Ausgabeleiter der Rotenburger Tafel

Hero Feenders im Interview: „Welcher Syrer kennt Grünkohl?“

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Trotz aufwendiger Logistik schauen Ausgabeleiter der Rotenburger Tafeln Hero Feenders (r.) und Khaled Atriss gelassen in die Zukunft.

Rotenburg - Wie gehen wir mit der Nahrung um, deren Haltbarkeitsdatum abgelaufen, die aber noch genießbar ist? Seit vielen Jahren haben sich die Tafeln auf die Fahnen geschrieben, Lebensmittel vor der Vernichtung zu retten und Bedürftigen zur Verfügung zu stellen. Was sich aus dieser Idee entwickelt hat und warum ein Übermaß an Öffentlichkeit gerade zum Jahresende nicht unbedingt wünschenswert ist, verrät uns Hero Feenders, Leiter der Rotenburger Tafel.

Herr Feenders, man möchte doch meinen, dass karikative und vom Ehrenamt und Spenden getragene Einrichtungen wie die Tafeln Öffentlichkeit gut gebrauchen können?

Hero Feenders: Das mit der Öffentlichkeit ist eine zweischneidige Sache. Das hängt auch mit unserer Kundschaft zusammen – viele wollen sich verständlicherweise nicht unbedingt gern im Fernsehen oder in der Zeitung sehen. Sentimentale Berichte zu Weihnachten, die auf die Tränendrüse drücken und die Mitleidsmasche bedienen, haben ein Geschmäckle. Das haben unsere Kunden nicht verdient. Dass sie zu uns kommen, ist nicht selbst verschuldet, sondern Teil der Politik unseres reichen Staates. Die Tatsache, dass Tafeln überhaupt nötig sind, ist eine Schande.

In solchen Berichten geht es viel um Altersarmut. Spielt das auch bei Ihren Kunden eine Rolle? Was für Menschen kommen zu Ihnen?

Feenders: Bundesweit sind 350 000 der Tafelkunden Rentner, vor allem Frauen, die früher nicht arbeiten gehen durften und jetzt als Folge geringe Renten bekommen – diese Spätfolgen spiegeln sich auch bei uns wieder. Aber es sind auch Männer, die nicht mehr ins Arbeitsleben vermittelbar sind, darunter Akademiker, deren Master-Studiengang zu eng für den Arbeitsmarkt gefasst war. Das ist eine komplexe Sache, die alle Sektoren berührt: die Bildungs-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik. Gemeinsam ist all diesen Menschen: Das haben sie nicht verdient. Deshalb ist es auch wichtig, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen und zu vermitteln, dass man sie als Menschen schätzt.

Werden Ihre ehrenamtlichen Mitarbeiter eigentlich besonders geschult?

Feenders: Die rund 80 ehrenamtlich Engagierten bringen in der Regel eine hohe soziale Kompetenz und Freude am Umgang mit Menschen mit. Viele kommen über Mund-zu-Mund-Propaganda zu uns. Es ist nicht zu unterschätzten, sich viereinhalb Stunden lang auf unterschiedliche Sprachen und Ansprüche einzustellen, aber auch Grenzen zu setzen. Das ist ein harter Job. Manchmal gilt es auch, mit falschen Erwartungen aufzuräumen: Wir sind kein Vollsortimenter, wo es alles umsonst gibt, sondern ein ergänzendes Angebot. Wir wollen zur finanziellen Entlastung unserer Kunden beitragen und so dabei helfen, was hochgestochen als „gesellschaftliche Teilhabe“ bezeichnet wird: Von den gesparten zehn Euro zum Beispiel im Monat können sie sich mal etwas gönnen – eine Fahrt nach Bremen, einen Kinobesuch…

Wie läuft denn die Verständigung gerade mit den Geflüchteten, die ja einen guten Teil Ihrer Kunden ausmachen?

Feenders: Unser Mitarbeiter Khaled Atriss, der übergreifend auch von den Ausgabestellen Visselhövede, Sottrum und Scheeßel angefordert werden kann, hilft als Sprachmittler für arabische Sprachen, für Sozialberatung, als Anlaufstelle bei Behördenschreiben, aber auch konkrete Fragen: „Ist das halal?“ und gibt Zubereitungstipps – welcher Syrer kennt schon Grünkohl?

Wie war die Entwicklung in den vergangenen Jahren – ein Anlass zur Sorge?

Feenders: In den letzten eineinhalb Jahren hatten wir in Rotenburg einen wahnsinnigen Zuwachs, von 280 auf 388 Kunden. Wir waren kurz vor der Reduzierung von zwei auf eine Ausgabe pro Woche pro Person, mussten das aber glücklicherweise nicht umsetzen. Wir hatten zum Teil mehr als 90 Menschen pro Ausgabetag – mehr wäre räumlich, aber auch zeitlich nicht zu leisten gewesen. Dabei haben die Geflüchteten auf dem Campus sich selbst versorgt – weitere 200 Menschen hätten wir nicht bewältigen können. Wir mussten aber noch nie Kunden mit leeren Händen nach Hause schicken. In knapperen Zeiten – im Frühwinter kalkulieren die Supermärkte enger, das bekommen wir auch zu spüren – greifen wir auf haltbare Nahrungsmittel zurück, die uns gelegentlich von Privatleuten gestiftet werden oder aus Überproduktionen stammen. Dafür sind wir dankbar.

Hat sich da nicht der Fokus verschoben: Weg vom Urgedanken der Lebensmittelrettung zum sozialen Auffangen Bedürftiger?

Feenders: Ja, das ist auch so ein Punkt: Der Staat nimmt sich wegen fehlender Mittel aus der Verantwortung heraus. In allen Bereichen, ob Bürgerbus oder Schulförderverein, der in der Schule Computer finanziert, werden öffentliche Aufgaben wegen fehlender Mittel von Privatinitiativen übernommen. Die Widersprüchlichkeit dessen, was wir tun, nehme ich hin, weil ich die Bedürftigkeit der Menschen sehe. Und es geht nicht nur um finanzielle Entlastung, sondern auch um Ansprache. Einzelne sind seit zehn Jahren hier, da entstehen auch Beziehungen. Einige Kunden helfen hier regelmäßig selbst mit.

Wie sehen Sie in die Zukunft?

Feenders: Gelassen. In Rotenburg gibt es genügend Supermärkte, aber auch Bäckereien oder Schlachter, die uns Waren schenken. Und es gibt genug Menschen, die eine soziale Verantwortung spüren. Ein schönes Beispiel: Unsere Aktion „Mietmachen: 12 x 10“ läuft nach wie vor und finanziert einen Großteil der Miete. Im Großen und Ganzen können wir uns nicht beklagen: Wir werden durch die öffentliche Hand, Privatpersonen, und Filialleitungen unterstützt. Zum Beispiel durch die Pfandspende von Bons, das ist keine Selbstverständlichkeit. Schon grandios, was da an Geldern reinkommt. Unser Fahrzeug von 45 000 wurde durch rein private Spenden finanziert.

Nicht alle Ausgabestellen im Landkreis Rotenburg sind auf der Geberseite so komfortabel ausgestattet. Inwiefern spielt Vernetzung eine Rolle – und gibt es auch Konkurrenz, wie etwa beim Hurricane, wo gleich mehrere Initiativen wie „Foodsharing“ aktiv waren?

Feenders: Vernetzung ist das A und O. Wenn wir über unseren Landesverband die Information bekommen, bei Spediteur xy ist Tiefkühlware abzuholen, schicken wir unser Kühlfahrzeug und verteilen auch an Sottrum, Visselhövede und Scheeßel. Ebenso wie bei Überproduktionen großer Unternehmen in Bremen. Austausch hilft der Sache. Das Denken ist nicht eingegrenzt – die Nähe ist da, man kennt sich: Warum sollte man sich abgrenzen? Beim Hurricane zum Beispiel fällt so viel an, dass wir es gar nicht allein bewältigen könnten. Das ist ein entspanntes Miteinander. hey

Die Rotenburger Ausgabestelle der Tafel hat an der Rathausgasse 9 montags und donnerstags jeweils von 14 bis 16 Uhr geöffnet. Telefon: 04261 / 4140503.

Thementage

Die Zeit rund um den Jahreswechsel nutzt unsere Redaktion erneut für Geschichten und Interviews zu einem ausgewählten Thema. Diesmal steht die Ernährung bei uns im Fokus. Von heute an finden sie bis in das neue Jahr hinein täglich Beiträge, die sich diesem Thema aus ganz unterschiedlichen Perspektiven nähern.

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