich selbst zu achten. Ich bin viel selbstständiger geworden.

Santiago: Unabhängigkeit habe ich gelernt. Und mit Geld umzugehen – und dass man nicht immer Zeit hat. Wenn du etwas schaffen möchtest, dann mach es. Jetzt! Die Zeit geht weg und kommt nicht zurück.

Was würdet ihr Jugendlichen empfehlen, die auch für ein Jahr ins Ausland möchten?

Natalia: Man sollte in jedem Fall schon mal ein bisschen von der Sprache des Gastlandes lernen. Für uns ist Deutsch sehr, sehr schwer. Das hätten wir besser schon vorher etwas gelernt.

Der Rotaryklub Rotenburg war mit den vier Austauschschülern im Übrigen sehr zufrieden. Sie haben wirkliches Interesse an ihrem Gastland gezeigt, sich gut eingebracht und viel gelernt.

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