Stadt beauftragt Sicherheitsdienst / Organisierte Bettler?

Wildes Camp am Bahnhof

Das wilde Camp am Rotenburger Bahnhof hat in dieser Woche nicht nur für viel Gesprächsstoff gesorgt, sondern auch zahlreichen Menschen Sorge bereitet. Mehrere Männer haben zwischen den Fahrradabstellboxen bei eisiger Kälte die Nächte verbracht. Inzwischen sollen sie die Kreisstadt wieder verlassen haben.
+
Das wilde Camp am Rotenburger Bahnhof hat in dieser Woche nicht nur für viel Gesprächsstoff gesorgt, sondern auch zahlreichen Menschen Sorge bereitet.

Rotenburg – Es ist ein trauriges Bild, das Mitleid erregt. Ein Mann kauert bei eisiger Kälte auf dem Pflaster. Vor seinen Füßen steht ein Pappbecher. „Bitte!“, sagt er, wenn jemand vorbei kommt. In den vergangenen Tagen sind mehrere Bettler an ganz unterschiedlichen Stellen in der Kreisstadt zu sehen. In der Fußgängerzone, aber auch neben den Eingängen verschiedener Supermärkte. Und ganz offensichtlich haben sich diese Männer ein Camp am Fahrrad-Unterstand am Bahnhof eingerichtet.

„Betteln“, sagt Ordnungsamtsleiter Thorsten Schiemann, „ist nicht verboten.“ Schon gar nicht, wenn keine Passanten belästigt oder gar bedrängt werden. Die Polizei weiß ebenfalls von diesen Männern, deren Schicksal sich nur erahnen lässt. Polizeisprecher Heiner van der Werp berichtet von drei Rumänen. „Sie sind uns bekannt.“

Ausgerechnet in diesen Tagen ein ebenso trauriges Bild am Rotenburger Bahnhof: Es gibt Spuren eines wilden Camps. Zwischen den Fahrrad-Mietboxen, die vor allem Berufspendler gerne nutzen, richten sich ganz offensichtlich Obdachlose ihr Nachtlager ein. Decken und Kissen sind zu sehen. In halb offenen Kartons lagern Lebensmittel. „No Camping“ steht auf einem roten, selbst gefertigten Schild, das an einer der Gitterboxen angebracht ist.

Kleidungsstücke und Lebensmittel liegen im Bereich des Fahrradständers herum.

„Wir haben davon erfahren, dass dort Menschen übernachten“, sagt Thorsten Schiemann. Seit Dienstag habe daher das Sicherheitsunternehmen, mit dem die Stadt Rotenburg ohnehin zusammenarbeite, einen neuen Auftrag: Es soll den Bereich am Bahnhof kontrollieren und verhindern, dass dort Obdachlose übernachten. Man schickt sie weg. „Damit ist das Problem natürlich nicht gelöst“, betont der Sprecher der Polizei, Heiner van der Werp. Schiemann sieht das ähnlich und erklärt, dass diese Menschen selbstverständlich ein Dach über dem Kopf bekommen – „wenn sie sich bei uns melden und darum bitten“.

Es gibt mehrere Hinweise darauf, dass die Bahnhofscamper jene Männer sind, die bereits seit mehreren Tagen schon in der Stadt um Geld betteln. In einer der Gitterboxen ist ein selbst geschriebenes Schild zu sehen: „Für Essen“. Ein kleines Herz daneben kann als Appell an die Menschlichkeit verstanden werden. Gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit hoffen die Bettler darauf, dass die Becher, die vor ihren Füßen stehen, gut gefüllt werden.

Heiner van der Werp gibt zwar zu verstehen, dass hinter den Bettlern eine Systematik stecken könnte. „Aber in dieses System sind wir noch nicht vorgedrungen“, erklärt er. Auch die Polizei habe in diesen Zeiten andere Dinge im Fokus, die von der Pandemie vorgegeben sind. Das Schicksal der Männer lässt sich daher nur erahnen. Sie lassen nicht mit sich reden. Wie viel Geld am Ende des Tages in ihrer eigenen Tasche landet – man weiß es nicht. „Sie verhalten sich ruhig und belästigen niemanden“, weiß Schiemann zu berichten. Daher gebe es auch keinen Grund, als Ordnungsamt weiter einzugreifen.

Anders sieht es da schon am Bahnhof aus. Für die Mieter der Fahrradabstellboxen ist es mitunter mehr als unangenehm, wenn sie am frühen Morgen zum Bahnhof radeln, ihr Rad verschließen möchten und sich genau davor jemand mit seinen wenigen Habseligkeiten ausgebreitet und zur Ruhe gelegt hat. Genau das dokumentiert das rote Schild an einer der Boxen. Aber auch Zugfahrer, die ihre Räder in den freien Bereichen anschließen oder abends wieder abholen möchten, kommen stellenweise in die Verlegenheit, das, was für die wilden Camper alles bedeutet, was sie besitzen, mit den Füßen beiseite schieben zu müssen.

Auch auf dem Boden liegen Habseligkeiten der Obdachlosen.

Nur so lässt sich erklären, dass Kleidungsstücke, Decken, Kissen und Lebensmittel an einem Vormittag in dieser Woche zum Teil weit verstreut herumliegen. Ob es das Hab und Gut der Bettler ist, lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen – nur erahnen. Einer der Sicherheitsmitarbeiter will aber zumindest einen der wilden Camper als Bettler in der Innenstadt gesehen haben.

Wiebke Sprung, Leiterin des „Straßenfegers“ in Rotenburg, eine Anlaufstelle für obdachlose Menschen unter dem Dach des Vereins „Lebensraum Diakonie“, kennt das Problem des organisierten Bettelns. „Aber eigentlich ist dieses Phänomen vor allem in den großen Städten zu sehen.“ Es sei neu, wenn es mittlerweile auch im eher ländlichen Raum angekommen ist. Das aber, was – wieder einmal – in Rotenburg zu sehen ist, erinnere sehr stark daran.

„No Camping“ - der Mieter dieser Fahrradbox fühlt sich gestört vom Nachtlager der Obdachlosen.

Ob es diese Männer sind, die ihre Nächte am Bahnhof verbringen, kann keiner genau sagen. Auch Bürgermeister Torsten Oestmann nicht. Nur so viel: „Es sind Osteuropäer, die dort sind.“ Er teilt zudem mit, dass das wilde Camp auch für einen zusätzlichen Reinigungsaufwand sorge. Diese Arbeit werde in Begleitung des Sicherheitsdienstes vorgenommen. Oestmann weiß auch: „Es ist nur eine Verdrängung des Problems.“ Es sei in der Tat schwierig, weil in diesem Fall nicht nur der Polizei, sondern auch der Stadt die Handhabe fehle.

Die Verdrängung scheint zu funktionieren. Thorsten Schiemann berichtet auf erneute Anfrage am Freitag, dass die Männer ihr wildes Camp am Bahnhof und auch die Stadt Rotenburg verlassen haben. Am Bahnhof angetroffen, habe man ihnen allerdings erklärt, wo sie Hilfe bekommen könnten. „Sie wollten aber nicht und haben sich auf den Weg gemacht.“ Wiebke Sprung hatte schon geplant, mit einem der Klienten, der Rumänisch spricht, die Männer aufzusuchen, um ihnen Wege zur Hilfe aufzuzeigen. Hat sich jetzt erledigt. Ein Tipp wäre das Winternotprogramm in Hamburg gewesen. „Das ist offen für alle“, sagt sie.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

95 Prozent Omikron im Landkreis

95 Prozent Omikron im Landkreis

95 Prozent Omikron im Landkreis
Wie bei Oma und Opa

Wie bei Oma und Opa

Wie bei Oma und Opa
Nartumerin Corinna Drewes will das Stofftaschentuch wieder aufleben lassen

Nartumerin Corinna Drewes will das Stofftaschentuch wieder aufleben lassen

Nartumerin Corinna Drewes will das Stofftaschentuch wieder aufleben lassen
Sonnige Aussichten: Gemeinde Lauenbrück setzt sich für die Errichtung mehrerer Solarparks ein

Sonnige Aussichten: Gemeinde Lauenbrück setzt sich für die Errichtung mehrerer Solarparks ein

Sonnige Aussichten: Gemeinde Lauenbrück setzt sich für die Errichtung mehrerer Solarparks ein

Kommentare