Rotenburg: Obdachlose haben es sehr schwer

Es fehlt bezahlbarer Wohnraum

Wiebke Sprung leitet den „Straßenfeger“ in Rotenburg.
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Wiebke Sprung leitet den „Straßenfeger“ in Rotenburg.

Rotenburg – Die große Freude ist Wiebke Sprung anzusehen. „Am kommenden Montag kehren wir wieder zum normalen Regelbetrieb zurück“, sagt die Leiterin des „Straßenfegers“ an der Goethestraße in Rotenburg. Zwar gelten dann immer noch die 3G-Regeln. Aber es kehrt ein wichtiges Stück jener Normalität zurück, die gerade für Einrichtungen wie diese von enormer Bedeutung ist.

Der „Straßenfeger“ bietet unter dem Dach des Vereins „Lebensraum Diakonie“ einen Tagesaufenthalt für Obdachlose, für ehemalige Wohnungslose und Menschen, die vom Verlust ihrer eigenen eigener vier Wände bedroht sind. „Aber zu uns kann eigentlich jeder kommen“, versichert die 43-Jährige gegenüber der Rotenburger Kreiszeitung.

Hinter dem „Straßenfeger“ und damit hinter den Menschen, die ihn nutzen, liegt eine schwere Zeit. Wie schwer es war in der bisherigen Corona-Pandemie, hat Wiebke Sprung gerade erst an einem Runden Tisch geschildert, zu dem der SPD-Bundestagsabgeordnete Lars Klingbeil zusammen mit seinem Fraktionsvorsitzenden Rolf Mützenich eingeladen hatte. Menschen, die ohnehin am Rande unserer Gesellschaft stehen, verschwinden in einer von massiven Kontaktbeschränkungen geprägten Zeit vollends im Abseits.

Die Isolation – verbunden mit hohen Hürden auf dem Weg zu Hilfe – mache ihnen schwer zu schaffen. „Wir haben festgestellt, wie niedergeschlagen die Betroffenen sind.“ Im „Straßenfeger“ fehlt über lange Zeit das Essensangebot, das Haus ist wochenlang dicht, draußen gibt es zwei Stühle im Hinterhof, auf denen Gäste einen Kaffee trinken können – mit großem Abstand. „Beratung war nur durchs Fenster und mit Maske möglich“, erinnert Wiebke Sprung an eine auch für sie und ihre Kollegen unfassbare Zeit. Schließlich stelle der „Straßenfeger“ für viele der Gäste, die normalerweise ins Haus kommen, die einzige Möglichkeit für soziale Kontakte dar.

Es sind vor allem zwei Punkte, die Wiebke Sprung besonders am Herzen liegen, wenn es um die Menschen geht, um die sie sich beruflich schon seit 18 Jahren in Rotenburg kümmert: „Wir sollten in unserer Gesellschaft die Randgruppen nicht vergessen und deshalb auch nicht einfach weggucken. Außerdem muss dringend etwas getan werden, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.“

Genau das hat sie auch am Runden Tisch eindrucksvoll dargestellt, um deutlich zu machen, wo der Schuh drückt. Sprung: „Es wird immer schwieriger, für die Menschen eine bezahlbare Wohnung zu finden.“ Dabei habe es die Wohnungslosenhilfe kaum mehr noch mit durchreisenden Obdachlosen zu tun. „Wir haben viel Zulauf, aber der kommt aus der Region.“ 100 bis 150 verschiedene Menschen sind es, die monatlich den „Straßenfeger“ aufsuchen. Dort können sie duschen, Kleidung waschen, frühstücken und Kaffee trinken. Sie treffen andere Betroffene, und sie erhalten auf vielen verschiedenen Ebene Hilfe, wo sie sie brauchen. Sprung: „Wir mussten uns immer wieder neu erfinden.“

Wer ohne ein Dach über dem Kopf dasteht, kann – wenn es freie Plätze gibt – vorübergehend im Birkenhaus an der Harburger Straße unterkommen. „Aber die Nachfrage steigt, die Aufenthaltsdauer wird länger“, erklärt Sprung. Immerhin: Mit dem Einzug in ein dortiges Zimmer verfügen die Menschen über eine Meldeadresse und können einen Antrag auf Hartz-IV-Bezug stellen. „Es ist der erste Schritt zurück in ein normales Leben.“

Noch schöner wäre es aus Sicht der Sozialarbeiterin, wenn es gelingt, auf dem regulären Wohnungsmarkt für die Menschen etwas zu finden. „Die Bereitschaft aber, an einen Obdachlosen zu vermieten, ist gering. Etwas für sie zu finden, ist zurzeit wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen.“ Wiebke Sprung spricht von der Stigmatisierung, mit der es Obdachlose zu tun haben. „Wir sind da total machtlos, und deshalb können wir nur versuchen, die Menschen zu ermutigen, denn es wird der Tag kommen, an dem auch sie wieder etwas für sich finden.“

Diese Suche ist schwer für sie, denn viele der wohnungslosen Menschen haben nur einen eingeschränkten Zugang zu Informationen. „Nicht jeder von ihnen verfügt über ein Smartphone.“ Im „Straßenfeger“ bietet man neben der Tageszeitung auch einen Zugang zum Internet an. Vor dem Hintergrund der beiden Wahlen in diesem Monat stellt Wiebke Sprung allerdings fest, dass das Interesse am politischen Geschehen gering ist bei den Gästen. „Wir erleben eine Politikverdrossenheit, da ist viel Frust.“ Die Menschen fühlten sich nicht wahrgenommen. Sie stehen eben am Rand der Gesellschaft und geraten in einer Pandemie schließlich vollends aus dem Blickfeld.

Daher freut sich die Chefin des „Straßenfegers“, wenn die Politik nachfragt, sich schlaumacht und versucht, ein Signal zu senden. So, wie es Klingbeil und Mützenich in Rotenburg gemacht haben. Aber sie sagt auch: „Das Format ist gut. Es wäre allerdings schön, wenn sie sich auch außerhalb des Wahlkampfes melden.“

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