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Weiterhin Schule in Präsenz?

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Von: Ann-Christin Beims

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Präsenz- oder Distanzunterricht – bei dem Thema scheiden sich die Geister.
Präsenz- oder Distanzunterricht – bei dem Thema scheiden sich die Geister. © Menker

Eines der derzeit am stärksten diskutierten Themen unter Eltern ist die Präsenzpflicht an den Schulen. Sollte sie auch in Niedersachsen aufgehoben werden oder nicht? Wir haben mal beim Kreiselternrat nachgefragt.

Rotenburg – Berlin hat für Schulen die Präsenzpflicht ausgesetzt. Eltern entscheiden in Eigenverantwortung, ob sie ihre Kinder in den Unterricht schicken oder Zuhause lassen zum Lernen. Obwohl Corona-Erkrankungen in diesen Altersklassen nur selten zu einem schweren Verlauf und damit zu einem Krankenhausaufenthalt führen, soll damit den Sorgen der Eltern ob der steigenden Infektionen Rechnung getragen werden. Auch unter den Eltern im Landkreis Rotenburg wird das Thema Präsenzpflicht eingehend diskutiert, weiß Wiebke Scheidl, die neue Vorsitzende des Kreiselternrats (KER).

„Wir sind eine sehr heterogene Elternschaft“, sagt die Tarmstedterin. Will heißen: viele Eltern, viele Meinungen. Und beim Thema Präsenzpflicht scheiden sich die Geister. Alle wollen das Beste für ihre Kinder – viele schwanken zwischen „Hilflosigkeit und Pandemiemüdigkeit“. Doch was ist das Beste, bei einer Inzidenz, die langsam auf die 1000er-Marke zusteuert? Insbesondere durch die Omikron-Variante, die auch Schulen immer mehr zu spüren bekommen: keine ist ohne Quarantänefälle, täglich neue positive Schüler-Schnelltests und Lehrer, die sich infizieren oder aufgrund eigener Kinder ausfallen. Mitunter sind ganze Jahrgänge wieder im Distanzunterricht, weil Lehrer fehlen. Der schon vor der Pandemie beklagte Mangel macht sich einmal mehr bemerkbar.

Vor Weihnachten wurde die Präsenzpflicht bereits einmal aufgehoben. Ein Schnellschuss, meint Scheidl – kam die Entscheidung doch „Knall auf Fall wie so oft“ und die abgemeldeten Schüler hatten vorgezogene Weihnachtsferien. Das sorgte für Unmut und Unverständnis. „Und es wurden teilweise noch Arbeiten geschrieben“, bemängelt Scheidl.

Ein Aussetzen der Präsenzpflicht scheint da für Scheidl, da spreche sie für viele Eltern, nicht der richtige Weg sein. Und es wälzt die Entscheidung auf die Eltern ab – die sich Fragen stellen müssen wie „Ist Schule gefährlich für mein Kind?“, „Was ist die richtige Variante?“. Dabei spielen noch mehr Faktoren in eine solche Entscheidung hinein: Gerade jüngere Jahrgänge brauchen Zuhause eine adäquate Betreuung. Aber auch ältere Schüler können nicht immer allein lernen. Den Eltern fehlt oft schlichtweg die Zeit – insbesondere nach zwei Jahren Pandemie. Andere sprechen vielleicht die deutsche Sprache nicht gut genug, um ihre Kinder bei Aufgaben zu unterstützen. Wieder anderen fehlt die nötige technische Ausstattung. „Dabei ist das laut Karl Lauterbach noch nicht mal der Peak – viele Eltern fragen sich, wo das noch hinführt“, weiß Scheidl. „Im Sommer letzten Jahres hätten wir für diese Welle vorplanen müssen“, kritisiert sie. „Wir haben die Chance verpasst. Wir haben keine krisensichere Schule.“

Notfallsanitäterin im Kreiselternrat 

Wiebke Scheidl ist seit einigen Wochen die neue Vorsitzende des Kreiselternrats (KER). Die Tarmstedterin arbeitet als Gemeinde-Notfallsanitäterin bei der Berufsfeuerwehr Bremen. Vorstandsmitglied war sie bereits vorher, als Beisitzerin. „So konnte ich mich erstmal einarbeiten, bevor ich mich jetzt zur Wahl gestellt habe, als Werner Oerding sich zurückziehen wollte“, ist die 36-Jährige froh über diese Entwicklung. Mit ihr, Sonja Brunkhorst und Mirco Wachsmuth sind insgesamt drei Mitglieder aus dem alten Vorstand auch im neuen. Das sorgt für eine gute Mischung aus bereits bestehenden Kompetenzen und neuem, frischen Wind, findet sie. Über die „wahnsinnig wichtige Arbeit“ im KER müssten viele Eltern noch mehr Bescheid wissen, erklärt Scheidl: Sie sind Ansprechpartner für alle Eltern bei Fragen, nicht nur für die Elternvertreter der Schulen. Sie geben Tipps oder verweisen an entsprechende Stellen. Sie organisieren Veranstaltungen zu verschiedenen Themen, zuletzt „Schule in zehn Jahren“ oder Inklusion. „Das bringt lebhafte Diskussionen und das brauchen wir.“ Außerdem entsteht auf diese Weise ein Netzwerk, das Scheidl, die zugleich Vorsitzende im Ausschuss der Grundschulen im Landeselternrat ist, und der Rest des Vorstandsteams noch weiter ausbauen wollen. „Die Schulen wissen, welchen Einfluss wir haben, aber wir haben auch Verantwortung“, sagt Scheidl. „Wir können positive Impulse geben.“

Da kommt bei den Versäumnissen der vergangenen Monate für sie auch der weitere Ausbau der Digitalisierung ins Spiel. Der ist nicht so weit, wie er hätte sein können, dass beispielsweise Lehrer den Unterricht von Zuhause leiten. Mit allen Schülern an ihrem heimischen Computer. „Es ist traurig, dass in den Lernmitteln noch immer kein Endgerät enthalten ist.“ Das würde vieles vereinfachen, erklärt Scheidl.

Zwar gibt es Hilfspakete, aber auch „viele Familien, die versuchen, mit Zweitjobs und Ähnlichem irgendwie durchzukommen“, weiß Scheidl aus Gesprächen. Leihgeräte beantragen und damit deutlich machen, dass man es sich nicht leisten kann, falle vielen schwer. Oder es gibt schlicht mitunter noch zu wenig Leihgeräte. Auch Synergieeffekte bei den Medienkonzepten der Schulen würden vieles vereinfachen.

Weiter fehlende Luftfilter sind unter Eltern ebenfalls Thema. Aber: „Da darf man nicht auf den Kreisen herumhacken, die Vorgaben vom Bund zur Förderung sind eindeutig“, sagt Scheidl. Und die lassen eine allgemeine Ausstattung damit nun mal nicht zu, solange gute Möglichkeiten zur Lüftung gegeben sind. Wenngleich Schulen wie die Integrierte Gesamtschule Rotenburg nach wie vor an dem Thema dran sind.

Scheidl sieht aber auch, dass Schulleiter und Lehrer ihr möglichstes geben, um krisensicher zu sein und Präsenzunterricht aufrecht zu erhalten. Darauf legen die Eltern großen Wert. „Aber natürlich nicht unter allen Umständen.“ Notfallpläne müssen stehen. „Es muss in jeder Schule klar sein, was wie läuft – das erwarten wir.“ Komplett in den Distanzunterricht zu wechseln, sei bei allen abzuwägenden Faktoren ihrer Ansicht nach derzeit nicht der richtige Weg. Ein Lösungsvorschlag, um durch die Welle zu kommen: Klassen mit mehreren Coronafällen sofort zeitweise in den Distanzunterricht schicken, um die Kette zu unterbrechen. Denn: „Ist einer genesen, fehlt der nächste.“

Wir haben die Chance verpasst. Wir haben keine krisensichere Schule.

Wiebke Scheidl

Und das sorgt derzeit wieder für fehlende Gemeinschaft und fehlenden Lernstoff. „Wir können das Lerndefizit nicht innerhalb dieses Jahres ausgleichen. Das ist einfach da.“ Die Schulen versuchen, das aufzuholen. Aber Lernziele wurden bereits angeglichen. „Der Druck muss rausgenommen werden“, meint Scheidl. „Noch mehr Schulstunden wären nicht sinnvoll“. Und aufgrund fehlender Lehrer auch nicht realisierbar.

Und es würde Schüler unnötig belasten, die schon belastet genug sind: häusliche Probleme, finanzielle Sorgen. Sie spüren die Last der Eltern, die nach wie vor in vielen Familien da ist. Aber auch das Virus selbst sorgt für angespannte Kinder: „Es gibt Grundschulkinder, die Todesangst davor haben, an Corona zu erkranken.“ Nicht zuletzt fallen viele wichtige Sozialfaktoren weg, wie Klassenfahrten. „Man merkt jetzt, wie wichtig solche Ereignisse sind: In einer Gruppe bestehen, sich mit Konflikten auseinandersetzen, selbstständig werden. Das fehlt.“ Und manche Kinder resignieren bereits, was solche Pläne für dieses Jahr betrifft. „Ihnen wurde die Weitsicht genommen.“

Das sagen Rotenburger Schulen zum Thema Präsenzpflicht

Bei steigenden Inzidenzzahlen sind Lehrer und Schulleiter stark gefordert, den Unterricht so krisensicher wie möglich zu gestalten. Denn Präsenzunterricht, darin sind sich nach wie vor alle einig, ist für das Lernen enorm wichtig. Doch aktuell ist es ein Abwarten von einem Tag zum anderen. Ob neue Regeln kommen für Niedersachsen und damit für den Kreis, ist noch nicht heraus. „Im Augenblick können wir nur auf Sicht fahren und täglich neu abwägen, welche Maßnahmen sinnvoll sind“, sagt Iris Rehder, Leiterin des Rotenburger Ratsgymnasiums. Sie hat in dieser Woche die ersten Zeugniskonferenzen vollständig digital durchgeführt und ist zufrieden: „Das hat erstaunlich gut und störungsfrei geklappt. Auch Eltern- und Schülervertreter konnten sich auf unserer schulinternen Iserv-Plattform gut zurechtfinden und die Abstimmungen funktionierten reibungslos.“

Sollte auch in Niedersachsen eine individuelle Elternentscheidung bei einer Aussetzung der Präsenzpflicht greifen, sei die Organisation des Ganzen auch eine Frage der Dauer der Maßnahmen und wie viele Eltern und Schüler davon Gebrauch machen. „Sicher lassen sich einige Tage mit Aufgaben zu Hause überbrücken. Für eine längere Phase und eine große Anzahl von Daheimbleibenden werden sicherlich andere Maßnahmen greifen müssen“, so Rehder.

Lehrerverbände haben eine solche Entscheidung in der Vergangenheit oft bemängelt, weiß Sven Thiemer, Leiter der Integrierten Gesamtschule (IGS). „Entweder sind Schulen sicher, weil ihnen notwendige Schutzmaßnahmen beziehungsweise eine angemessene personelle und sächliche Ausstattung gegeben wurde, oder sie sind nicht sicher und der Unterricht muss komplett ins Digitale verlagert werden. Mit einer ,Kann-Regelung‘ schafft man Unsicherheit und stellt die Schulen und die Elternhäuser vor große Herausforderungen.“

Er sieht einen Hybridunterricht als große Herausforderung, weil er – gut gemacht – sehr aufwendig ist. Unterricht muss anders geplant und aufbereitet werden. Eine gewohnte Interaktion gleichzeitig mit Schülern am Bildschirm und Schülern im Klassenraum sei kaum möglich. „Ein bloßes Dazuschalten wäre dabei noch die kleinste Hürde, vorausgesetzt die Elternhäuser haben die notwendige Internetverbindung und die Eltern können bei Problemen technisch unterstützen.“ Denkbar wäre es, wenn die Schüler Zuhause zu Beginn eines Unterrichtsblockes in einem Videokonferenzraum Aufgaben erhalten, die sie dann parallel mit den Schülern im Klassenraum bearbeiten und die am Ende gemeinsam gesichert oder präsentiert werden. „Dies wäre auf eine begrenzte Zeit denkbar.“ Auch das hängt stark von vielen Faktoren ab, die auch die Kreiselternrats-Vorsitzende in die Waagschale wirft: technische Ausstattung, heimische Unterstützung. Bei manchen Schülern würden sich das bekannte Distanzlernen mit Aufgaben bearbeiten und Feedback eher anbieten. Dennoch: „Präsenzunterricht ist wichtig und sollte sichergestellt werden, notfalls durch Wechselmodelle, Teilgruppenbeschulung und ähnliches“, so Thiemer.

Einen „Bildschirmunterricht“ würde es an der Kantor-Helmke-Schule nicht geben, sagt Schulleiterin Catrin Cramme ganz klar. Würde eine Präsenzpflicht abgeschafft, gilt an der Grundschule das Distanzlernen. „Die Lerninhalte der Schule erfahren die Kinder über Iserv. Sie haben dann die Materialien zuhause.“

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