Fälle auch im Landkreis Rotenburg

Wenn der Partner noch Kind ist

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Mit einer inszenierten Hochzeit in Berlin haben die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes und Abgeordnete des Deutschen Bundestag gegen sogenannte Frühehen protestiert. 

Rotenburg - Von Stephan Oertel. Wer in seiner Heimat geheiratet hat, kann nicht davon ausgehen, dass die Ehe hierzulande anerkannt wird. Nämlich dann, wenn mindestens einer der Partner minderjährig ist. Das Jugendamt guckt genau hin. Waren beide mit der Heirat einverstanden? Lässt das deutsche Gesetz die Verbindung zu? Und was, wenn sie schon Eltern sind?

Wie viele sogenannte Kinderehen es im Landkreis Rotenburg gibt, ist nicht statistisch erfasst, teilt das Jugendamt mit. Es gebe aber solche Fälle. Laut deutschem Gesetz müssen beide Partner volljährig sein, wenn sie den Bund der Ehe eingehen wollen. Eine Ausnahme ist möglich, wenn die Sorgeberechtigten, in der Regel also die Eltern, und das Familiengericht dem zustimmen. Dabei muss nicht zuletzt deutlich werden, dass beide Partner die Verbindung von sich aus eingehen wollen. Aber auch dann müssen Braut und Bräutigam mindestens 16 Jahre alt sein.

Im Mittelpunkt stehe stets das Kindeswohl. Dass minderjährige Flüchtlinge im Landkreis Rotenburg heiraten wollen, ist dem Jugendamt bislang aber nicht bekannt. Die Behördenmitarbeiter haben bislang ausschließlich mit Fällen zu tun, in denen das Paar während der Flucht oder bereits im Heimatland den Bund der Ehe eingegangen ist. Und dort herrschen oft andere Sitten und Gesetze, heiraten manche zum Teil sogar deutlich unter 18 Jahren.

Hohe Dunkelziffer

„Zeit-online“ zufolge sind in Deutschland laut dem Ausländerzentralregister etwa 1 500 Minderjährige verheiratet. Die Dunkelziffer werde deutlich höher geschätzt. Und: Etwa jedes vierte der verheirateten Mädchen sei jünger als 14 Jahre. In einigen Ländern ist das legal oder zumindest geduldet. Aber sollen solche Verbindungen auch hier anerkannt werden?

Auf keinen Fall, wenn einer der Partner jünger als 14 Jahre ist, teilt das Rotenburger Jugendamt mit. Für 14- und 15-Jährige sei die Anerkennung einer in der Heimat geschlossenen Ehe unter besonderen Umständen möglich, jeder Fall werde genau geprüft. Doch auch wenn die deutschen Behörden dem Bund der Ehe ihren Segen geben, gelte: Ist der Partner volljährig, dürfen beide nicht zusammenleben. Letzteres sollte nicht der Fall sein, wenn ein Partner in der anerkannten Ehe zwischen 16 und 18 Jahre alt ist. Auch hier werde jeder Fall einzeln betrachtet.

Freiwilliger Eheschluss?

Maßstab ist für die Behörden stets, was für das Wohl des Minderjährigen die beste Lösung ist, betont das Jugendamt. Diese Lösung müsse zudem mit der öffentlichen Ordnung in Einklang stehen. Ein wichtiger Faktor ist, ob die Ehe freiwillig eingegangen wurde. Und es stellt sich die Frage nach den Konsequenzen für die Betroffenen, wenn eine Ehe annulliert wird. Erst recht wenn das Paar bereits ein Kind hat. Wird die Verbindung anerkannt, hat dann allein der volljährige Partner das Sorgerecht. Erst wenn beide 18 Jahre alt sind, haben sie dieses gemeinsam. Sind Mutter und Vater minderjährig, wird ein Vormund bestellt.

Dass sich die Behörden überhaupt darum kümmern, ob eine Kinderehe in Deutschland anerkannt wird, stößt bei den Betroffenen nicht selten auf Unverständnis. Viele bringen aus ihren Heimatländern ein ganz anderes Rechts- und Rollenverständnis mit, so das Jugendamt. Sprachliche Barrieren erschwerten die Situation zusätzlich.

Nach deutschem Recht aber geht es um den Schutz Minderjähriger – gerade auch mit Blick auf arrangierte Ehen. In diesem Konfliktfeld müssen die Behörden eine Lösung im Sinne der Betroffenen finden. Von einer Gesetzesänderung, wie sie derzeit im Gespräch ist, erhoffen sich die Mitarbeiter in Rotenburg mehr Klarheit. Derzeit sei die Situation nicht eben übersichtlich, weil es in vielen Ländern sehr unterschiedliche Regelungen gibt, die hier bei der Bewertung mit betrachtet werden müssen. 

zz

Zum Thema:

Bekämpfung von Kinderehen: Das sieht das neue Gesetz vor

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