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Weniger Warnlichter an Rettungsfahrzeugen: Irrsinn

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Von: Ann-Christin Beims

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Zwei Männer sitzen in einem Rettungsfahrzeug und schalten das Blaulicht an.
Im Einsatzfall können die Fahrer mehrere Blinklichter und das Martinshorn anschalten, um auf sich aufmerksam zu machen – das reicht aber nicht immer. © Beims

Warnlicht übersehen, Martinshorn überhört oder Selbstüberschätzung anderer Verkehrsteilnehmer: Unfälle mit Rettungswagen passieren immer wieder. Mit viel Training versucht das Deutsche Rote Kreuz (DRK), Fahrten so sicher wie möglich zu gestalten.

Rotenburg – Immer wieder kommt es zu Unfällen mit Rettungswagen. Zuletzt erst am vergangenen Wochenende während einer Einsatzfahrt von Sottrum Richtung Rotenburg. In Höhe der Abzweigung zur Siedlung Luhne musste die Rettungswagenfahrerin einem entgegenkommenden Auto ausweichen. Sie konnte einen Unfall mit diesem Fahrer durch ein Ausweichmanöver zwar verhindern, aber nicht mit einem in gleicher Richtung wie sie fahrenden Auto. Der Unbekannte hat danach Fahrerflucht begangen.

Diesmal war es ein Verdener Fahrzeug, keines der Rotenburger Rettungswache. Und es wurde niemand verletzt. Dennoch sind Situationen wie diese keine Seltenheit, wissen Rettungsdienstleiter Dirk Richter und der stellvertretende Wachenleiter Nils de Boer nur zu gut. „Es passiert ständig, geht aber meist glimpflich aus“, sagt de Boer. So bleibt es oft bei Blechschäden, selten kommt es zu Personenschäden. Im Fall des Verdener Fahrzeugs sind sofort Einsatzkräfte aus Rotenburg ausgerückt, um den Patienten zu übernehmen und ins Diakonieklinikum zu bringen.

Die höchste Unfallgefahr liegt beim Überqueren von Ampeln. In Rotenburg ist insbesondere die Ärztehauskreuzung eine gefährliche Ecke. „Das sind unvorhersehbare Situationen, da muss man auf alles gefasst sein“, sagt de Boer. Andere Verkehrsteilnehmer können durch einen nahenden Rettungswagen überfordert sein, manche reagieren panisch oder schlicht zu spät, andere schätzen die Entfernung falsch ein. „Das sind Stresssituationen“, zeigt er Verständnis. Dennoch sollten die Menschen umsichtiger hinter dem Steuer sein, wünscht er sich.

Mehr Umsicht anderer Verkehrsteilnehmer

Manche zeigen auch gar kein Verständnis, überholen teils riskant. Nicht immer ist es das Ziel der Helfer, möglichst schnell anzukommen, erklärt de Boer. „Sondern besonders schonend.“ Zum Beispiel bei Inkubatorfahrten. Das heißt, dass ein Krankenwagen mit Blaulicht außerorts auch mal nur mit 70 Stundenkilometern fährt oder besonders sacht um Kurven. Abstand halten sei wichtig, „damit wir weiter fließend vorankommen, ohne zu bremsen“.

Hinzu kommt, dass die Fahrzeuge heutzutage sicherer werden, aber Geräusche zunehmend abgeschirmt durch Schallschutz. „Akustische Warnsignale werden nicht mehr wahrgenommen“, weiß der Notfallsanitäter. Umso wichtiger scheinen die blinkenden, markanten Lichter zu sein. Und nicht nur oben auf dem Fahrzeug, sondern gerade im Stadtverkehr auf Augenhöhe anderer Verkehrsteilnehmer durch die Front- und Seitenblitzer.

Doch wird das nach Verordnung des Bundesverkehrsministeriums geändert: Die Anzahl der Warnleuchten soll reduziert werden, um die Gefahr zu verringern, andere Verkehrsteilnehmer zu blenden. Ein Blaulichtpaar vorn, eins hinten, mehr nicht. „Irrsinn“, kommentiert de Boer. „Licht ist Leben, wir müssen möglichst auffällig sein.“ Durch das blaue Blinken wissen andere Fahrer, dass Vorsicht geboten ist. Gerade innerorts sehen diese die in der Mitte angebrachten Lichter eher als die Blaulichtpaare auf dem Dach.

Der stellvertretende Wachenleiter Nils de Boer zeigt die Front- und Seitenblitzer am Rettungswagen.
Der stellvertretende Wachenleiter Nils de Boer zeigt die Front- und Seitenblitzer am Rettungswagen. © Beims

Zwar genießen vorhandene Wagen Bestandsschutz, die Verordnung greift aber bei neuen Wagen. Derzeit erhält die Rettungswache vier neue Fahrzeuge. Die werden immer weiter optimiert – zum Beispiel durch Rückfahrkameras und Sitzplatzerkennung – und sicherer gestaltet, aber die Verordnung „ist eine Rolle rückwärts“, verdeutlicht de Boer.

Bedenkt man die hohe Kilometerzahl, die alle DRK-Fahrzeuge im Landkreis pro Jahr zurücklegen, sei es aber so, dass es „relativ wenig Unfälle gibt“, meint Richter. Allein 2021 waren 1,2 Millionen Kilometer auf den Tachos. Die neue Regelung könnte allerdings wieder für mehr Unfälle auf den Straßen sorgen, befürchten viele Einsatzkräfte.

Viele Fahrsicherheitstrainings

Um dennoch so sicher wie möglich durch die Straßen zu kommen, gibt es für alle Neulinge extra Fahreinweisungen und für alle Mitarbeiter regelmäßige Sicherheitstrainings, um beispielsweise „außergewöhnliche Fahrmanöver“ wie Schleudern zu üben. „Das hat sich bewährt“, sagt de Boer. „Das machen wir seit einigen Jahren intensiv und gerade die Jüngeren fühlen sich sicherer mit den Fahrzeugen.“

Dabei trainieren sie in Rotenburg auch Fahrten durch enge Straßen und auch am Krankenhaus sei die Lage nicht immer einfach: Heute stehen mehr Fahrzeuge vor der Notaufnahme als ursprünglich geplant. „Dann geht das Rangieren los und man muss einen kühlen Kopf bewahren“, erklärt de Boer. Doch passieren Unfälle, so schlimm das auch ist, lässt sich daraus auch lernen. Sie werden bewertet, Verbesserungsmaßnahmen ergriffen. Einer der letzten schlimmen Unfälle mit Totalschaden und verletzten Einsatzkräften war 2015. „Danach hat sich viel an den Fahrzeugen verändert, um sie für uns sicherer zu machen.“

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