„Gutes Wegenetz“

Interview: ADFC-Vorsitzender Manfred Petersen über das Radfahren im Landkreis Rotenburg

Rauf aufs Fahrrad, und das bei Wind und Wetter: Für Manfred Petersen, Vorsitzender des ADFC Rotenburg, ist der Tritt in die Pedale auch ein Leistungsantrieb.
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Rauf aufs Fahrrad, und das bei Wind und Wetter: Für Manfred Petersen, Vorsitzender des ADFC Rotenburg, ist der Tritt in die Pedale auch ein Leistungsantrieb.

Rotenburg – Erst Rotenburg, jetzt Sottrum und demnächst auch Zeven: Die Kilometerjagd mit dem Rad ist noch nicht zu Ende. Das Stadradeln hat sich zu einer beliebten Aktion im Sinne des Klimaschutzgedankens gemausert. Das freut natürlich Manfred Petersen ungemein. Er ist der Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs, kurz ADFC, im Landkreis Rotenburg. Was ihn selbst am Radfahren reizt, wie er das Wegenetz in unserem Raum beurteilt und warum Lastenfahrräder eine feine Sache sind – darüber haben wir uns mit dem 70-Jährigen unterhalten.

Herr Petersen, wie viele Kilometer sind Sie beim diesjährigen Stadtradeln schon gefahren?

Vorgenommen hatte ich mir 1 000 Kilometer – aktuell bin ich aber schon bei 1 110 angekommen.

Warum ist das Stadtradeln eine gute Sache?

Um es mit einem Spruch von Eckhard von Hirschhausen zu halten: „Gesunde Menschen gibt es nur auf einer gesunden Erde.“ Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen, wobei wir ja nicht in jedem Jahr nach diesem Motto gefahren sind. Warum das eine gute Sache ist? Nun, einmal haben wir den Umweltschutzgedanken, beispielsweise durch das Einsparen von C02. Dann gibt es natürlich auch den Aspekt der Gesunderhaltung – man bewegt sich, ist an der frischen Luft. Das fördert natürlich auch die Gemeinschaft. Was mich in diesem Jahr besonders bewegt hat, ist, dass nach der Pandemie die Leute, wenn sie denn können, wieder zu den Dingen streben, die ich als Spaß und Freude bezeichnen will. Spaß, dass man generell fahren kann. Und Freude, dass es wieder Radtouren gibt, die man gemeinsam macht – natürlich immer unter den besonderen Auflagen. Manche Leute haben in den letzten Monaten wirklich gelitten, die können durch das Radfahren wieder in den Alltag kommen. Das ist aus meiner Sicht in diesem Jahr als besonders zu bewerten. Und ich bekomme schon wieder sehr viele Anfragen, wann wir in der großen Gruppe denn wieder fahren werden. Man möchte mit dabei sein.

Offenbar findet das Stadtradeln als Aktion immer mehr Nachahmer.

Das stimmt – und zwar insofern, dass wir eine deutliche Steigerung des Radelns mit mehr als 1 000 Teilnehmern allein schon in Rotenburg verzeichnen konnten. Das ist stark! Aktuell hat Sottrum ja das zweite Mal Stadtradeln, was ich auch sehr gut finde. Die Sottrumer waren bereits bei der Premiere 2020 unerwarteterweise sehr erfolgreich: Damals haben wir mit 300 Teilnehmern gerechnet, am Ende waren es mehr als 450. Das wird in diesem Jahr auch so sein. Außerhalb der Kreisgrenze sind noch die Verdener, die Ottersberger und die Thedinghäuser mit aufgesprungen. Aber noch wichtig ist für mich, dass Zeven im September anfängt – und da machen wir als ADFC natürlich mit, wollen wir nach unseren Statuten ja das Radfahren fördern. Was ich mir noch wünschen würde, wäre, dass Visselhövede beim Stadtradeln mitmacht. Ach was, dass sich der gesamte Landkreis beteiligt.

Als ADFC-Vorsitzender sind Sie doch sicher auch sonst ein passionierter Radfahrer, oder?

Seitdem ich Ruheständler bin, ja. Während meines Berufslebens habe ich eher selten das Fahrrad nutzen können, weil ich im Außendienst tätig war und entsprechend viel das Auto nutzen musste. Da gab es nur mal am Wochenende eine Tour oder im Urlaub. Heute mache ich, wenn es denn irgendwie geht, alles mit dem Rad.

Sind Sie E-Bike- oder normaler Fahrer?

Ich besitze gar kein E-Bike, fahre mit meinen 70 Jahren also noch mit Muskelkraft. Aber ich bin absolut pro zu solchen Fahrrädern eingestellt. Der eine oder andere, das weiß ich aus eigener Erfahrung, hat mit zunehmendem Alter ja auch schon gelitten. Meine Frau zum Beispiel war zweimal an einer Lungenentzündung erkrankt. Wenn wir zusammen Fahrrad gefahren sind, hing sie immer hinterher, weil ihr schnell die Puste ausgegangen war. Dann habe ich ihr irgendwann mal ein E-Bike gekauft. Erst wollte sie das nicht so richtig, seitdem sie das Bike aber hat, hält sie mit mir, der zur Zeit noch ganz gut konditioniert bin, das Tempo. Diese Einsicht sieht man übrigens bei vielen Leuten: Ohne E-Bike könnten sie aus Leistungsgründen nicht mehr unterwegs sein. Aber „mit“ haben sie wieder Lebensqualität und fahren wieder. Das Ganze hat natürlich aber auch Nachteile.

Die da wären?

Die Leute, die umsatteln, sind oft älter, sie sind nicht mehr so beweglich und auch nicht mehr so sehvermögend und reaktionsschnell. Trotzdem fahren viele in der höchsten Stufe mit 25 km/h. Das ist etwas, was ich als bedenklich empfinde. Und viele haben auch noch nicht mal einen Helm auf. Weil das so ist, biete ich sogenannte Senioren-Seminare an. Die sind wichtig, um die Teilnehmer auf das Thema hinzuweisen. Man hört ja auch von steigenden Unfallzahlen bei den E-Bikes. Bei solchen Seminaren gehen wir auch die Verkehrsregeln durch. Bisher finden die in Rotenburg statt, demnächst bin ich aber auch für Sittensen angefordert worden. Es spricht sich langsam rum.

Jüngere nutzen doch auch schon E-Bikes, oder?

Ja, das kann ich bestätigen. Früher hat sich der ein oder andere ein Mofa gekauft, heute kauft er sich ein E-Bike. Und das ist wiederum eine viel umweltfreundlichere Variante.

Was ist für Sie das Besondere am Radfahren?

Je häufiger ich selber fahre, desto mehr Spaß macht es mir, weil sich eben dadurch die Kondition steigert. Wenn man eine Woche nicht gefahren ist, hat man erst mal Muskelkater und dergleichen – das verhält sich wie bei anderen sportlichen Betätigungen auch. Für mich ist das ein Leistungsantrieb, ich muss bei Wind und Wetter Radfahren. Am liebsten eine schöne Strecke entlang. Ich will immer wieder neue Wege entdecken, um da auch mal mit geführten Touren langzufahren. Das ist eine große Leidenschaft von mir.

Homeoffice, Lockdown und Kontaktbeschränkungen – hat die Corona-Krise noch mehr Menschen auf das Fahrrad umsteigen lassen?

Ja, absolut. Die Leute haben sich immer mehr darauf besonnen, von daheim aus etwas zu unternehmen. Da ist das Fahrrad natürlich eine geniale Sache. Wenn man im städtischen Bereich mit Maske in der Straßenbahn oder im Bus sitzt, ist das natürlich auch nicht so toll. Da überlege ich mir, ob ich nicht mit dem Fahrrad fahren kann.

Die Frage ist, ob der Trend auch langfristig anhalten wird. Stichwort Verkehrswende.

Ich gehe davon aus, dass der Trend dahin geht. Wenn man bei den Radwegen derart gute Rahmenbedingungen vorfindet, wie in unserem Raum, dann fährt man sie auch. Ein paar Wege sind ja auch wirklich gut ausgebaut worden. Und es werden noch weitere folgen. Da ist schon einiges in der Planung.

Zur Person

Manfred Petersen ist verheiratet, Vater von drei erwachsenen Töchtern und Großvater von fünf Enkelkindern. In seinem Berufsleben war der heute 70-Jährige technischer Aufsichtsbeamter bei der landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft und dort für die Arbeitssicherheit in der Landwirtschaft zuständig. Mit dem Renteneintritt war er 2013 dem Rotenburger ADFC-Kreisverband beigetreten, dem er seit 2016 als Vorsitzender vorsteht. Neben dem Radfahren ist Walken ein Hobby des Rotenburgers. Außerdem schraubt er noch regelmäßig in der Fahrradwerkstatt am Campus Unterstedt für die Flüchtlinge.

Haben Sie eine Lieblingsstrecke?

Ja, die sogenannte Bach-Route, die vom Hartmannshof hier in Rotenburg den Visselhöveder Raum passiert. Dort erlebt man Natur pur. Mal sieht man ein Reh, mal hört man den Kuckuck – dabei kann ich richtig gut abschalten. Dabei fahre ich einen Rundweg nicht nur links, sondern auch mal rechts herum. Ein Tipp von mir: Wenn man eine Strecke mal gefahren ist, sollte man sie auch mal wieder zurückfahren. Dann sieht man mit einem Mal alles mit ganz anderen Augen.

Wie sind Sie mit der Situation für Radler hier im Kreisgebiet zufrieden? Wird genügend Rücksicht auf Fahrradfahrer genommen?

Wenn wir mit unseren Touren unterwegs sind, merken wir sofort, wenn wir den Landkreis Rotenburg verlassen haben. Nein, wir verfügen hier mit Abstand schon über ein gutes Radwegenetz. Es gibt natürlich Verbesserungsmöglichkeiten, gar keine Frage. Aber man merkt sofort, man ist im Kreis Verden oder im Kreis Harburg. Dort ist die Instandhaltung und die Qualität der Radwege einfach nicht so gut. Als Beispiel: Es gibt einen Radweg Hamburg-Bremen. Auf dem sind wir mal nach Hollenstedt im Landkreis Harburg gekommen – da fährt man auf Kopfsteinpflaster mit Mullersand. Das sind Dinge, die mag man als Radfahrer natürlich nicht so gerne. So etwas hat man bei uns im Landkreis aber nicht, da fährt man eine andere Qualität.

Wo gibt es denn bei uns noch Verbesserungsbedarf?

Da fällt mir sofort der Radweg von Scheeßel nach Vahlde ein. Wenn man jedes Jahr auf 200 oder 300 Metern Mullersand hat und schieben muss, dann ist es kein Radweg. Dabei müsste es doch möglich sein, dass man da mal ein bisschen Schotter zur Wegeverbesserung hin-bringt. Das machen andere Gemeinden ja auch. Nein, eigentlich muss es eine Selbstverständlichkeit sein, einen Radweg, der als solcher ausgewiesen ist, auch befahrbar zu halten. Da hat es ja jetzt mal vom Landkreis eine Initiative gegeben, ich habe aber noch nicht feststellen können, dass sich da etwas bessert.

Wie stehen Sie zum Thema Lastenfahrräder?

Die sieht man ja immer mehr – gerade in der Pandemiezeit gab und gibt es eine Nachfrage nach ihnen. Gerade heute sind mir schon drei Stück begegnet. In einem Fall saß ein Schüler mit einem Gipsbein drin und sein Kumpel brachte ihn mit zur Schule. Das ist doch toll, oder? Ich bin froh, dass es mit einer Förderung seitens des Landkreises jetzt endlich geklappt hat, weil viele Leute schon lange darauf gewartet haben. Es ist ja so, dass man erst ein Lastenfahrrad kaufen darf, wenn ein Bewilligungsbescheid erteilt wird.

Räumen wir doch mal zum Schluss mit einigen populären Irrtümern auf: Wenn ein Radweg da ist, muss der auch benutzt werden.

Zumindest dann, wenn ein blaues rundes Verkehrsschild mit einem Fahrrad darauf eine Benutzungspflicht vorschreibt. Auch schnelle Rennradfahrer trifft die Pflicht und Pedelecs mit einer Höchstgeschwindigkeit von 25 km/h.

Kopfhörer mit Musik sind beim Radfahren verboten.

Das stimmt, man darf dabei ja auch nicht telefonieren.

Eine weitere Behauptung: Mit dem Rad darf ich über einen Zebrastreifen fahren.

Das kommt darauf an: Wenn man auf der Straße fährt, darf man ihn fahrenderweise passieren. Wenn man aber auf einem Zebrastreifen die Straße queren will, muss man absteigen und sein Fahrrad schieben.

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