Hilfe für Kinder möglich

Rechenschwäche: Wenn eins und eins nicht zwei ergibt

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Dyskalkulietherapeutin Heike Winkler macht vor, wie Kinder mit den Händen rechnen. Das ist ein häufiges Zeichen für die Rechenschwäche.

Rotenburg/Zeven - Von Sophie Stange. Sie rechnen mit den Händen und vertauschen Rechenregeln. In ihrem Kopf wenden sie Lösungswege an, die es so nicht gibt. Sie scheitern an den leichtesten Aufgaben und entwickeln mit der Zeit eine Abneigung zur Mathematik.

Mit jeder Note werden die Hoffnungen zerschlagen, es irgendwann einmal zu verstehen. 100.000 Schüler in Niedersachsen leiden an Rechenschwäche. Im Zentrum für Rechentherapie Elbe/Weser in Zeven hilft die Leiterin und Dyskalkulie-Therapeutin Heike Winkler Betroffenen, ein Zahlenverständnis zu entwickeln.

Drei Kastanien liegen auf dem Bürotisch von Heike Winkler. Eine ist klein, die andere hat einen rundlichen Bauch und die letzte eine weiße Färbung auf der Oberseite. „Wir würden sagen, dass es drei Kastanien sind. Doch nicht alle Kinder würden das bestätigen“, sagt die Therapeutin. Anhand des unterschiedlichen Aussehens würden manche Kinder die Kastanien nicht zu einer Menge zusammenfassen. 

Auch das Überblicken und im Kopf zusammenrechnen stellt die Betroffenen vor Probleme. Das Anfassen der Gegenstände oder das Zählen mit den Fingern dient für sie meist als probates Mittel. Im Fachjargon wird die Rechenstörung als Dyskalkulie bezeichnet. Etwa 100.000 Schüler sind laut Landesverband Legasthenie und Dyskalkulie in Niedersachsen von dieser Rechenschwäche betroffen. „Die Dunkelziffer ist höher“, sagt Winkler. Eine Krankheit ist die Schwäche nicht, da es meist keine medizinischen Ursachen dafür gibt. Dennoch hat die Störung enorme Auswirkungen auf die Lebensqualität des Kindes und seines Umfelds.

Leben ohne Mathe ist schwer

„Ich will ein Leben ohne Mathe. Das hat meine Tochter vor der Therapie sehr oft gesagt“, sagt Petra Lehmann*, die Mutter von Lena*. Im Kindergarten konnte die heute Zehnjährige zwar vorwärts bis zehn zählen, aber die Zahlenreihe nicht rückwärts aufsagen. „In der Grundschule rechnete sie mit den Fingern. Die Lehrer sagten, sie sei langsam, aber gründlich und irgendwann würde es Klick machen.“

In einer weiteren Grundschule wurde Nachhilfe empfohlen. Doch erst in der dritten Grundschule in Rhade wurde genauer hingeschaut. Petra Lehmann setzte sich mit der Klassenlehrerin und der Förderschullehrerin zusammen. Die Förderschullehrerin bemerkte anhand von Aufgaben, dass etwas mit Lena nicht stimmt. Sie empfahl der Mutter, das Zentrum für Rechentherapie Elbe/Weser in Zeven aufzusuchen und Lena dort testen zu lassen. 

„So ein Test ist nicht günstig, aber wenn ich mir vorstelle, diesen Stress bis zur zehnten Klasse zu haben, dann nehme ich das in Kauf“, so Lehmann. Akute Mathe-Unlust, Angst in den Unterricht zu gehen, ein geringes Selbstwertgefühl, Wut und Trauer über das wiederholte Scheitern stellten nur einige Folgen dar. „Wir haben uns die Mathearbeiten zusammen angeschaut und versucht, mit ihr zu üben. Wir haben nicht verstanden, warum sie einfache Aufgaben nicht lösen kann. Es sah so aus, als ob sie das Schema einfach nicht verstanden hat. Wir kamen an unsere Grenzen“, gesteht Lehmann.

Genaue Diagnose kann helfen

Der Weg führte Petra und Lena Lehmann schlussendlich zu Heike Winkler in das Zentrum für Rechentherapie. Dort wurde erst eine sogenannte qualitative Diagnose erstellt. Nicht das bloße Rechnen steht dabei im Vordergrund, sondern der Weg zum Ergebnis. „Die Kinder haben ein anderes Verständnis, wie sie Rechenaufgaben lösen. Ich lasse mir genau erzählen, wie sie zum Ergebnis kommen“, so Winkler. Minus ist beim zählenden Rechnen schwerer als Plus, und auswendig gelernte Lösungen reichen in höheren Klassenstufen meist nicht mehr aus, sagt die Therapeutin.

Und so analysiert Heike Winkler erst, wo der Teufelskreis seinen Ursprung hat, um dann dort anzusetzen. Fingerpuppen, Kärtchen mit Aufgaben und Bausteine werden genauso zur Veranschaulichung der Aufgaben genutzt wie ein Blatt Papier oder die Tafel.

Etwa zwei Jahre dauert eine Therapie. Lena ist heute in der fünften Klasse und macht große Fortschritte – sehr zur Freude ihrer Mutter. Der Stress zu Hause sei weniger geworden. Auch die Erfolge in der Schule stellen sich nun ein. „Lena erzählt mir jetzt, wer was in der Schule nicht rechnen kann. Sie rechnet jetzt gerne“, freut sich die Mutter. 

Ein Jahr dauert die Therapie bereits bei Heike Winkler. Das Ziel ist, bis Ende des Jahres den Anschluss an den Schulstoff geschafft und die Rechenschwäche mit den psychosomatischen Folgeerscheinungen in den Griff bekommen zu haben. „Wir sind auf einem guten Weg. Lena hat mir gesagt, dass Mathe nun ihr Lieblingsfach ist“, freut sich Heike Winkler.

*Namen von der Redaktion geändert

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