Überwiegend junge Männer aus Syrien, Irak und Iran

49 weitere Flüchtlinge ziehen auf dem Campus ein

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Angekommen, aber noch nicht ganz da: Diese beiden Flüchtlinge beziehen ihr Zimmer auf dem Campus.

Rotenburg - Von Guido Menker. Die Stadt Rotenburg hat innerhalb der vergangenen zwölf Monate 255 registrierte Flüchtlinge untergebracht – 49 davon sind am Mittwochvormittag auf dem „Campus Unterstedt“ eingezogen. 49 überwiegend junge Männer aus Syrien, Irak und Iran.

Daumen hoch: Mit einer großen Portion Zuversicht starten diese vier Männer in Richtung Zukunft.

Es ist kurz vor 12 Uhr. Mit einem Kleinbus werden die Asylsuchenden nach und nach vom Rathaus aus nach Unterstedt gefahren. Dort wartet Dorothee Clüver auf sie. „Diese Flüchtlinge beziehen heute das zweite der drei zur Verfügung stehenden Gebäude“, sagt sie. In Haus 1 riecht es schon nach frisch zubereitetem Chili con Carne. Dazu gibt es türkisches Brot. „Heute servieren wir ihnen ein Mittagessen, aber von heute Abend an müssen sie sich selbst versorgen“, so die Koordinatorin auf dem Campus. Vier Männer beziehen gemeinsam ein Zimmer. Auf dem Tisch steht eine Schale mit Obst und Keksen, es gibt mehrere Flaschen Wasser sowie Rotenburger Stadtpläne. Am Nachmittag werden sie noch einmal in den kleinen Bus steigen und sich die Stadt ansehen – „schließlich müssen sie sich in Rotenburg zurechtfinden und wissen, wo sie zum Beispiel ihren Einkauf erledigen können“, erklärt Clüver. Den meisten der 31 Syrer, 13 Iraker und fünf Iraner ist die Erleichterung anzusehen. Sie lassen das Erstaufnahmelager Fallingbostel an diesem Tag hinter sich und haben einen Platz gefunden, an dem sie zur Ruhe kommen können.

Dorothee Clüver koordiniert das Leben auf dem Campus und begrüßt die neuen Flüchtlinge.

„Sie müssen im Kopf erst einmal hier ankommen. Das braucht Zeit, und dafür braucht es Ruhe“, sagt Clüver. Von jetzt an falle ganz viel von ihnen ab. Aber nach vier Wochen sehe das alles schon ganz anders aus. Das weiß die Koordinatorin von den Flüchtlingen, die im Dezember auf dem Campus eingezogen waren. Ihre Gesichter veränderten sich. Aus Angst und Unsicherheit werde im Laufe der Zeit Dankbarkeit, Zuversicht und sogar Fröhlichkeit. Das betrifft auch die beiden Kinder, die bereits seit mehreren Wochen hier sind – sie haben gerade zum ersten Mal die Schule besucht und strahlen vor Freude. Doch mit der Unterbringung allein ist es nicht getan. Schließlich will das Diakonissen-Mutterhaus zusammen mit der Stadt dafür sorgen, dass auf dem Campus soziale Projekte zur Integration angeschoben werden. Eine Näh-, Strick- und Stickgruppe hat sich bereits gebildet.

Zum fünften Mal gab es am Mittwoch das Internationale Café im Gemeindehaus.

Aber es sollen weitere Aktionen dazukommen. „Das geht alles nicht so schnell“, erklärt Clüver. Zunächst einmal gehe es darum, das Zusammenleben zu organisieren und Struktur in den Alltag zu bringen. Ab Mitte Februar wird eine Sozialpädagogin dabei helfen. Parallel dazu sind die Flüchtlingen in drei unterschiedlichen Deutschkursen untergebracht – täglich vier Stunden lang nähern sie sich unserer Sprache an. Ein Teil von ihnen muss aber zuerst alphabetisiert werden. Für Dorothee Clüver und Rigbe Grube beginnt der Tag um 9 Uhr – Ende offen. „Wir hatten zuletzt viel mit der Einrichtung des zweiten Hauses zu tun. Außerdem müssen wir uns selbst eine Ordnung schaffen.“ Und schon klingelt das Telefon. Es ist der Hinweis, dass am Nachmittag das Internationale Café im Gemeindehaus der Stadtkirche stattfindet. Clüver: „Ja, auch von hier werden einige dahin gehen.“

Viele kleine Dinge zu erledigen

• Hinter dem „Campus Unterstedt“ verbirgt sich die ehemalige Lungenklinik des Agaplesion Diakonieklinikums Rotenburg. Das Diakonissenmutterhaus hat es umbauen und so herrichten lassen, dass dort in drei Gebäuden bis zu 150 Flüchtlinge leben können. Die Stadt hat die Häuser angemietet – aus den Mieteinnahmen finanziert das Mutterhaus Projekte und Personal, um die angestrebte Integration der Asylbewerber zu realisieren.

• Tagsüber werden die Flüchtlinge von einem Team betreut: Neben Dorothee Clüver als Koordinatorin sind Rigbe Grube als Dolmetscherin sowie Sevinc Kutlu als Sozialpädagogin mit von der Partie.

• Es gehören viele kleine Dinge dazu, das Leben auf dem Campus so zu gestalten, dass alle zu ihrem Recht kommen. Ein Beispiel: Das schwarze Brett muss zentral für die jeweils wichtigsten Informationen bestückt werden – immer auch in arabischer Sprache. Gerade erst hinzugekommen sind darauf Informationen zu den wichtigsten Verkehrsregeln und -schildern. Zu finden ist an dem schwarzen Brett aber auch eine Mobilfunknummer, unter der nachts Hilfe gerufen werden kann, wenn es zu Problemen kommt.

• In Arbeit sind Projekte zur Integration, die zugleich dafür sorgen, den Menschen auf dem Campus einen strukturierten Tag zu verschaffen. Dabei können sich auch die Rotenburger einbinden. Deshalb ist für Donnerstag, 21. Januar, von 18 Uhr an eine Bürgerversammlung im Buhrfeindsaal des Diakonissen-Mutterhauses an der Elise-Averdieck-Straße geplant. „Das ist ein Abend für alle, die sich auf dem Campus ehrenamtlich einbringen möchten“, sagt Campus-Koordinatorin Dorothee Clüver. Die Organisatoren freuen sich auch über gute Ideen – vor allem auch für den Freizeitbereich.

• Recht viele Flüchtlinge freuen sich über das Internationale Café, das das Diakonische Werk zusammen mit dem Arbeitskreis Asyl einmal im Monat im Gemeindehaus der Rotenburger Stadtkirchengemeinde einrichtet. Immer am zweiten Mittwoch eines Monats treffen sich dort Menschen aus vielen verschiedenen Ländern, von 15 bis 17 Uhr. „Wir möchten damit die Verständigung fördern“, sagt Annelies Wibbelt vom Arbeitskreis. Und das gelinge, denn es stehen nicht nur Tee und Kaffee auf den Tischen, sondern meistens kommen auch noch Gesellschaftsspiele hinzu, die die Kommunikation zusätzlich fördern. Jeder ist dazu eingeladen.

• Zahlreiche Flüchtlinge, die auf dem Campus untergebracht sind, haben inzwischen ein Fahrrad zur Verfügung, um den Weg in die Stadt etwas zu vereinfachen. Aber die Zahl der Fahrräder reicht noch nicht aus, sagt Dorothee Clüver. „Wir würden uns freuen, wenn es noch weitere Spenden gibt. Und dabei ist es kein Problem, wenn sie leicht reparaturbedürftig sind.“ Kinderfahrräder sollten allerdings nicht angeboten werden – es leben zurzeit nur zwei Kinder auf dem Campus.

• Ein Thema, dass auf dem Campus täglich präsent ist, ist die ärztliche Versorgung. Viele Flüchtlinge haben gesundheitliche Probleme – mehrmals am Tag fahren die Helfer mit ihnen daher zum Arzt. n men

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