Wie Rotenburger Schulen mit Rotenburg umgehen – und wie das in Krisen hilft

Wenn Heimat zum Standpunkt wird

Kennt jeder, sieht jeder – aber weiß man auch, was es ist? Das „Tor zur Stadt“ – geschaffen vom Künstler Werner Ratering – hat seit 1995 seinen festen Platz an der Ärztehauskreuzung in Rotenburg. 
Foto: Menker
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Kennt jeder, sieht jeder – aber weiß man auch, was es ist? Das „Tor zur Stadt“ – geschaffen vom Künstler Werner Ratering – hat seit 1995 seinen festen Platz an der Ärztehauskreuzung in Rotenburg. Foto: Menker
  • Michael Krüger
    vonMichael Krüger
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Rotenburg – Die Französische Revolution, der Zweite Weltkrieg, Bürgerkrieg in Amerika – es gibt viele Themen, die in der Schule eine wichtige Rolle spielen. Vieles davon ist zum Frust von vielen Schülergenerationen aber weit weg, nicht nur im historischen Sinn. Dass Geschichte auch vor Ort gespielt hat und immer noch spielt, dass Politik erst vor Ort greifbar und Theorie vor der Haustür zur Praxis wird, bleibt zumindest nach Erfahrung des Autors oft außen vor. Umso erstaunter war er, als der Grundschulnachwuchs mit Detailwissen zur Kreisstadt triumphierte. Heimatkunde im Jahr 2020, ist das wieder angesagt – wo doch selbst der Begriff in manch politisch korrekten Kreisen nur ungern gesehen wird?

„Das ist doch ein tolles Wort“, sagt Jennifer Hoppe, wenn man die Grundschullehrerin der Rotenburger Kantor-Helmke-Schule nach Heimatkunde fragt. Nur: „Wir benutzen das Wort nicht“, sagt sie und lacht. Stattdessen gehört das, was vor Ort passiert, dort wie in den anderen Rotenburger Grundschulen seit 2006 zum Kerncurriculum „Perspektive, Zeit, Gesellschaft & Wandel“ im Fach Sachunterricht, sagt sie. Eine sperrige Bezeichnung, am Ende laufe es aber natürlich auf die Heimat hinaus: „Es ist unglaublich wichtig, dass die Kinder etwas über die Welt, in der sie leben, wissen.“ Spätestens am Einschulungstag tauche schließlich die Frage auf, wer dieser Kantor Helmke war.

Schulleiterin Catrin Cramme bemängelt allerdings, dass die Lehrpläne heute viel enger gesteckt werden als früher. Die Freiheit, eigene Projekte einzubauen, leide darunter – und dann bleibe eben auch mal keine Zeit mehr für einen Besuch beim Bürgermeister oder in der Stadtbücherei. Dort muss man übrigens nach Rotenburg-Literatur schon sehr genau suchen, und auch die Homepage der Stadt könnte diesbezüglich ausgebaut werden, so Lehrerin Hoppe: „Das ist schon etwas enttäuschend.“ Gerade in historischer Hinsicht sei es für die Kinder schwer, Informationen zu finden.

Karten lesen können, mal im Rathaus vorbeischauen, die Sehenswürdigkeiten in einer Rallye kennenlernen: Stadtschul-Leiterin Susanne Enders nennt eine Vielzahl an Unterrichtsinhalten, wenn es um den Standort Rotenburg geht. Sie vermeidet es dabei, von Heimatkunde zu sprechen: „ Ich bin selbst zugezogen, habe öfter meinen Wohnort gewechselt und es immer als meine Aufgabe gesehen, über meinen Wohnort Bescheid zu wissen“, sagt sie. Oft sei ihr das auch viel besser gelungen als den „Ureinwohnern“. Dieses Gefühl möchte sie im Unterricht vermitteln – ohne in der vielleicht besonderen Situation der Stadtschule unnötig anzuecken: „Momentan haben wir einen hohen Anteil an Migrationsfamilien, für die der Begriff Heimat bestimmt andere Bedeutungen hat. Aber: Sie leben hier in Rotenburg und nutzen alle Angebote der Stadt und des Landkreises, also sollten sie auch etwas über ihre Umgebung kennenlernen.“

Geht es dann weiter für die Schüler zum Beispiel im Ratsgymnasium, werde Rotenburg in eine Vielzahl von Unterrichtsthemen eingebettet, betont Schulleiterin Iris Rehder. Sie nennt Sozialpraktika bei den Rotenburger Werken, Biologieunterricht mit dem Nabu oder Besuche im Amtsgericht, Rathaus sowie bei Konzerten der Stadt. Erst 2018 wurde der Heimatbegriff in der schuleigenen Lesenacht als Oberthema aufgegriffen. Genau dort setzt Rehder ähnlich wie ihre Grundschulkollegin Enders an – denn sie empfindet Heimat vor allem als Standpunkt: „Das heißt, sich auf der einen Seite in dieser Stadt Rotenburg praktisch zurechtzufinden, Wege und Orte zu kennen. Aber auf der anderen Seite auch zu wissen, dass unser Zusammenleben hier von Werten wie gegenseitigem Respekt und Toleranz geprägt ist.“ Von dieser Basis aus könne es dann vom Ratsgymnasium als Europaschule für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen hinaus in die Welt gehen.

Rehder spannt den Bogen vom Begriff Heimat sogar zur Corona-Krise: „Aktuell zeigt die Diskussion über die Ausbreitung des Coronavirus nach meiner Wahrnehmung, wie leicht eine berechtigte Sorge und Vorsicht vor einer Krankheit zu irrationaler Angst vor Fremden und panischer Weiterverbreitung von Gerüchten führen kann.“ Umso mehr sei eine Selbstvergewisserung in einer Heimat wichtig, „weil sie Sicherheit und Standfestigkeit in einer als unsicher und gefährdend wahrgenommenen Situation ermöglicht.“ Und: „Zu Heimat in Rotenburg gehören eben nicht nur die Wümme und das Kartoffelfest im Herbst, sondern auch Offenheit gegenüber Anderen und Fürsorge für Menschen, die Hilfe brauchen.“

Ob Viertklässler diesen Brückenschlag bereits wahrnehmen, bleibt fraglich. Wohl aber klingt das auch bei Sachkundelehrerin Jennifer Hoppe nicht anders, wenn sie sagt, dass Abstraktes in diesem Unterricht konkret wird: „Man geht mit offenen Augen durch die Gegend.“ Und das ist gerade jetzt wichtig.

Grundschulfragen über Rotenburg: Hätten Sie es gewusst?

Ist ja ganz einfach, mal ehrlich: Was ein Viertklässler wissen muss, das kann doch ein Zeitungsleser aus der Kreisstadt aus dem Effeff herunterbeten. Aber ist das so? Testen Sie sich! Die Antworten auf ausgewählte Fragen dieses Tests der Kantor-Helmke-Schule erfahren Sie morgen. Googeln verboten!

.  Wie alt ist Rotenburg ungefähr?

.  Wie hieß das kleine Fischerdorf, an dessen Stelle Rotenburg erbaut wurde?

.  Wann wurde die Burg gebaut?

.   Wer ließ die Burg bauen?

.  Wann wurden die Mauern der Burg endgültig abgetragen?

.  Was bedeutet das Wort „Rodenburg“ wahrscheinlich? Oder welche anderen Erklärungen gibt es für den Namen Rotenburg?

.  Nenne fünf Sehenswürdigkeiten der Stadt!

.  Nenne fünf Aufgaben der Stadtverwaltung!

.  Wie sieht das Wappen der Stadt aus?

.   In welchem Amt meldet man sich nach einem Umzug an oder ab?

.  Es geht um alte Gebäude. Was bezeichnete man dort als Flett, Grotdör und Butze?

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