Wieder voll auf Kurs

Geschäftsführer Andreas Elsässer (l.) und Vertriebsleiter Carsten Götz bilden das Borco-Führungsduo.
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Geschäftsführer Andreas Elsässer (l.) und Vertriebsleiter Carsten Götz bilden das Borco-Führungsduo.
  • Michael Krüger
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Raus aus den negativen Schlagzeilen: Das Fahrzeugwerk Borco-Höhns hat Erfolge zu vermelden. Nach der öffentlichen Debatte um eine drohende Insolvenz im vergangenen Jahr spricht Geschäftsführer Andreas Elsässer von einer „geilen Stimmung“ beim Marktführer für mobile Verkaufsfahrzeuge in Deutschland. Alles ist anders geworden – mit alten Tugenden.

Rotenburg – Andreas Elsässer redet nicht lange herum. Der 48-jährige Münchener ist ein hemdsärmeliger Typ, als Geschäftsführer eines traditionsbewussten Rotenburger Unternehmens eine untypische Erscheinung. Seit Januar 2019 ist er in der Kreisstadt – und er hat das Fahrzeugwerk Borco-Höhns durch turbulente Zeiten geführt. „Sie haben versucht, aus einer Manufaktur ein Fließbandunternehmen zu machen“, skizziert er ohne Beschönigungen das, was das eigentlich gut funktionierende Unternehmen in die mächtige Schieflage gebracht hat, die zum sogenannten Schutzschirmverfahren führte. Über Jahre waren Unternehmensberater im Haus, aber verbessert hätten die nichts – ganz im Gegenteil. „Ich habe keine Ahnung davon, wie man Autos baut. Aber ich wusste: Wenn es so weiter geht, wird es schlimm“, sagt der Jurist mit der Erfahrung als Insolvenzverwalter.

Elsässer und der mittlerweile zurück ins eigene familiäre Unternehmen gewechselte Alexander Starnecker räumten als Geschäftsführer auf. Vor allem führten sie Gespräche, dort „haben wir ganz furchtbare Sachen gehört“, sagt Elsässer. Das System überflüssiger Kontroll- und Machtgefüge habe man über Bord geworfen, stattdessen „haben wir den Leuten wieder das Denken erlaubt“. Elsässer: „Wir haben nichts neu erfunden, sondern das wiederbelebt, was gut war.“ Transparent habe man Zahlen und Ziele kommuniziert, Eigenverantwortung gestärkt. Sieben Führungskräfte mussten gehen. „Dass sie weg waren, hat keiner gemerkt“, sagt Elsässer. Von rund 270 auf 250 sei die Zahl der Mitarbeiter gesunken, eine Entlassungswelle habe es gegen alle Befürchtungen nie gegeben. Nach dem Investment der Gesellschaft für Beteiligungen an mittelständischen Unternehmen mbH (GBU) mit Sitz in Vechta im „mittleren einstelligen Millionenbereich“ sei Borco-Höhns seit Juli 2019 „saniert und frei vom Insolvenzmakel“, betont der Geschäftsführer. Umso wichtiger sei jetzt auch öffentlich ein „Update mit guten Meldungen“.

Carsten Götz stimmt in diese umgehend ein, befragt nach der Stimmung im Unternehmen und in den Werkstätten. Der Vertriebsleiter ist seit 28 Jahren bei Borco-Höhns, hat die sich über Jahre anbahnenden Probleme miterlebt. Nun, sagt er, sei es, „als hätte man die Handbremse gelöst“. Das Unternehmen sei wieder durchgestartet, und auch die Corona-Zeit werde man gut überstehen, sagt er. Die Krise sei für einen Fahrzeugbauer wie Borco-Höhns auch eine Chance. Denn: Wochenmärkte blieben geöffnet, die Skandale der Fleischfabriken sorgten zudem dafür, dass sich Menschen mehr Gedanken über die Herkunft ihrer Lebensmittel machten. Rund vier Wochen habe man zwar auch am Produktionsstandort in der Kreisstadt Kurzarbeit anmelden müssen, das aber mehr aus Vorsicht vor Lieferengpässen, nicht wegen ausbleibender Aufträge. Auf einen Anteil von 30 bis 40 Prozent auf deutschen Wochenmärkten schätzt er die Borco-Verkaufsfahrzeuge. Nahezu jeden Arbeitstag verlässt ein neuer Wagen die Produktionshallen im Rotenburger Osten. Der Standort sei „absolut sicher“. Eine Verlagerung der Produktion ins billigere Ausland sei „nicht im Entferntesten“ angedacht. Man lebe von der Innovation und Handwerkskunst, die in Rotenburg über Jahrzehnte gewachsen ist. Wohl nehme man aber auch die Nachbarländer für den Verkauf stärker in den Fokus. Norditalien gerate zum Beispiel aktuell ins Blickfeld: „Wir nehmen uns viel vor.“

Wenn Geschäftsführer Elsässer von einer „geilen Stimmung“ in der Belegschaft berichtet, macht er das auch an Zahlen fest. Der Krankenstand sei von 15 auf fünf Prozent gesunken, die Kundenzufriedenheit von nur noch 60 auf über 90 Prozent gestiegen. Und man investiere – in die Technik, modernisierte Betriebsstätten und Fortbildungen. Die Arbeit mit Recyclingmaterialien oder die Ausstattung mobiler, vollelektrischer Bankfilialen deuteten den Weg zu mehr Nachhaltigkeit an. Die Belegschaft, die sich in schwierigen Zeiten bereit erklärt hatte, auf Teile des Urlaubs- und Weihnachtsgeldes zu verzichten – was nicht notwendig wurde – trage den Kurs mit. Elsässer spreche hoffentlich für alle, wenn er sage: „Es macht mir jeden Tag Spaß.“

Marktführer im mobilen Verkauf in Deutschland

Die Anfänge der „Borco Höhns GmbH“ gehen aufs Jahr 1954 zurück. Mit drei Mitarbeitern gründete Richard Höhns damals nach der Eigendarstellung des Unternehmens eine Fabrik für Agrar- und Pkw-Anhänger. Heute sei Borco-Höhns mit Sitz in Rotenburg „der unangefochtene Marktführer im mobilen Verkauf in Deutschland“. Die Geschäftsführung beziffert den Anteil an mobilen Verkaufswagen auf bundesdeutschen Wochenmärkten auf 30 bis 40 Prozent. Mehr als 10 000 Kunden habe man. Erwirtschaftet wurde zuletzt ein Jahresumsatz von rund 30 Millionen Euro. Gut 250 Mitarbeiter zähle man aktuell.

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