Viele Betroffene und Angehörige fühlen sich wie ein Ochs vorm Berg

Demenznetz gibt Wegweiser heraus

Eine Frau hält die Hand eines an Demenz erkrankten Angehörigen.
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Häusliche Pflege ist ein wichtiger Bestandteil bei der Betreuung von Demenzkranken.

Rotenburg – Der erst vor vier Jahren entstandene Verein Rotenburger Demenznetz verschafft sich in diesen Tagen Gehör mit einer Initiative, die es Menschen mit demenziellen Erkrankungen sowie ihren Angehörigen leichter machen soll, Anlaufstellen zu finden, die ihnen Hilfe anbieten. Ab sofort gibt es einen Wegweiser für Betroffene und ihre Angehörigen.

„Es fehlt an Anlaufstellen, und es fehlte eine solche Übersicht“, sagt Astrid Schwarze-Bruns von der AOK. Sie hat zusammen mit dem ausgebildeten Altenpfleger Pascal Burmeister sowie Kirsten Baselt, Mitglied im Beirat des Vereins, den Wegweiser erarbeitet. „Richtig toll geworden“ sei dieser, sagt Professor Thomas Lichte, einer der Vorsitzenden.

Die Ziele des Rotenburger Demenznetzes kommen bei der Vorstellung des Wegweisers deutlich zum Ausdruck: Es geht ums Unterstützen und Begleiten zur weitestgehenden Erhaltung der Autonomie von Menschen mit Demenzerkrankungen. Man will Verständnis wecken für die besondere Situation der versorgenden Familien und deren Umfeld. Alle Beteiligten wollen etwas beitragen zum Zusammenführen aller Akteure aus kommunalen, politischen, spirituellen, medizinischen, pflegerischen, therapeutischen und anderen gesellschaftlichen Bereichen im Landkreis Rotenburg. Außerdem haben sie die Förderung von Informations-, Schulungs- und Beratungsangeboten im Auge. Darüber hinaus wünschen sie sich die Entwicklung neuer Instrumente, die die Versorgungsqualität in unserer Region verbessern und sichern sollen. Zunächst beschränkt sich dieses Angebot vor allem auf den südlichen Teil des Landkreises, Ziel sei es aber, am Ende eine „Landkarte“ für den gesamten Landkreis auf die Beine zu stellen.

Demenz ist schwer zu greifen. Diese Krankheit zeichnet sich durch eine große Vielfalt aus, sagt Thomas Lichte, der als Landarzt in Lauenbrück auch in der Betreuung von Demenzerkrankten Erfahrungen gesammelt hat, „besonders mit den pflegenden Angehörigen“. Macht sich eine Demenzerkrankung bemerkbar, „steht man da wie ein Ochs vor dem Berg“, betont Pascal Burmeister. Er studiert inzwischen Pflegewissenschaften und Politik auf Lehramt.

Es ist nicht nur so, dass die Ausprägung der Erkrankung sehr individuell ist, sondern auch, wie sie die Menschen erreicht. Kirsten Baselt ist selbst pflegende Angehörige. Sie berichtet von einem Fall, bei dem es von heute auf morgen passierte – im Anschluss an einen Schlaganfall. Es gibt aber auch Fälle, da keimt die demenzielle Erkrankung schleichend auf. So oder so: Die Menschen sind zunächst überfordert, unsicher, ängstlich – und vor allem ratlos. „In der Regel geht man erst einmal zum Hausarzt, um zu erfahren, was los ist“, sagt Astrid Schwarze-Bruns. Was ist los, wenn der Opa plötzlich das Wiener Würstchen ins Bierglas steckt? Wenn er anfängt, Geschichten zu erzählen, die so gar nicht stimmen? „Es sind oft Kleinigkeiten, an denen sich zeigt, dass etwas nicht stimmt“, berichtet Schwarze-Bruns.

Plötzlich können die Betroffenen Dinge nicht mehr machen, die ihnen sonst ganz leicht von der Hand gegangen sind. Irgendwann erkennen sie Menschen nicht mehr, die sie schon jahrelang kennen. Viele Facetten, ein Problem: Wer kann helfen? Und was kann helfen, um ein gewisses Maß an Lebensqualität zu erhalten und pflegende Angehörige zu unterstützen sowie zu entlasten?

Auf alle diese Fragen gibt es viele Antworten – und eben keine pauschale. Doch die Bandbreite der Hilfsangebote ist gewachsen – auch im Landkreis Rotenburg. Das macht der Wegweiser deutlich, der jetzt auf der Internetseite des Vereins Demenznetzwerk zu finden ist und interaktiv genutzt werden kann. Per Mausklick lassen sich die einzelnen Angebote ansteuern.

Schwarze-Bruns hat viel mit Betroffenen und ihren Angehörigen zu tun. Und sie betont, wie wichtig es ist, dass sich die Hausärzte dieser Erkrankung annehmen. Genau das aber sei noch nicht in dem Maße der Fall, wie es aus Sicht des Demenznetzes sein müsste. „Leider haben einige der Kollegen das Thema noch nicht so auf der Agenda. Dabei muss man darin eine besondere Aufgabe sehen.“ Unwissenheit sei da womöglich im Spiel, obwohl es entsprechende Fortbildungen gebe. Der Zeitaufwand in der Betreuung der Patienten sei zudem groß und die dauerhafte Betreuung nicht eben einfach, sondern sehr komplex.

Die Hilfsmöglichkeiten sind vielfältig: Angehörigengesprächskreise gibt es, Neurologen natürlich, die zwingend eingebunden sein müssen, Anbieter von Entlastungsleistungen und Haushaltshilfen, Tagespflegeeinrichtungen, Alten- und Pflegeheime, ambulante Pflegedienste sowie weitere Beratungsstellen. Das alles lässt sich jetzt dem Wegweiser entnehmen. Aber: „Wir erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit“, betont das Team. Alle weiteren Infos unter www.rotenburger-demenznetz.de.

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