INTERVIEW Kerstin Blome über den Frauentag in Zeiten der Pandemie

„Schnell wieder in alten Mustern“

Die Gleichstellungsbeauftragte Kerstin Blome steht im Rotenburger Rathaus.
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Kerstin Blome ist die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Rotenburg.

Zum internationalen Frauentag am 8. März spricht Rotenburgs Gleichstellungsbeauftragte Kerstin Blome im Interview über die Folgen der Pandemie und warum Gleichberechtigung noch immer ein fragiles Gebilde ist.

  • Frauen sind stärker von den Folgen der Pandemie betroffen.
  • Homeoffice plus Kinderbetreuung: Eltern an der Belastungsgrenze.
  • Rückschritte in der Gleichberechtigung.

Rotenburg – Der 8. März ist ein besonderer Tag für Kerstin Blome. Schließlich ist es der Internationale Frauentag. Ein Tag, den die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Rotenburg gerne nutzt, um auf Frauenrechte und auf das Bemühen um Gleichberechtigung hinzuweisen.

Frau Blome, der Frauentag in der Pandemie. Was ist damit diesmal anders als sonst?

Der Internationale Frauentag ist dieses Jahr komplett anders als sonst. Es ist ja traditionell ein Tag, an dem Frauen auf die Straße gehen, demonstrieren oder sich auf Veranstaltungen treffen und öffentlichkeitswirksam auf frauenrelevante Themen aufmerksam machen. All das ist dieses Jahr nicht möglich. Natürlich gibt es vielerorts trotzdem Aktionen, größtenteils online, dadurch fehlt aber die Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit.

Muss man davon ausgehen, dass der Frauentag und die damit verbundenen Anliegen der Frauen diesmal deutlich von den Geschehnissen der Pandemie überschattet werden?

Ich denke schon.

Stichwort Pandemie: Inwieweit leiden vor allem Frauen unter den Folgen von Corona?

Es gibt ja mittlerweile diverse Studien zu dem Thema, die zu dem Ergebnis kommen, dass Frauen stärker von den Folgen der Pandemie betroffen sind. Es waren vermehrt Frauen gezwungen, ihre Erwerbstätigkeit zu reduzieren oder komplett aufzugeben, weil Schulen und Kitas geschlossen waren. Die Schließung von Schulen und Kitas wurde und wird überwiegend von Frauen kompensiert, die diese Betreuung zusätzlich zur Arbeit im Homeoffice – soweit möglich –, übernommen haben oder durch Arbeitszeitreduzierung oder den kompletten Ausstieg aus dem Job.

Und das bringt sie an ihre Grenzen.

Die Lohnkompensation aufgrund von Kinderbetreuung, die im Infektionsschutzgesetz vorgesehen ist in Höhe von 67 Prozent, ist lückenhaft. Zum Beispiel haben die Personen keinen Anspruch, denen der Arbeitgeber Homeoffice ermöglicht. Vielfach bedeutet das Homeoffice plus Betreuung kleiner Kinder und Homeschooling älterer Kinder. Viele Mütter, aber auch Väter, sind dadurch an ihrer Belastungsgrenze angelangt. Besonders hart trifft es die Alleinerziehenden, und das sind nun mal überwiegend Frauen. Sie wurden zunächst von der Politik schlicht „vergessen“ und hatten im ersten Lockdown, sofern sie nicht in einem systemrelevanten Beruf arbeiteten, noch nicht einmal Anspruch auf einen Notbetreuungsplatz. Während der Pandemie haben vor allem Minijobber ihren Job verloren. Minijobs werden aber vor allem von Frauen ausgeübt – nach dem klassischen Zuverdienermodell. Sie beziehen jetzt aber weder Arbeitslosengeld noch haben sie Anspruch auf Kurzarbeitergeld. Ein weiteres Thema ist der Anstieg häuslicher Gewalt und die Schwierigkeit, sich unter Lockdown-Bedingungen Hilfe zu holen. Diese Aufzählung kann noch beliebig erweitert werden.

Steht jetzt zu befürchten, dass viele der in den vergangenen Jahren erreichten Erfolge im Sinne einer gelungenen Frauenpolitik und Gleichberechtigung dauerhaft zunichtegemacht werden?

Ich hoffe nicht. Ich hoffe im Gegenteil, dass die Pandemie bei vielen, Frauen wie Männern, das Bewusstsein dafür geschärft hat, was gründlich schief gelaufen ist. Dass viele sagen: „Das wollen wir nicht noch einmal erleben!“ Es zeigen sich ja, wenn auch zögerlich, erste Reaktionen der Politik, die versucht, Lehren aus dem ersten Lockdown im vergangenen Jahr zu ziehen und zum Beispiel die Anliegen von Familien stärker in den Fokus zu rücken. Der Frage der Öffnung von Schulen und Kitas wurde zum Beispiel insgesamt viel mehr Bedeutung beigemessen als im vergangenen Jahr. Auch ist die Systemrelevanz von traditionellen Frauenberufen in Erziehung, Pflege und Einzelhandel in der Pandemie sehr deutlich sichtbar geworden. Es bleibt zu hoffen, dass dies jetzt endlich zu mehr gesellschaftlicher Anerkennung, auch finanzieller Art, führt.

Inwieweit sind Sie selbst in diesem Jahr in der Lage, zum Frauentag aktiv zu werden?

Meine Kollegin vom Landkreis, Kaja Weße, und ich hatten eigentlich eine Veranstaltung geplant, zu der wir Frauen einladen und den Film „Woman“ zeigen wollten. Das geht nun leider nicht. Das wollen wir aber so schnell wie möglich nachholen.

An welchen Stellen können Sie zurzeit ganz konkret im Sinne der Gleichberechtigung vorgehen?

Als kommunale Gleichstellungsbeauftragte kann ich zum Beispiel Frauen in Bezug auf Themen wie Notbetreuung beraten oder bei Problemen mit dem Arbeitgeber aufgrund fehlender Kinderbetreuung. Darüber hinaus gibt es die regionalen, landes- und bundesweiten Zusammenschlüsse der Gleichstellungsbeauftragten, in denen wir uns mit ganz konkreten Forderungen an die Politik wenden, um den Anliegen von Frauen und Familien dadurch Gehör zu verschaffen.

Warum ist es so, dass wieder einmal die Frauen – zumindest viele von ihnen – angesichts der aktuellen Situation den Großteil der Last zu tragen haben?

Das ist eine gute Frage. Sicherlich hat das größtenteils strukturelle Ursachen. Nach wie vor verdienen viele Frauen weniger als ihre Männer. Da sind es dann häufig einfach finanzielle Gründe, warum Frauen zu Hause bleiben und das Homeschooling übernehmen. Viele Frauen arbeiten in Teilzeit und übernehmen im Alltag immer noch den Großteil der Hausarbeit, da scheint es dann fast selbstverständlich, dass sie jetzt eben „noch ein bisschen mehr“ machen. Aber es sind auch die immer noch in der Gesellschaft vorherrschenden Rollenbilder, die stark zu dieser Situation beitragen. Da müssen wir uns als Gesellschaft schon fragen, welches Bild wir von Frauen und vor allem von Müttern immer noch haben.

Lässt sich daraus schließen, dass die bislang erreichte Gleichberechtigung immer noch ein fragiles Gebilde in unserer Gesellschaft darstellt?

Ich denke, die aktuelle Situation zeigt sehr deutlich, wie fragil Gleichberechtigung immer noch ist. Zwar hat es ja durchaus Fortschritte in den vergangenen Jahrzehnten gegeben, vor allem in Sachen Ausbau der Kinderbetreuung, Einführung der Partnerschaftsmonate beim Elterngeld und Elterngeld plus. Aber einer Erschütterung wie sie die Corona-Pandemie jetzt darstellt, halten diese Entwicklungen nicht stand. Da verfallen wir dann ganz schnell wieder in alte, überkommen geglaubte Muster.

Wie lässt sie sich sichern für die Zukunft, in der wir hoffentlich bald Corona überstanden haben?

Es wäre wünschenswert, Corona zum Anlass zu nehmen, um unser Gesellschaftsmodell grundsätzlich und kritisch zu hinterfragen. Corona hat sehr viele Schwachstellen deutlich zutage treten lassen und viele negative Entwicklungen weiter verschärft, nicht nur in Sachen Gleichberechtigung. Die Folgen der Pandemie sind ja nicht für alle gleich. Die, die schon vorher sozial abgehängt waren, bekommen die Folgen viel deutlicher zu spüren. Auch die Ungerechtigkeiten des deutschen Bildungssystems haben sich weiter verschärft und so weiter.

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