Ein wichtiges Stück Alltag

Das Leben mit Krebs: Marion Hinck hilft Patientinnen mit kosmetischen Tricks

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Gabriele Lach (l.) lässt sich von Kosmetik-Expertin Marion Hinck zeigen, wie sie ihr tägliches Make-up perfekt hinbekommt.

Die Haare fallen aus, Fleckenbildung, empfindliche und trockene Haut: Gabriele Lach hat Krebs und genau diese Nebenwirkungen während mehrerer Chemotherapien durchgemacht. Es gibt aber ein paar kosmetische Tricks, wie sich die Frauen in ihrem Alltag wohler fühlen können. Welche das sind, weiß Expertin Marion Hinck von der DKMS Life.

Rotenburg – Gabriele Lach kennt das Rotenburger Diakonieklinikum nur allzu gut: Die Zevenerin ist alle zwei Wochen auf der Onkologie, denn sie ist chronisch an Krebs erkrankt. Sie bekommt Antikörper plus alle vier Wochen Spritzen, denn sie hat sich nach mehreren Chemotherapien im Dezember vergangenen Jahres für eine palliative Behandlung entschieden. Doch heute ist sie aus einem anderen Grund hier, denn sie nimmt mit weiteren Krebspatientinnen an einem Kosmetikseminar der DKMS Life teil. Expertin Marion Hinck hat Tipps und Tricks für die Frauen, mit denen sie ihren Alltag ein Stück normaler gestalten können.

Metastasen zufällig entdeckt

Lach hat ein metastasiertes Mammakarzinom. Durch Zufall sind die Metastasen in der Leber entdeckt worden. Weitere Untersuchungen haben gezeigt, dass ein Tumor in ihrer Brust sitzt, der gestreut hat. Nach mehreren Chemotherapien hat sie sich nun für eine palliative Behandlung entschieden. „Die letzten drei Chemos haben dem Körper alles abverlangt“, erklärt sie ihre Beweggründe. „Aktuell geht es mir super. Letztes Jahr konnte ich zum Schluss kaum etwas machen, kaum gehen.“

Gabriele Lach lässt sich Haare abrasieren

Angefangen hatte sie nach der Diagnose zunächst mit einer Anti-Hormontherapie, in Tablettenform. „Das ging wunderbar, mir war nichts anzusehen“, erinnert sie sich. Doch als sich neue Metastasten bildeten, musste sie für ein halbes Jahr zur Chemo. Lach hatte damals lange Locken, drei Wochen nach Beginn der Therapie büßte sie diese ein. „Die Haare tun an den Wurzeln weh, da weiß man, dass es losgeht.“ Sie hat ihre Haare erst gekürzt, sich dann innerhalb einer Woche entschieden, sie abrasieren zu lassen. „Das war noch nicht so schlimm, das haben wir zelebriert beim Friseur“, sagt sie. Doch dann fielen ihr an einem Wochenende die Wimpern und Augenbrauen aus. „Das war schlimm, weil ich mich immer geschminkt habe und auf einmal fehlt die Mimik“, erklärt die Zevenerin. Selbstironisch fügt sie an: „Ich bin aber auch ein spezieller Fall, habe alles mitgenommen.“ So sind ihr auch alle Fingernägel ausgefallen – eine seltene Nebenwirkung. „Man findet aber immer jemanden, der einen unterstützt und hilft“, sagt sie.

DKMS stellt Taschen durch Spenden zusammen

Ein paar Wimpern sind wieder da, aber nicht so wie vor der Chemo. Ihre Augenbrauen sind noch nicht nachgewachsen, heute hat sie mit Puder getrickst. Genau da kommt Hinck ins Spiel. „Am Wachstum können wir nichts bewegen, aber wir können kosmetisch ausgleichen. Augenbrauen malen geht heute wunderbar – wenn man es gut macht, sieht das auch nicht mehr künstlich aus.“ Sie bringt jeder Patientin eine Tasche mit, mit diversen Pflege- und Kosmetikprodukten gefüllt. Die Taschen stellt DKMS durch Spenden zusammen. Schritt für Schritt zeigt Hinck den Frauen, wie sie die Produkte anwenden.

Marion Hinck war selbst an Krebs erkrankt

Außerdem zeigt sie den Teilnehmerinnen, wie man ein Kopftuch auf verschiedene Weisen binden kann. „Bevor die Haare ausfallen, kann man sich eine Perücke anfertigen lassen. Aber es gibt auch tolle Ideen mit Tüchern“, erzählt die Kosmetikerin, die vor 15 Jahren selber an Krebs erkrankt ist. Sie sagt auch: „Ich habe anfangs mit der Diagnose gehadert, musste das erst mal verarbeiten.“ Letztlich hat sie sich dadurch aber auch entschieden, anderen Frauen zu helfen.

„Es geht immer nett und lustig zu“

Eine Perücke war für Lach schwierig zu finden: „Für Glatthaar gibt es sehr echt aussehende. Aber ich hatte Naturlocken. Ich hätte gerne gewusst, dass man stattdessen ein Rezept für Tücher bekommen kann“, merkt sie an. Wissen, das sie heute hat und in Gesprächen mit anderen Frauen weitergibt. „Hier lernt man viele unterschiedliche Frauen kennen – teilweise sehr stark und positiv. Wir reden offen in unserem kleinen ,Stuhlkreis‘“, erzählt sie mit einem Lächeln. „Das macht man Zuhause teils nicht mit Freunden und Familie.“ Und so geht es auch in den Kursen zu, schließt sich Hinck an. „Es ist eher intim, alle nehmen ihre Kopfbedeckungen ab. Es geht immer nett und lustig zu“, berichtet sie. „Da findet ein ganz wichtiger Austausch statt.“ 

Kopf in den Sand stecken kam nicht infrage

Offenheit sei ohnehin wichtig beim Thema Krebs, finden beide. „Das ist alles noch eine Tabuzone“, so Hinck. „Man beschäftigt sich meist erst mit dem Thema, wenn es einen selber betrifft. Ich habe aber immer gefragt, ob jemand darüber etwas wissen möchte, bin damit offen und humorvoll umgegangen“, schließt sich Lach an. Sätze wie „Krebs ist nicht ansteckend“ oder als Antwort auf Fragen wie ob sie denn Rotwein trinken dürfe „Was soll ich denn kriegen, Krebs?“ seien öfter gefallen. Auch wenn es nicht immer einfach war, den Kopf in den Sand stecken kam nicht infrage. „Natürlich waren die ersten Wochen hart, ich musste mich mit dem Tod auseinandersetzen“, sagt Lach. „Aber jetzt fokussiere ich mich mehr auf mich, habe wieder ein sehr gutes Körpergefühl entwickelt“, zählt Lach einen für sie positiven Nebeneffekt auf. „Viele Menschen können damit nicht umgehen, das kann man ihnen nicht zum Vorwurf machen, das ist eine Ausnahmesituation“, ergänzt Hinck.

Zwei Stunden abschalten und sich betüddeln lassen

In einer solchen Situation sei aber gerade der Alltag wichtig – zum Beispiel der Gang zum Friseur, den Frauen regelmäßig machen. Auch mit Glatze ist Lach gegangen. „Ich habe mir Wellness gegönnt, ein Peeling für die Kopfhaut.“ Die Kosmetikkurse helfen dabei, das Selbstbewusstsein für die Meisterung des Alltags zu stärken. „Augenbrauen, ein wenig Rouge, abdecken – das geht in fünf Minuten und gibt ein gutes Gefühl“, meint Hinck, die eine Visagistenausbildung hat. Das sehe man den Frauen an, wenn sie den Raum wieder verlassen. „Das Schönste ist, wenn alle fertig sind und sich wohlfühlen. Oft kommen die Patientinnen etwas befangen rein, zögern. Am Ende fotografieren sie sich gegenseitig.“ Und genau das sei, was die Ehrenamtlichen erreichen wollen: zwei Stunden abschalten und sich betüddeln lassen.

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