Welches Unglück der Försterfamilie Peters vor 100 Jahren wiederfuhr

Der Schuss durch das Fenster, der die Liebste traf

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Das Forsthaus Luhne um 1916. Errichtet wurde es bereits im Jahr 1741. Wer die Menschen auf dem Foto sind, ist nicht bekannt.

Rotenburg - Von Elisabeth Stockinger. Viele Geschichten, vor allem Gerüchte, ranken sich um das, was am 6. November des Jahres 1915 am Forsthaus Luhne passiert ist. An jenem Tag erschoss der Forstgehilfe Willy von Seebach die Ehefrau seines Arbeitgebers, Clara Maria Peters, und richtete sich anschließend selbst. Belegt ist dies durch Zeitungsmeldungen sowie durch eine Todesanzeige. Doch welcher Grund trieb den 18-jährigen von Seebach zu dieser Tat?

„Durch ein grausames Geschick wurde uns heute meine liebe Frau und meiner Kinder liebende Mutter Frau Clara Peters in ihrem 37. Lebensjahre plötzlich durch den Tod entrissen. In tiefer Trauer: Förster Peters, Ferdinand Peters, Annemarie Peters.“ Die Todesanzeige im Rotenburger Anzeiger ließ viel Raum für Spekulation. Wer hatte die Anzeige in Auftrag gegeben, welch „grausames Geschick“ ist dort beschrieben? Warum musste Clara Peters so früh aus dem Leben scheiden?

„Es ist tatsächlich hier passiert, hier, wo wir gerade sitzen.“ Henning Küper lehnt sich im Stuhl seines Arbeitszimmers im Forsthaus Luhne zurück. Seit seiner Ankunft in der Revierförsterei Luhne vor gut 30 Jahren ist ihm die Geschichte des Mordes im Jahr 1915 immer wieder begegnet. „Es gibt viele Varianten“, erzählt er. Ihn hat der Mord – und Selbstmord – beschäftigt. Lange Zeit hat er die Hintergründe recherchiert. Ob die folgende Geschichte vollständig der Wahrheit entspricht – der Revierförster vermag es nicht zu sagen. Ihm erschien sie allerdings am plausibelsten.

Demnach war die Förstersfrau Clara ein Verhältnis mit dem Gehilfen Willy von Seebach, dessen Familie aus Ottersberg stammt, eingegangen. Ihr Ehemann weilte fern von der Heimat als Feldwebelleutnant in einem Infanterie-Regiment. Doch Clara und Willy wurden in kompromittierender Situation überrascht – von wem, ist nicht überliefert. Clara sah sich gezwungen, die Affäre unverzüglich zu beenden. „Willy hat dieses Beziehungsaus nicht verwunden“, berichtet Küper. „Er war zutiefst verletzt.“

Wie es in der Meldung des Rotenburger Anzeigers heißt, „spielte sich in unserem so friedlichen idyllisch gelegenen Forstorte Luhne heute Nachmittag ein blutiges Drama ab, dem zwei Menschenleben zum Opfer fielen“. So wurde Clara „von dem bei ihr seit etwa einem Jahre wohnenden 18-jährigen Forsteleven v. S. hinterrücks aus seiner Schlafstube erschossen, als sie mit ihrem sechsjährigen Töchterchen an der Hand auf dem Hofe ihrer Arbeit nachging. Die erste abgegebene Kugel traf Frau P. in die linke Hüfte, während die zweite, die tödliche, die Brust traf. Hiernach schoss er sich selber eine Kugel in den Mund, die seinen sofortigen Tod herbeiführte. Was den v. S. zu dieser unseligen Tat veranlasste wird wohl stets ein Geheimnis bleiben. Zur Feststellung des Tatbestandes erschien noch am Abend eine Gerichtskommission“.

Den Bericht eben dieser Kommission zu finden, das hat Förster Küper lange Zeit versucht. „Das war aber nicht möglich.“ Womöglich existierten die Aufzeichnungen von damals gar nicht mehr. Auch bei der Staatsanwaltschaft Verden war Küper erfolglos. Nur aus dem Archiv der evangelischen Stadtgemeinde erhielt er eine fernmündliche Auskunft: „Der Forstgehilfe v. Seebach erschoss am 6. November 1915 die Förstersehefrau Clara Maria Peters, geborene Hinrichsen.“

Dass sich die Geschichte aber eben so zugetragen hat, ergibt für Küper spätestens seit dem Zeitpunkt einen Sinn, an dem er den Gedenkstein fand. Ein Mahnmal, das die Eltern des Forstgehilfen Willy im Jahr 1927 aufstellen ließen. Wo genau: Das verrät der Förster nicht. „Er ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.“ Nur soviel: „Er steht versteckt, tief im Wald.“

Die verwitterte und teilweise nicht lesbare Inschrift lautet: „Willy von Seebach, geboren am 7. Januar 1897, gestorben am 6. November 1915. Im Walde hast Du als junger Forstmann gehngelernt. Im Walde hat Dich schnell [???] ein jäher Tod ereilt. Im Walde hat Dir aus übergroßem [???] Leid Du heißgeliebter Sohn dies Mal geweiht. V. [???] von Seebach. 1927. M.D. O.B.“

„Die Eltern des Forstgehilfen müssen unter den Ereignissen sehr gelitten haben“, mutmaßt Küper. Aus diesem Grund hätten sie den Gedenkstein aufstellen lassen. „Das ist das einzig Positive, das ich dem Ganzem abgewinnen kann – dass der Stein als Erinnerung an das Geschehene, als Mahnung dient.“

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