Norbert Schmudlach über den Fachkräftemangel und wie sich das Handwerk auf dem Ausbildungsmarkt positionieren muss

„Wir haben ein Imageproblem“

+
Der Kreishandwerksmeister für den Altkreis Rotenburg, Norbert Schmudlach: „Wir müssen deutlich machen, dass es neben einem Studium oder einer Ausbildung bei einer Bank etwas Anderes gibt.“

Mulmshorn - Von Matthias Röhrs. Mit dem Jahreswechsel hat es bei der Rotenburger Kreishandwerkerschaft einschneidende Veränderungen gegeben: Nicht nur, dass sie zum 1. Januar zusammen mit den Verbänden aus Verden, Osterholz, Cuxhaven und Bremervörde zur großen Kreishandwerkerschaft Elbe-Weser fusionierte, auch einen neuen Kreishandwerksmeister gibt es seitdem im Altkreis Rotenburg. Als Nachfolger von Friedrich Leefers hat nun Norbert Schmudlach dieses Amt inne. Im Interview am Wochenende spricht der Kfz-Meister aus Mulmshorn über seine Ziele und eine der größten Herausforderungen des Handwerks derzeit: Den Fachkräftemangel.

Herr Schmudlach, Sie als Kreishandwerksmeister, was machen Sie eigentlich?
Norbert Schmudlach: Im Prinzip repräsentiere ich die Kreishandwerkerschaft und ihre Innungen nach außen. Das ist ein Ehrenamt und als Kreishandwerksmeister stehe ich sozusagen dem Ganzen vor. In unseren Geschäftsstellen arbeiten hauptamtliche Angestellte, die ich mit organisiere.

Ihr Vorgänger Friedrich Leefers hat die Fusion zur Kreishandwerkerschaft Elbe-Weser sozusagen als Erbe hinterlassen. Was steht auf Ihrer eigenen Agenda?
Schmudlach: Das Ganze mit Leben zu füllen. Wir müssen zukunftsorientiert arbeiten. Wir kämpfen um Mitglieder und wollen auch keine weiteren Mitglieder verlieren. Das ist übrigens ein Grund, warum wir überhaupt fusioniert sind. Dazu möchte ich das Handwerk natürlich auch so modern darstellen, wie es tatsächlich ist. Es hat in den Köpfen noch einen leicht verstaubten Charakter, aber das hat es in Wirklichkeit nicht. Es stecken viel Innovation und moderne Betriebe dahinter. Und die fordern uns als Kreishandwerkerschaft natürlich: Sie brauchen eine ganz andere Beratung als früher. Die Fragen, die sie uns jetzt stellen, sind andere als noch vor 20 Jahren.

Wie lassen sich diese Ziele umsetzen?
Schmudlach: Zum einen durch Digitalisierung. Das ist das große Stichwort der Branche, wie in anderen auch. Wir müssen die Informationen, die unsere Betriebe brauchen, online abrufbar machen. Dabei müssen wir immer gucken, welche Themen die Innungen gerade beschäftigen – beispielsweise neue Anforderungen an die Werkzeuge und Geräte oder Handlungsanweisungen.

Ein viel genanntes Problem der Handwerkerschaft ist der Fachkräftemangel. Sie sind selbst Geschäftsführer einer Kfz-Werkstatt. Spüren Sie den auch?

Schmudlach: Ja, das lässt sich schon daran festmachen, dass wir früher auf eine Lehrstelle 20 Bewerbungen oder mehr gehabt haben. Heute sind wir froh, wenn wir eine oder zwei Bewerbungen bekommen. Man merkt einerseits, dass die Quantität fehlt, in manchen Dingen aber leider auch die Qualität. Es ist immer noch so, dass sich in den Handwerksberufen auch immer diejenigen bewerben, die, um es vorsichtig auszudrücken, in der Schule nicht immer glänzen. Leider müssen wir feststellen, dass es dann nicht immer die Richtigen sind. Das heißt jetzt nicht, dass schlechte Schüler schlechte Handwerker sind, aber die Anforderungen sind in allen Gewerken hoch.

Glauben Sie, dass das Handwerk ein Imageproblem hat? Wenn es, wie Sie sagen, die Schüler anspricht, die eher weniger aufpassen...
Schmudlach: Ich glaube, wir sind mit der Imagekampagne, die das Handwerk macht, auf einem guten Weg. Ich bin aber der Meinung, dass wir tatsächlich ein kleines Imageproblem haben. Wir müssen den Schritt machen, dass wir das Handwerk mit dem werben, was wir können. Wenn man etwas gut kann, muss man darüber sprechen, und das wird bei uns bislang zu kurz gehalten. Etwas, was ich ebenfalls stark vertrete, ist, dass wir uns in den Gymnasien besser präsentieren müssen – wie wir es im Januar erstmals mit zwei Berufsinformationstagen im Ratsgymnasium gemacht haben. Wir müssen den Schülern dort deutlich machen, dass es neben einem Studium oder einer Ausbildung bei einer Bank etwas Anderes gibt.

Das Handwerk muss Schmudlach zufolge aufpassen, dass eigene Auszubildende – wie Mirco Hollwedel (l.) – als Geselle nicht in andere Branchen wechseln.

Dann lassen Sie uns doch mal über Perspektiven sprechen. Für was steht das Handwerk in diesem Punkt?
Schmudlach: Auf jeden Fall für eine fundierte Ausbildung. Dann gibt es verschiedene Fortbildungsmöglichkeiten – es bleibt schließlich nicht dabei, dass ein Geselle auch als Geselle endet. In der Regel gibt es innerbetriebliche Fortbildungen – sei es zum Meister, Techniker oder zum Betriebswirt. Und die guten Handwerker, zumindest einige, machen sich selbstständig. Es gibt also durchaus gute Entwicklungschancen. Wofür das Handwerk aber insgesamt steht, ist die Familienanbindung. Man isst vielleicht nicht mehr wie früher beim Meister mit am Tisch, aber es gibt sie schon noch, die Handwerkerfamilie. Und ich finde, das ist für junge Menschen auch heute nicht unwichtig.

Besonders Elektriker, Dachdecker, Köche und Bäcker sind dem Vernehmen nach vom Fachkräftemangel betroffen. Gibt es einen gemeinsamen Grund dafür?
Schmudlach: Bei manchen hängt es vielleicht mit der Branche und ihren Arbeitszeiten zusammen, aber auch mit der Arbeit selbst. Nehmen wir da den Fleischer, der Beruf stirbt aus. Einen gemeinsamen Grund der Gewerke kann ich allerdings nicht erkennen. Es ist einfach die Attraktivität der Berufe, oder wie sie von der Allgemeinheit gesehen werden.

Ist der Fachkräftemangel überhaupt so akut, wie immer behauptet?
Schmudlach: Ganz klares Ja. Es gibt einfach zu wenig qualifizierte Fachkräfte. Und wenn ein Betrieb ausbildet, muss er zudem darauf achten, dass er die Leute auch in der Branche hält. Durch die Ausbildung, die sie als Handwerker genießen, sind sie für andere Branchen interessant: Als Kfz-Mechatroniker hat man überhaupt keine Probleme, beim Landkreis anzufangen, um dort die Maschinen zu warten. Mercedes-Benz stellt einen Mechatroniker gerne ans Band, denn er weiß schon, wie er was zu schrauben hat. Man muss zusehen, dass einem der eigene Nachwuchs nicht wegläuft.

Gibt es wirtschaftliche Konsequenzen des Fachkräftemangels?
Schmudlach: Ja, jeder der jetzt baut, merkt das. Die Preise sind hoch, weil die Branche nicht genügend Personal hat und die ihre Aufträge nicht abarbeiten kann. Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Der Fachkräftemangel verteuert derzeit das Bauen.

Gibt es in der Region einen vielleicht auch harten Konkurrenzkampf um qualifizierte Arbeitskräfte? Wie sieht der aus?
Schmudlach: Ich hatte Mercedes-Benz schon erwähnt, in Bremen. Die gehen sogar bis in die Schulen in Rotenburg, um dort frühzeitig Interesse bei den Schülern zu wecken. So ein großer Arbeitgeber hat ganz andere Möglichkeiten, er kann sich bei den jungen Menschen perfekt positionieren. Das ist etwas, wo wir als Handwerker echt noch Nachholbedarf haben. Wir merken es zudem, wenn das Werk einen Einstellungsstopp hat. Dann gibt es bei den Bewerbungen einen ganz anderen, größeren Markt. Und wenn Mercedes-Benz wieder „absaugt“, dann wird er wieder dünner.

Gehen wir mal auf die Suche nach Lösungen: Reicht es aus, einfach mehr auszubilden?
Schmudlach: Nein, wir müssen ganz andere Wege gehen. Das Handwerk hat seine Stärken, nur müssen diese in den Köpfen der jungen Menschen bewusst sein. Und noch mehr in den Köpfen ihrer Eltern. Wenn sich jemand bewirbt, und er ein „vernünftiges“ Elternhaus hat, heißt es dort oft: „Geh mal lieber nicht ins Handwerk, da machst du dir die Finger schmutzig. In einer Verwaltung oder bei einer Bank ist es ruhiger.“ Daran müssen wir arbeiten.

Könnten Quereinsteiger eine Lösung sein?
Schmudlach: Defintiv.

Aus welchen Bereichen könnten sie kommen?
Schmudlach: Es gibt Gedankenspiele, dass wir vom Handwerk mehr die Studienabbrecher ansprechen. Wir finden derzeit nur keinen richtigen Zugang zu ihnen. Aber das wären ja auch eine Art Quereinsteiger.

Oft heißt es, dass Vertriebene helfen könnten. Wie beurteilen Sie das?
Schmudlach: Auch dort sind wir im Handwerk aktiv. Wir im Betrieb hatten jetzt gerade erst einen Praktikanten aus Syrien. Ich weiß auch von Betrieben, die mit Geflüchteten eine Einstiegsqualifizierung machen und einen Lehrvertrag in Aussicht gestellt haben. Es spielt für uns keine Rolle, wo die Menschen herkommen. Nur das, was sie können.

Was sind da die Schwierigkeiten?
Schmudlach: Wo wir ein Problem sehen, ist bei der Betreuung der Geflüchteten und die oft unklare Zuständigkeit bei den Behörden. Da gibt es teilweise fünf, sechs Institutionen und Menschen, die mit der Betreuung eines einzelnen Menschen befasst sind, aber keinen, der den sprichwörtlichen Hut auf hat. In dem Punkt muss ich die Politik leider ein wenig rügen: Wenn es eine klare Richtung geben würde, wäre es auch für diese Menschen einfacher, Fuß zu fassen.

Zum Schluss noch eine praktische Frage: Kann man sich noch für das kommende Ausbildungsjahr bewerben?
Schmudlach: Ja, das kann man noch. Handwerksbetriebe sind in der Regel etwas später dran mit der Entscheidungsfindung. Der Markt verändert sich auch ständig, wenn zum Beispiel ein Auszubildender seine Stelle wieder absagt.

Zur Person

Seit dem 1. Januar ist Norbert Schmudlach in der neu fusionierten Kreishandwerkerschaft Elbe-Weser der für den Altkreis Rotenburg zuständige Kreishandwerksmeister. Kein Sprung ins kalte Wasser für den gebürtigen Zevener, denn bereits in den Jahren zuvor wirkte er als Stellvertreter seines Vorgängers Friedrich Leefers aus Waffensen. Schmudlach absolvierte seine Ausbildung als Kfz-Mechaniker im Mulmshorner Familienbetrieb, den er heute in dritter Generation mit seinem Bruder Kim leitet. 1991 machte der Wahl-Höperhöfener seinen Meister, fünf Jahre später den Betriebswirt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Nach Barcelona-Terror: Polizei vereitelt Anschlag in Badeort

Nach Barcelona-Terror: Polizei vereitelt Anschlag in Badeort

Podiumsdiskussion vom RWF und der Kreiszeitung zur Bundestagswahl

Podiumsdiskussion vom RWF und der Kreiszeitung zur Bundestagswahl

Fachwerkhaus „Siedenburg“ in Kirchweyhe bald Geschichte

Fachwerkhaus „Siedenburg“ in Kirchweyhe bald Geschichte

Assistenzsysteme im Auto nachrüsten: Was ist sinnvoll?

Assistenzsysteme im Auto nachrüsten: Was ist sinnvoll?

Meistgelesene Artikel

1500 Schützen feiern in Westervesede

1500 Schützen feiern in Westervesede

IGS Rotenburg ist nun Partnerschule des DFB

IGS Rotenburg ist nun Partnerschule des DFB

Nach dem Starkregen: Auto durch Gullydeckel beschädigt

Nach dem Starkregen: Auto durch Gullydeckel beschädigt

Bundestagsabgeordnete Kathrin Rösel und Lars Klingbeil stellen sich Fragen der Schüler

Bundestagsabgeordnete Kathrin Rösel und Lars Klingbeil stellen sich Fragen der Schüler

Kommentare