Der Rotenburger Tätowierer Mario Heinzendorff über die Besonderheiten seines Berufes

„Wichtig ist, was man abliefert“

Mario Heinzendorff arbeitet seit 18 Jahren in seinem Studio in Rotenburg als Tätowierer. - Fotos: Menker

Rotenburg - Von Matthias Röhrs. Harte Metal-Musik dröhnt aus den Lautsprechern. Dennoch ist das Surren der Tattoo-Maschine gut zu hören. Rasend schnell stechen die feinen Nadeln in die Haut. Das Tattoo-Studio „Toda Mi Vida“ ist die Wirkungsstätte von Mario Heinzendorff. Gerade ist er dabei, das Motiv eines Kunden auszubessern. Dennoch hat er nebenbei Zeit für ein Gespräch über seine Profession. Im Interview am Wochenende erzählt er von guten und schlechten Motiven, seinen Kunden und wie man das überhaupt wird: Ein Tätowierer.

Herr Heinzendorff, was steckt eigentlich hinter der Faszination „Tattoo“?

Mario Heinzendorff: Ich denke, dass dieser Begriff zu breit gefächert ist, um gezielt darauf einzugehen. Für die einen ist es eine Art Mode, für die anderen eine Lebenseinstellung. Dazwischen ist natürlich jede Menge Platz für Interpretationen.

Ist ein Tattoo nicht dauerhafter als Mode?

Heinzendorff: Sicher, aber viele sehen eins im Fernsehen oder an ihren Idolen und wollen das dann unbedingt auch haben. Menschen, die sich aber länger oder genauer mit dem Thema auseinandersetzen, möchten meistens ein individuelles Tattoo.

Gibt es unter Ihren Kunden denn mehr „Einzel“- oder mehr „Überzeugungstäter“?

Heinzendorff: Da ist eigentlich alles mit bei. Ich würde aber sagen: Von zehn Leuten, die zu mir kommen und eigentlich nur ein einzelnes Tattoo möchten, kommen neun wieder und lassen sich weitere stechen.

Welche Typen von Tätowierten gibt es?

Beim „Covern“ werden bereits vorhandene Tattoos übermalt.

Heinzendorff: Bei den „Ersttätern“ ist es manchmal so, dass sie gar nicht wissen, was sie eigentlich wollen. Die schicke ich dann erstmal wieder nach Hause, damit sie nochmal richtig darüber nachdenken. Oft kommen viele zu mir, schauen sich die Motivmappen an – und nach einer halben Stunde haben sie sich zwölf völlig verschiedene Motive ausgesucht. Dann sieht man schon, dass sie eigentlich nur irgendein Tattoo wollen, aber noch gar nicht wissen, was sie wollen. Gott sei Dank bin ich nicht mehr darauf angewiesen, jeden Kunden, der reinkommt, auch mitzunehmen. Das ist so letztendlich ja auch für den Kunden gut.

Gehen Sie mit Menschen, die sich zum ersten Mal ein Tattoo stechen lassen, besonders um?

Heinzendorff: Manche haben ein bisschen Angst, aber das ist je nach Kunde unterschiedlich. Auf den einen oder anderen muss ich vielleicht etwas mehr eingehen und den Schmerz ein bisschen schön reden. Andere wiederum gehen das auch ganz locker an.

Was muss ein guter Tätowierer mitbringen?

Heinzendorff: Für mich selber ist wichtig, dass sie schon aus dem Kopf frei Hand was auf die Haut malen und auch was Gutes zu Papier bringen können. Es gibt aber auch Tätowierer, die können überhaupt nicht zeichnen, machen aber super gute Tattoos – aber nach Vorlage. Im Endeffekt ist entscheidend, was der Tätowierer für Arbeit abliefert. Wichtig ist, was die Leute hinterher auf der Haut tragen. Ein Tätowierer muss in erster Linie die Arbeit gut umsetzen können – egal, ob er nun ein guter Zeichner ist oder nicht.

Wie sieht die Ausbildung zum Tätowierer aus?

Heinzendorff: Wenn man Glück hat kommt man in einem Studio unter und kann sich dort ausbilden lassen. Aber da Tätowierer kein anerkannter Beruf ist, hast du in dieser Branche natürlich auch viele schwarze Schafe, die privat viel Zuhause machen. So kriegt man dann auch immer wieder Neukunden, um diese Tattoos zu reparieren oder zu covern – also zu übermalen. Ein Laden oder ein Gewerbeschein sind allerdings noch lange kein Garant dafür, dass der Tätowierer tatsächlich tätowieren kann. Da ist es als Kunde wichtig, zu gucken, wie seine Arbeiten sind. Wobei es als Laie auch schwer ist zu unterscheiden, ob es sich um eine gute Tätowierung handelt oder nicht.

Was sind denn die Merkmale einer guten Tätowierung?

Heinzendorff: Wenn ich eine angucke, sehe ich gleich, wie die Linienführung ist, wie die Schatten sitzen, ob sie weich ineinander übergehen oder wie die Farben sind. Es gibt viele Aspekte, aber oftmals siehst du die als normaler Kunde nicht so. Manche merken es vielleicht hinterher auch erst selber, wenn ihr Tattoo nicht gut ist.

Jeder Stich muss sitzen – wie schaffen Sie es, die Konzentration aufrecht zu erhalten?

Heinzendorff: Wir fangen ja nicht morgens um 7 Uhr an und sitzen abends um 10 Uhr immer noch hier. Die Konzentration beläuft sich eigentlich nur auf drei bis fünf Stunden am Tag – wenn es hochkommt. Das schafft man schon.

Und was passiert, wenn mal was „daneben“ geht?

Heinzendorff: Es kommt gelegentlich vor, dass ein Kunde nicht still hält. Dann muss ich natürlich gucken, ob ich das irgendwie reparieren kann – je nach Motiv. Aber den meisten bläue ich wirklich ein, auch stillzuhalten. Das sind dann eben mal ein oder zwei Stunden, wo sie das müssen. Dafür haben sie aber auch den Rest ihres Lebens etwas davon.

Haben Sie selbst sich schon mal ein Tattoo entfernen lassen?

Heinzendorff: Nein, schließlich entsprechen die Motive auch immer einer bestimmten Zeit und einem gewissen Lebensabschnitt. Aber wenn ich heute nochmal anfangen würde, würde ich vielleicht mehr darauf achten, dass alles stimmiger ist. Aber ich habe kein Tattoo, was ich jetzt bereue.

Wieviele Tattoos haben Sie denn?

Heinzendorff: Das kann ich gar nicht so genau sagen. Es ist auch nicht mehr so, dass ich morgens vor dem Spiegel stehe und mir alle angucke. Sie sind mittlerweile ein Teil von mir und damit ist gut. Wenn man ein paar neue Tattoos hat, dann guckt man die ersten Wochen noch etwas mehr hin, aber irgendwann achtet man gar nicht mehr drauf.

Wie hat es denn bei Ihnen angefangen?

Heinzendorff: Ich habe früher Airbrush (Malen mit einer feinen Sprühpistole; Anm. d. Red.) in einem Tattoo-Laden gemacht, so kam eins zum anderen. Zunächst habe ich dann angefangen, an mir selber rumzupicken und dann an Kumpels und Freunden – halt für umsonst. Und so bin ich dann zum Tätowieren gekommen.

Was sind denn eigentlich die beliebtesten und häufigsten Motive?

Heinzendorff: Das wandelt sich immer im Laufe der Zeit. In den Neunzigerjahren waren beispielsweise viele Motive mit Rosen oder Delfinen in Mode. Ende der Neunziger und Anfang 2000 war es dann die Arschgeweih-Fraktion. Blüten sind aber ein Evergreen, die gehen irgendwie immer. Die kann man aber auch in allen Formen und Farben umsetzen.

Und was ist heutzutage der Trend?

Heinzendorff: Zurzeit geht der Trend in Richtung Mandala-Motiven. Das fragen die Kunden jetzt öfter nach.

Was war denn das beste Motiv, das Sie je gestochen haben?

Heinzendorff: Da gibt es viele schöne Sachen, das ist sehr durchwachsen. Ich habe an unterschiedlichen Motiven meinen Spaß. Wenn dem nicht so wäre, würde es mir irgendwann zu eintönig werden.

Gegenprobe: Welches Motiv hätten Sie rückblickend lieber nicht gestochen?

Heinzendorff: Auch da gibt es so einige. Früher musste ich noch vieles machen, weil ich Geld verdienen musste, beispielsweise diese Tribal-Geschichten (Motive, angelehnt an Tattoos von Ureinwohner-Stämmen; Anm. d. Red.). Die mache ich mittlerweile gar nicht mehr, denn das ist mir zu stumpf. Bei diesen Motiven malt man halt nur Schwarz aus, da habe ich keinen Spaß dran.

Raten Sie Ihren Kunden auch mal von Motiven ab?

Heinzendorff: Ja. Das kommt aber immer ein bisschen darauf an, was der Kunde schon an Tattoos hat und ob das neue Motiv auch dazu passt. Oder wenn er mit einer Idee zu mir kommt, die ich grundsätzlich nicht mache. Dann sage ich ihm aber auch, warum und wieso ich das nicht steche. Außerdem gibt es auch Motive, die man mittlerweile sozusagen übergesehen hat – auch wenn sie zunächst zeitlos wirken.

Können Sie da ein Beispiel geben?

Heinzendorff: Da kann ich natürlich nicht für die Allgemeinheit sprechen, bei zeitlosen Motiven gehe ich aber von meiner Erfahrung aus. Aber darunter fallen halt insbesondere die bereits angesprochenen Tribals. Es gibt eine Menge Tattoos, die sich oft wiederholen und die Leute dann oft satt haben. Diese Motive variieren halt nur in der Umsetzung.

Gibt es Motive, die Sie grundsätzlich nicht stechen? Beispielsweise politische Symbole?

Heinzendorff: Politische Sachen mache ich grundsätzlich nicht – egal wie sie gelagert sind. Ich muss halt Spaß an dem haben, was ich gerade mache. Und wenn ich auf ein Motiv keine Lust habe, dann sage ich das zu Anfang.

Also müssen sich sowohl der Tätowierer als auch der Tätowierte mit dem Motiv wohlfühlen?

Heinzendorff: Der Tätowierte sowieso, der muss ja auch länger damit rumlaufen (lacht). Aber ich muss ja ebenfalls einige Stunden daran arbeiten. Und wenn ich nach einer Stunde keine Lust mehr habe, wirkt sich das wahrscheinlich auch auf das Motiv aus.

Am kommenden Wochenende sprechen wir mit dem Arzt Dr. Nils-Kristian Dohse, der am Diakonieklinikum in Rotenburg unter anderem Tattoos entfernt.

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