INTERVIEW AM WOCHENENDE Der IHK-Präsident über die Wirtschaftslage im Elbe-Weser-Raum

„Wenige Gewinner, viele Verlierer“

IHK-Präsident Matthias Kohlmann
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IHK-Präsident Matthias Kohlmann

Rotenburg – Matthias Kohlmann ist seit einem Jahr Präsident der IHK Stade für den Elbe-Weser-Raum. Kohlmann möchte sich im kommenden Jahr der neu gewählten Vollversammlung noch einmal zur Wahl stellen. In einem Gespräch mit der Kreiszeitung spricht der Geschäftsführer der „FAUN Gruppe“ über das derzeit alles bestimmende Thema: Corona und die Auswirkungen.

Herr Kohlmann, von welchem Gewicht ist das Thema Corona beim Blick auf die Mitglieder der IHK für den Elbe-Weser-Raum?

Um ein Meinungsbild zu bekommen, haben wir immer wieder Blitzumfragen durchgeführt. Was wir gesehen haben: Ein einheitliches Bild zu Corona gibt es in den Betrieben nicht. Die Dramatik steckt im Detail. Weniger betroffen ist zum Beispiel die Bauindustrie. Da gibt es Auftragspolster. Vereinzelt gibt es sogar Branchen, die die große Nachfrage kaum decken können. Besonders stark betroffen hingegen ist der Einzelhandel, der vorkommissionieren muss – zum Beispiel bei der Bekleidung. Die Einbrüche hier liegen bei 70 bis 80 Prozent. Und dann gibt es natürlich Unternehmen, die lange Zeit hart vom Lockdown betroffen waren oder sogar bis heute gar nicht arbeiten können, Reise- und Transportunternehmen etwa. Eine allgemeine Prozentzahl hat daher wenig Aussagekraft. Auf jeden Fall gibt es nur ganz wenige, die nicht betroffen sind. Das hat verschiedene Konsequenzen: Die einen sagen, sie fahren die Investitionsabsichten zurück, die anderen kämpfen schlichtweg um die Existenz. Spannend wird es, wenn das Insolvenzrecht wieder normal gilt. Was dann hochkommt, lässt sich schwer abschätzen. Dahinter steckt eine große Dramatik. Es gibt wenige Gewinner und viele Verlierer.

Die Politik hat viel unternommen. Wie gefallen Ihnen diese Maßnahmen bisher?

Sehr gut. Denn der erste Punkt überhaupt ist Existenzsicherung. Wie kann ich überbrücken? Das ist das A und O. Das hat funktioniert. Die erste Hilfe ist da gewesen. Auch die zweite Hilfe. Auch die Hilfe mit dem Kurzarbeitergeld, um die Beschäftigten zu halten. Aber wichtig ist auch die Frage, wie ich wieder Vertrauen der Kunden und eine Attraktivität herstelle, damit die Kunden wieder in die Städte und in die Ortschaften gehen und einkaufen. Da finde ich es sehr gut, dass es Regularien gegeben hat, die auch mal wieder in der Überprüfung waren. Wir können wieder einkaufen gehen. Wir haben die Maske, wir haben den Abstand von 1,50 Meter. Es wurden Wege gefunden, um mit der Situation umzugehen. Das finde ich sehr wertvoll. Auch das Krisenmanagement der Landesregierung halte ich für sehr gut. Um unsere Betriebe stets aktuell über die Entwicklungen auf dem Laufenden zu halten, haben wir als IHK einen speziellen Corona-Newsletter herausgegeben.

Viele der mehr als 44 000 IHK-Mitglieder werden sich direkt an die Geschäftsstelle gewandt haben. Was war denn bei der IHK so los?

Der Draht glühte. Über 5 000 Unternehmen haben wir mit unseren ad hoc gebildeten Beraterteams unterstützt. Gleichzeitig mussten wir die Mitarbeiter der IHK selbst schützen. Dafür haben wir Schichtbetrieb eingeführt und die räumliche Situation entzerrt. Auch das mobile Arbeiten von zu Hause gehörte zu den Sicherheitsmaßnahmen. So konnten wir die Flut an Anfragen bewältigen. Dazu bedarf es des vollen Einsatzes der einzelnen Mitarbeiter. Vollversammlung und Präsidium haben den Mitarbeitern immer wieder zu verstehen gegeben, dass sie einen tollen Job gemacht haben.

Was waren die häufigsten Fragen und Problemlagen?

Neben der Soforthilfe war es die Kreditvergabe. Wie komme ich an Überbrückungskredite? Welche Kriterien muss ich erfüllen? Wie habe ich den Bogen auszufüllen? Und dann sogar hinterher noch die Bearbeitung solcher Anfragen, als die „NBank“ selbst nicht mehr hinterher kam.

Massiv und am längsten haben die gastronomischen Betriebe gelitten. Wie bewerten Sie, was diese Kollegen alles auf die Beine gestellt haben, und wie bewerten Sie die Zukunft dieses Bereiches?

Die typischen Urlaubsregionen, besonders an der See, konnten im Sommer einiges wieder kompensieren – zum Beispiel in Cuxhaven und dem Umland. Betriebe im Binnenland hingegen, die auf große Familienfeiern und Feste spezialisiert sind, leiden nach wie vor sehr. Auch andere Rahmenbedingungen spielen eine Rolle: Mit Eigentum etwa habe ich nicht die Last der Miete. Dann kann Kurzarbeit erstmal entlastend wirken. Ist aber alles fremdfinanziert, wird es eng. Da kann man auch nichts beschönigen.

Die Zeit ist geprägt von Ungewissheit, die Zahlen gehen wieder hoch. Was macht das mit Ihnen als Präsident der IHK?

Es kommen schon Emotionen hoch. Rücksichtsloses Verhalten darf nicht sein. Jeder Einzelne trägt mit seinem Verhalten die Verantwortung dafür, wie sich die Situation weiter entwickelt. Wir haben Regelungen und Bestimmungen, die sinnvoll sind und eingehalten werden sollten. Wenn ich zum Beispiel aus meinem Urlaub wiederkomme, darf es nicht sein, dass ich in meinen Betrieb gehe und nicht sage, dass ich in einem Risikogebiet war, mich nicht testen lasse und das Risiko eingehe, dass mein Betrieb stillgelegt wird für einen Zeitraum. Wir müssen die Durchgängigkeit der Produktion und der Leistungserbringung in den Betrieben ermöglichen und schützen. Das ist ganz wesentlich. Darauf sollte jeder einzelne Bürger achten. Sonst machen wir selbst unsere eigene Infrastruktur kaputt.

Welche Konsequenzen müssen Unternehmer aus dieser Krise ziehen?

Krisen sind ein Beschleuniger – von Entwicklungen, die ohnehin schon ein Stück weit da waren. Das klassische Beispiel: Um die Mitarbeiter zu schützen, haben viele Unternehmen überlegt, wie sich eine Entzerrung finden lässt. Also kommt das mobile Arbeiten. Das hat keiner groß geplant, das ist einfach passiert. Diese Veränderung wird man auch nicht mehr auf Null zurückdrehen. Jetzt gilt es, dafür auch einen guten Rahmen zu finden – auch in Zusammenarbeit mit den Betriebsräten. Dabei geht es beispielsweise um die sinnvolle Darstellung von Arbeitszeitnachweisen.

Dabei geht es sicherlich auch um das Thema Digitalisierung. Welche Hoffnungen haben Sie in diesem Bereich mit Blick auf die fünf Landkreise, die zu Ihrer IHK gehören?

Es gab ja schon Impulse und Projekte, um Unternehmen zu unterstützen. Auch im Einzelhandel. Es gibt zum Beispiel Internetplattformen. Und es gibt Pilotprojekte, die sehr schnell jetzt entstanden sind. Börsen und Shops – auch mit mehreren zusammen. Wir bieten Kurse an, wir bringen die Händler zusammen. Es gibt Fördermittel. Da beraten wir. Es zeigt sich jetzt besonders deutlich, dass digitaler und stationärer Handel sich nicht unvereinbar gegenüber stehen, sondern im Gegenteil sehr gut ergänzen.

Ab Mitte September wird die Vollversammlung der IHK neu gewählt. Die hat Gewicht. Inwieweit muss sich die IHK vielleicht noch mehr einmischen, wenn es um die Digitalisierung geht? Es braucht Leitungen und Antennen. Das Netz muss besser werden. Welche Möglichkeiten hat die IHK, da für noch mehr Schwung zu sorgen?

Die IHK hat die tolle Möglichkeit, durch eine offene Tür zur Landesregierung zu gehen und zu sagen: Hier, diese Projekte müssen jetzt forciert werden. Hier sind besonders dunkle Stellen, hier fehlt etwas. Wir sind in Kontakt mit den verschiedenen Ministerien, die natürlich auch zusammenspielen müssen. Und da gibt es auch ein offenes Ohr. Es gibt schon Projekte in der Umsetzung, um abgelegene Regionen zu erschließen. Mit dem Breitbandzentrum Niedersachsen in Osterholz-Scharmbeck haben dafür wir einen wichtigen Partner in der Region.

Wie wichtig ist denn inzwischen das Internet als Standortfaktor?

Es ist schon kein Wettbewerbsfaktor mehr, es ist eine Grundvoraussetzung, es muss einfach da sein. Es ist eine Basisstruktur.

Genau, es ist eine Basisstruktur. Aber warum muss man den Eindruck haben, dass das an vielen Stellen bis heute nicht verstanden worden ist?

Ein Teil kann damit zusammenhängen, dass es Bürokratie gibt. Wie wird etwas vergeben? Wie gibt es Genehmigungen, Gräben zu ziehen? Wer bezahlt? Wer geht in Vorleistung? Da ist ein Punkt, wo sich die IHK stark macht, wenn es um die Frage geht, wo es ein Stück Entbürokratisierung gibt. Wenn wir informiert sind über Gesetzesvorhaben, geben wir auch unsere Meinung dazu ab. Und was die Anbindung betrifft, darf es nicht sein, dass ungleiche Lebensverhältnisse entstehen und ein Bereich abgehängt wird.

Kommen wir noch einmal zurück zu den Konsequenzen, die aus der Krise zu ziehen sind. Was hat sich neben dem Weg ins Home Office noch geändert und wird sich über die Krise hinaus halten?

Existenzsicherung und das Vertrauen wiederherzustellen, damit Konsum entsteht und wir attraktive Innenstädte haben. Aber auch in der Produktion wird sich etwas ändern. Woher kommen meine Waren? Und wie ist das mit dem freien Verkehr von Waren und Dienstleistungen? Wir sind jetzt an einem Punkt, an dem manche Warenströme vielleicht doch überdacht werden. Von welchen Märkten bin ich abhängig, von denen ich vielleicht mal ganz schnell abgeschnitten bin? Ich denke, man schaut sich nicht mehr nur um nach dem Motto „Hauptsache billig“, sondern fragt sich, wie gesichert die Versorgung ist. Und dann gewinnt Europa noch einmal einen ganz anderen Stellenwert. Da sind wir nah dran.

Glauben Sie wirklich, dass sich in diesem Punkt etwas nachhaltig verändern wird?

Es wird sich verändern. Es hat sich auch schon verändert, was nicht zurückgedreht wird. Einmal das mobile Arbeiten, aber auch virtuelle Sitzungen, weil weniger geflogen wird. Der direkte menschliche Kontakt und Austausch bleiben wichtig, werden jedoch künftig auf das Notwendige beschränkt werden. Auch das Wegfallen der nationalen und internationalen Messen war einschneidend. Die Unternehmen müssen sich fragen: Wie komme ich zu meinem Kunden? Wie kann ich meine Produkte vermarkten? Wie bekommen Innovationen die nötige Aufmerksamkeit? Da gibt es auf jeden Fall Verschiebungen, Dinge, die sich nicht mehr zurückdrehen lassen.

Wie schmal ist denn aus Ihrer Sicht dieser Grat der langfristigen Veränderung? Wann wird das gefährlich?

Es ist eher gefährlich, wenn Stagnation eintritt: Am besten gehe ich nicht mehr ins Restaurant, mache kein Geschäftsessen mehr, übernachte nirgends und fliege nicht mehr. Das ist dieser Schlüssel, den ich sehe für den Blick nach vorne. Eine sehr banale Aussage, die aber meiner Meinung nach sehr wesentlich ist: Der Schlüssel, um auch durch diese Krise zu kommen, wird Konsum sein. Konsum im Privaten, der Konsum aber auch in der Wirtschaft, die Investition in neue Anlagen und die Bereitschaft, ins Risiko zu gehen. Das gilt aber auch für die Investitionen in den Kommunen, auch wenn die Gewerbesteuereinnahmen zurückgehen werden, das ist Fakt. Aber das ist die große Chance, die wir haben, wenn wir nach vorne gehen in den Konsum. Die Möglichkeiten, die da sind, sollten wir wirklich nutzen.

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