INTERVIEW Nabu-Chef Roland Meyer über die Regio-Challenge

„Am wichtigsten sind Denkanstöße“

Beim Familientag im Mitmach- und Erlebnisgarten informieren die Organisatoren über die Regio-Challenge. Vor Ort gibt es mehrere Info- und Mitmachstationen. Zum Beispiel das Kräuterbutterquiz, das Wilma von Frieling vorbereitet hat. Foto: Silke Menker

Rotenburg - Von Guido Menker. Umweltverbände der Region laden zu einer Herausforderung („Challenge“) ein, bei der die Teilnehmer eine Woche genau darauf achten, was sie einkaufen und essen. Was es genau mit der Regio-Challenge auf sich hat, was das Ziel ist und warum regional Einkaufen gar nicht immer so leicht ist, das beantwortet Roland Meyer, Vorsitzender des Naturschutzbundes (Nabu) Rotenburg.

Herr Meyer, wie groß ist eigentlich der regionale Anteil an Lebensmitteln in Ihrem Haushalt?

Das kann ich gar nicht genau sagen. Das meiste ist aus dem Supermarkt. Wir sind keine leuchtenden Vorbilder, sondern ein ziemlich normaler Haushalt. Meine Frau und ich sind berufstätig, und wir arbeiten außerdem ehrenamtlich. Dem Einkauf widmen wir weniger Zeit, als eigentlich richtig wäre. Vor Ort kaufen wir natürlich Kartoffeln und Eier. Wir halten Bienen, und wir haben Kräuter, Kürbis, Tomaten und viel Obst im Garten und kochen Marmelade. Wir betreuen Beete im Mitmach- und Erlebnisgarten (Mega) mit und können so ab und an selbst etwas ernten. Der Renner ist übrigens Mangold. Fleisch essen wir wenig und wenn, dann bio oder vom Hausschlachter im Nachbardorf. Und in jedem Herbst gibt es eine große Familienaktion mit Oma und Opa: Wir hobeln und stampfen Weißkohl ein. Das macht Spaß, und das Sauerkraut reicht fürs ganze Jahr.

Wie schwer fällt es Ihnen und Ihrer Familie, so viele regionale Lebensmittel wie nur möglich einzukaufen?

Da ist zum einen der Zeitfaktor. Beim Einkauf und beim Kochen – eine unserer Töchter geht noch zur Schule und ist hungrig, wenn sie nach Hause kommt. Da soll es oft schnell gehen, sodass wir zum Beispiel auch tiefgefrorenes Gemüse aus dem Supermarkt nutzen. Eigentlich ärgert mich das. Aber es ist verführerisch bequem.

Mehrere Umweltverbände starten am Montag das Regio-Spiel. Worum geht es dabei?

Wir laden ein, von Montag bis Sonntag nur Dinge zu essen und zu trinken, die im Umkreis einer Tagestour mit dem Rad entstanden sind. Dabei kann jeder zwei Joker wählen. Dinge, auf die er nicht verzichten will. Kaffee und Öl? Oder Wein und Pfeffer? Das ist jedem selbst überlassen. Schon das Nachdenken darüber macht Spaß. Wichtig ist, dass jeder die Regeln so eng oder weit auslegen darf, wie es für ihn richtig ist. Die Challenge ist eine Chance, spielerisch darauf zu achten, wo unsere Lebensmittel eigentlich herkommen. Wer sie wie und wo erzeugt. Eine Woche am eigenen Leib zu erfahren, wie abhängig wir schon von der Industrie sind. Und wohl auch, dass weite Teile der Landwirtschaft bei uns nur wenig mit unserem Essen zu tun haben. Am wichtigsten sind die Denkanstöße und die Gespräche.

Welche Kriterien sind anzusetzen, um von regionalen Produkten überhaupt sprechen zu können?

Da gibt es keine festen Grenzen. Für die Regio-Challenge bezeichnen wir als regional, was mit dem Fahrrad an einem Tag zu erreichen ist. Das ergibt einen Umkreis von etwa 50 Kilometern. Man könnte also ohne Auto zurechtkommen. Das ist ein Zusatzaspekt im Hinblick auf die Klimakrise. Für Kartoffeln, Eier, Honig und viele Gemüse muss man sicher nicht so weit fahren. Bei Getreide und erst Recht bei Salz und Öl wird es hingegen schon sehr schwer. Und wenn man „regional“ ganz eng auslegen will, achtet man auch auf die Fertigungstiefe. Beim Kuchen zum Beispiel darauf, dass nicht nur das Getreide und der Belag aus der Region sind, sondern auch Zutaten wie Hefe, Butter, Zucker und Salz. Dann würden sogar meine eigene Marmelade und mein Sauerkraut herausfallen. Im Alltag halte ich eine solche strenge Auslegung weder für durchführbar noch für sinnvoll. Aber für ein Spiel wie die Regio-Challenge, bei der es für einen kurzen Zeitraum vor allem um Erfahrungen und Bewusstheit geht, ist sie für manche bestimmt eine spannende Steigerung der Herausforderung.

Angesichts der aktuellen Umweltdiskussionen vor dem Hintergrund des mehr und mehr spürbaren Klimawandels passt dieses Spiel gut in die Zeit. Dabei taucht immer wieder vor allem eine Frage auf: Kann ich wirklich etwas tun, um die Umwelt ein bisschen besser zu machen?

Ohne Brutcontainer für Eisvögel gäbe es weniger Eisvögel, ohne renaturierte Sandgruben weniger Kreuzkröten und Uferschwalben und ohne Umweltbildung weniger Wissen um Natur und weniger Bereitschaft, sie zu schützen. Und bezogen auf Lebensmittel: Bauern bewirtschaften den größten Teil der Landschaft. Schon allein deshalb hat ihr Tun und Lassen großen Einfluss auf unsere Natur. Bewusstes Einkaufen entscheidet darüber, wo unser Geld landet. Darüber, ob Landwirte, die vor Ort nachhaltig und vielfältig und achtsam produzieren, ein gutes Auskommen haben. Darüber, ob dieser Markt wächst und andere ermutigt werden, ähnlich zu produzieren. Eine ganz andere Frage ist, ob wir genug tun oder tun können, um unsere Erde zu retten. Das zu beantworten, ist müßig, denn die Antwort bedeutet für das Handeln keinen Unterschied. Erstens, weil wir in unserer Einschätzung irren können. Und zweitens, weil unser Leben nur sinnvoll und erfüllt ist, wenn wir versuchen, Gutes zu erreichen und möglichst wenig Schaden anzurichten.

Was kennzeichnet die regionalen Produkte?

In der Regel handelt es sich bei den Erzeugern eher um kleinere Betriebe. Es fallen keine langen Transportwege an. Und man kann die Menschen kennenlernen, die hinter den Waren stehen. Darüber sprechen, was sie wie erzeugen und was sie nicht machen. Die Gründe erfahren. Und die Felder sehen.

Welche Verbände beteiligen sich an diesem Spiel? Und wie haben Sie alle zueinandergefunden?

Auf Anregung des Nabu und von Sambucus und Ackern und Rackern hatten hiesige Umweltverbände 2017 gemeinsam zu einem Themenabend eingeladen. Damals ging es um Glyphosat. Bei der zweiten Auflage im vergangenen Jahr war Kathrin Peters von Hof Grafel im Zuhörerkreis. Sie hat von der Spielidee Regio-Challenge erzählt, die sie erfunden und bereits einmal ausprobiert hatte. Diese zugleich spielerische und ernsthafte Herangehensweise hat uns spontan angesprochen, sodass wir damals gleich vereinbart haben, so etwas 2019 gemeinsam vorzubereiten. Außer Hof Grafel, Sambucus, dem Nabu und „Ackern und Rackern“ haben sich auch Bioland, der BUND und einige Privatpersonen beteiligt.

Wie viele Anbieter gibt es in der Region, um mich mit entsprechenden Lebensmitteln einzudecken? Was genau bieten sie an?

Ein Überblick soll eines der Ergebnisse der Challenge sein. Alle Teilnehmenden sind aufgerufen, ihr Wissen zusammenzutragen. Daraus entsteht dann eine Liste.

Ist es nicht viel teurer, auf diese Art des Einkaufens umzustellen?

Vordergründig ja. Aber die Preise im Supermarkt sind nicht ehrlich. Für den Naturverbrauch und die Klimaschäden bei der Herstellung und infolge des Transports zahlen ja nicht wir, sondern unsere Kinder und Enkel. Das sollte man sich klar machen. Gute und gerechte Ernährung hat ihren Preis, aber sie ist für die meisten von uns bezahlbar. Noch nie wurde ein so kleiner Teil des Einkommens für Essen ausgegeben, wie heute. Und übrigens: Wer weniger Fleisch isst, nützt nicht nur dem Klima, der Welternährung und seiner Gesundheit, sondern spart auch Geld.

Was glauben Sie, an welchen Stellen werden die Teilnehmer des Spiels an ihre Grenzen stoßen? Und was sollen sie dann machen?

Jeder soll die Regeln so anpassen, dass das Spiel für ihn gleichzeitig herausfordernd und leistbar ist. Meine Frau und ich werden zum Beispiel keine Woche Urlaub nehmen, um weite Touren mit dem Rad zum Einkaufen zu machen. Aber wir werden sehr bewusst entscheiden, was wir essen, und auf manches eine Woche verzichten. Nicht weil es böse ist, Nudeln und Reis zu essen, mit Pfeffer zu würzen und Wein zu trinken. Sondern weil es eine interessante Erfahrung ist, einmal bewusst nur das zu essen, was bei uns entstanden ist. Darauf sind wir gespannt.

Warum tun wir alle uns so unglaublich schwer damit, über Alternativen beim Einkauf von Lebensmitteln nachzudenken?

Wir müssen Gewohnheiten verändern und Bequemlichkeit überwinden. Das ist nicht einfach. Ich bilde mir zum Beispiel ein, oft nur wenig Zeit zum Einkaufen und Zubereiten zu haben. Bekannte in Frankreich nehmen sich hingegen jeden Abend viel Zeit zum gemeinsamen Kochen und Essen. Toll. Dabei hat doch der Tag auch in Frankreich nur 24 Stunden. Außerdem sind wir es sehr gewohnt, immer nach dem Preis zu schauen. Dabei übersehen wir, welche Folgen und Folgekosten wir unseren Kindern aufbürden. Das muss man sich bewusst machen. Und man sollte sich dann freuen, ein gutes Produkt zu essen, das ohne Ausbeutung der Erzeuger fair und naturverträglich entstanden ist. Das ist doch viel schöner, als zum Beispiel vor einer Hähnchenhälfte zu sitzen, bei der das Tier die Sonne nicht gesehen hat, am Ende seiner etwa 30 Lebenstage nur schwer stehen konnte, für dessen Mast genverändertes Soja aus Urwaldregionen Südamerikas eingeführt wurde, dessen Gülle Grundwasser vergiftet und an dem der Landwirt nur zehn oder 20 Cent verdienen durfte und deshalb gezwungen ist, in großen Mengen zu denken.

Wie viele Anmeldungen für das Spiel liegen Ihnen bereits vor?

Auf unserer Mailliste haben sich am Filmabend beim Rathaus etwa 45 Menschen eingetragen. Da kann man sicher noch ein paar Partner und Familienangehörige dazuzählen.

Wen möchten Sie ganz besonders mit diesem Spiel ansprechen?

Die Liste ist noch offen. Wir freuen uns über jeden, der sich für unser Essen und seine Erzeugung interessiert und mitspielt. Ganz toll ist, dass auch eine Gymnasialklasse von der BBS mitmacht. Und sogar die Küche des Mehrgenerationenhauses Waffensen hat Interesse bekundet.

Mitmachen!

Infos und Tipps gibt es beim Familiennachmittag am Sonntag von 15 bis 17 Uhr im Mega auf dem Hartmannshof und auf www.regio-challenge.de.

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