Olaf Rautenberg im Interview

Die Zukunft des Schützenwesens? „Wir müssen nicht modern sein“

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Olaf Rautenberg präsentiert die Ehrenscheibe für den diesjährigen Kreisjugendschützenkönig, dessen Titel morgen ausgeschossen wird. Rautenberg erklärt im Interview, wie es um die Zukunft des Schützenwesens überhaupt bestellt ist.

Hemslingen - Von Matthias Röhrs. Natürlich wird sich auch Olaf Rautenberg auf den Schießstand beweisen wollen. Wenn sich an diesem Wochenende die regionalen Vereine beim Kreisschützenfest in Westervesede treffen, wird ihr Präsident mit im Rennen um die Alterskönigswürde dabei sein – im Jahr 2010 ist er bereits Kreisschützenkönig geworden. Der Hemslinger ist passionierter Schütze und seit 2013 der oberste im Altkreis. Angesichts sinkender Mitgliederzahlen und ab und an fehlender Könige in den Vereinen steht das Schützenwesen nicht nur in der Region zurzeit vor vielen Herausforderungen. Im Interview am Wochenende erklärt Rautenberg, wie man sie meistert.

Herr Rautenberg, an diesem Wochenende treffen sich die Schützen des Altkreises in Westervesede zum Kreisschützenfest. Ist das noch eine Veranstaltung mit Zukunft?
Olaf Rautenberg: Wir erwarten am Sonntag weit mehr als 1 500 Schützen und Spielleute aus dem gesamten Altkreis Rotenburg, dazu noch viele Zuschauer. Ich denke, diese Zahl spricht für sich. Was uns Probleme bereitet, ist, dass sich viele Vereine davor scheuen, das Fest auszurichten, weil es von den engagierten Leuten viel Arbeit und Organisationstalent fordert. Dazu kommen die behördlichen Auflagen, die nicht weniger werden.

Hat das Kreisschützenfest einen besonderen Stellenwert? Wie wichtig ist ein vereinsübergreifendes Fest eigentlich?
Rautenberg: Das Kreisschützenfest ist der Höhepunkt der Schützenfestsaison. Auf dieses Fest freuen sich alle, denn hier trifft man sich. Oft sieht man sich nur dieses eine Mal im Jahr.

Viele Vereine haben heutzutage Probleme, überhaupt noch einen Schützenkönig zu finden. Droht das auch an diesem Wochenende?
Rautenberg: Im vergangenen Jahr in Ahausen haben allein 97 Schützen um die Würde des Kreisschützenkönigs geschossen. Insgesamt hatten wir 451 Starts bei den Königswettbewerben. Die Gefahr, keinen Kreisschützenkönig zu bekommen, besteht sicher nicht. Überhaupt sind die Titel der überregionalen Majestäten sehr beliebt, weil sie kaum Verpflichtungen oder Kosten mit sich bringen.

Inwieweit ist das Problem im Vorstand des Kreisschützenverbandes präsent?
Rautenberg: Das Problem der fehlenden Vereinskönige ist uns schon länger bekannt. Im vergangenen Jahr hatten fünf der 51 Vereine keinen König. Deshalb haben wir eine umfangreiche Umfrage bei den Vereinen zu diesem Thema gemacht und die Ergebnisse im Herbst 2016 den Vereinen vorgestellt. Einige Vereine sind daraufhin dem Beispiel vom Schützenverein Westervesede gefolgt und haben unter ihren Mitgliedern ebenfalls eine Umfrage gemacht. Und sie haben daraus Konsequenzen gezogen: So wurden die Kosten für die Könige in einigen Dörfern stark reduziert. Aber auch die Zahl der vom König wahrzunehmenden Termine sollte überdacht werden.

Was kann man sonst konkret dafür tun, den Königstitel wieder attraktiv zu machen?
Rautenberg: Als hilfreich hat sich vielerorts die Gründung von Königshilfen erwiesen. Das sind Gruppen von Gleichaltrigen, die jedes Jahr einen festen Betrag in eine Kasse geben und diesen an den König auszahlen, wenn er aus ihren Reihen stammt. Muss das Geld nicht ausgezahlt werden, dient es oft dazu, alle paar Jahre einen gemeinsamen Kurzurlaub zu finanzieren. In anderen Orten wird eine Sammlung durchgeführt, um den König zu unterstützen. Ich persönlich halte es für wichtig, dass es sich jeder leisten können muss, einmal im Leben König zu werden. Und wenn das der Fall ist, haben wir in keinem Verein Probleme, einen König zu finden.

Ist der Schützenkönig oder die Schützenkönigin das einzige Amt, das schwierig zu besetzen ist?
Rautenberg: Oft fehlen Mitglieder in den Vereinen, die bereit sind, Verantwortung und Posten zu übernehmen. Das Ehrenamt wird zwar immer hoch gelobt, aber die Unterstützung der Politik hält sich meist in Grenzen. Wichtig wäre in meinen Augen, Vereinsvorstände von der Haftung zu befreien.

Viele Vereine beklagen einen Nachwuchsmangel. Ist das Schützenwesen nicht modern genug?
Rautenberg: Das Schützenwesen muss nicht modern sein, es ist ja keine Modeerscheinung. Aber die Vereine müssen mit der Zeit gehen, um attraktiv zu bleiben.

Wie bekommt man denn mehr Jugendliche ans Gewehr?
Rautenberg: ...oder an den Bogen? Denn bundesweit ist ein großer Zulauf bei den Bogenschützen zu beobachten, was auch mit Kinofilmen wie „Die Tribute von Panem“ zusammenhängt. Daneben wird in immer mehr Vereinen das Lichtpunktschießen angeboten, das im Prinzip ohne Altersbeschränkung möglich ist. Hier ist zum Beispiel der Schützenverein Bothel vorbildlich unterwegs. Andernorts werden Kooperationen mit Ganztagsschulen durchgeführt. Das gestaltet sich aber schwierig, weil die Schulzeiten für die meisten Schützen eben auch noch Arbeitszeit sind. Dabei ist gerade das Schießen für Schulkinder wichtig, weil es enorm die Konzentration fördert. Zudem lernen sie, Regeln zu beachten, denn beim Schießen steht die Sicherheit an erster Stelle.

Und wie hält man sie den Vereinen?
Rautenberg: Grundlage dafür ist ein engagiertes Team von Schießsportleitern und die Abwechslung beim Schießtraining. Es darf nicht immer nur ums Schießen gehen, es muss Abwechslung geboten werden. Wenn die Kinder und Jugendlichen wie jetzt beim Kreisschützenfest als Mannschaft Pokale gewinnen, stärkt das den Zusammenhalt. Bei regelmäßigem Training sind auch schnell Erfolge zu erzielen, was zusätzlichen Ansporn gibt. Schwierig ist die Phase, in der die Schule immer mehr Freizeit in Anspruch nimmt oder die Ausbildung einen Wohnortwechsel erfordert. Dann fehlt oft die Möglichkeit zum Training.

Sollte man mit der einen oder anderen Tradition brechen, um ansprechender für jüngere Generationen zu sein?
Rautenberg: Das wird schon seit Jahren gemacht. Etwa, wenn aus einem Schützenball am Sonntagabend eine Zeltdisco am Freitag wird.

Wie wichtig ist Tradition in einem Schützenverein? Wie wichtig ist sie dem Kreisverband?
Rautenberg: Die Mehrzahl unserer über 8 400 Mitglieder sind Traditionsschützen und weniger Sportschützen. Die Tradition bildet den Grundstock der meisten Vereine. Die Gemeinschaft der Schützen mit ihren traditionellen Festen ist für viele der Grund ihrer Mitgliedschaft. Hier wird Gemeinschaft gelebt, was sich auch darin zeigt, dass Schützengeschwister sich duzen; egal, wie alt man ist oder welche Position man innehat.

Welche Rolle spielen die Schützenvereine noch in den Dörfern?
Rautenberg: Je kleiner das Dorf, umso größer ist die Bedeutung der Schützenvereine. Auf den Dörfern ist die Auswahl an Freizeitaktivitäten eingeschränkt. Die Vereine bieten den Einwohnern sportliche Möglichkeiten aber auch Gemeinschaft. Neu Zugezogenen kann ich nichts Besseres empfehlen, als in die Schützenvereine zu gehen. Hier lernt man schnell viele Leute kennen, die bei der Integration ins Dorf helfen. Die Schützenfeste mit ihren Bällen und Zeltdiscos locken mittlerweile wieder vermehrt junge Leute aus den größeren Orten auf die Dörfer. Auch weil die Zahl der Diskotheken eher weniger als mehr wird.

Jetzt steht das Kreisschützenfest an, was wird als Nächstes gefeiert?
Rautenberg: 2018 wird mit dem Schützenbund Visselhövede erstmals eine Gemeinschaft von Vereinen das Kreisschützenfest ausrichten. Und im Oktober 2018 richtet der Kreisschützenverband Rotenburg ebenfalls in Visselhövede zum ersten Mal den Landeskönigsball aus. Einen Festball, zu dem Schützen aus ganz Niedersachsen und Hamburg erwartet werden.

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