Weitab von Normalität

Die Türen sind tagsüber noch fest verschlossen, für die Viertklässler darf Schulleiter Marc Puschmann sie aber wieder öffnen. Foto: Beims

Von ruhigen, verständnisvollen Viertklässlern, die sich auf eine Rückkehr in die Grundschulen gefreut haben, berichten alle drei Rotenburger Schulleiter. Aber der sogenannte Restart ist mit viel Arbeit und Regeln für alle verbunden.

Rotenburg – Seit einer Woche haben die Rotenburger Viertklässler ein kleines Stück Alltag zurück: Unterricht zurück in den Schulen. Was Susanne Enders, Schulleiterin der Stadtschule, besonders freut: „Alle Grundschulen in Rotenburg haben sich unabhängig voneinander für das gleiche Modell entschieden“, erklärt sie. Das heißt: Die Klassen sind in zwei Gruppen geteilt, die jeweils tageweise wechselnd in den Unterricht kommen. „Wir sind gut vorbereitet gewesen, aber es ist natürlich weit weg von jeglicher Normalität“, sagt Marc Puschmann, Schulleiter der Schule am Grafel.

Fernab vom gewohnten Alltag, das heißt: regelmäßiges Händewaschen, was seine Zeit dauert und eingeplant werden muss; Frontalunterricht ohne Gruppenarbeiten und kein Sport- oder Musikunterricht. „Das ist hart“, sagt Catrin Cramme, Schulleiterin der musikbegeisterten Kantor-Helmke-Schule. Hygienemaßnahmen und Abstandsregeln müssen eingehalten werden. „Viel in den Klassen sprechen, viel erinnern“, sagt Puschmann. In der Kantor-Helmke-Schule sind an den Lehrerpulten Tröpfchenschutzscheiben installiert worden, zur besseren Orientierung sind in den Schulen Wege geklebt und die Familien informiert worden. Dennoch sei es ein ruhiger Start gewesen, die Schüler seien gelassen, verständnisvoll, gemeckert wird nicht, meint Cramme. „Die Kinder haben Lust auf Schule“, sagt auch Puschmann. Dennoch war der Start neben der Freude nicht für jeden Schüler einfach: „Das ein oder andere Tränchen ist geflossen aufgrund der neuen Bedingungen“, sagt Enders.

Es sind wieder neue Herausforderungen, denen sich Lehrer, Schüler, aber auch Eltern stellen. Zwar sind die Kinder einen Tag in der Schule, am nächsten aber mit Aufgaben Zuhause. „Wir haben einen Tag einen direkten Bezug, am nächsten ist Übungszeit“, nennt es Enders. Das sei ihrer Ansicht nach für die Kinder am besten, wenn auch nicht für alle Eltern. Für viele werde die Situation ein Spagat bleiben. Viele Schüler sind zudem weiter Zuhause. Sie werden mit Material versorgt, das sie abholen können oder im Fall der Kantor-Helmke-Schule auch über das Netzwerk Iserv beziehen. Sie ist bisher die einzige Grundschule in Rotenburg damit. Ein Manko: „Wir versuchen, so gut es geht die Kontrolle über das zu behalten, was die Kinder machen. Ich habe digitale Sachen bearbeitet, das ist klasse, aber es funktioniert nicht bei allen“, sagt daher Enders. Denn eines wurde in den vergangenen Wochen deutlich: „Es ist 100 Prozent mehr Digitalisierung nötig“, betont Enders. „Es gibt tolle Angebote, aber wir sind nicht ausgerüstet.“ Zwar seien „iPads“ geordert worden – für die Schüler, die Zuhause kein Endgerät haben – doch sind diese noch nicht da. Und selbst wenn, müssten sowohl Lehrkräfte als auch Eltern in die Nutzung eingeführt werden. „Die Kinder sind teils Zuhause ausgestattet, aber wir treffen auf sehr unterschiedliche Bedingungen“, weiß Enders. Man macht das Beste daraus, so Puschmann. Aber auch: „Die Auflagen sind hoch, es müssen Konzepte geschrieben werden, das dauert alles zu lange.“ Die Lehrer empfehlen Apps und Internetseiten zum Lernen, aber neben einem Endgerät bedarf es auch guter Sprachkenntnisse, wie Puschmann anmerkt. „Im Bereich Digitalisierung gibt es einige Länder, die ein ganzes Stück weiter sind. Das zeigt uns unsere Grenzen“, ergänzt Enders.

In der kommenden Woche kehren die Drittklässler zurück, eine weitere Herausforderung. Pausenzeiten werden neu koordiniert, Unterrichtszeiten angepasst. Dann sei es vor allem wichtig, dass die die Kinder pünktlich zu ihren Zeiten da sind. Insgesamt sieben Gruppen werden beispielsweise täglich in die Stadtschule kommen. Die Kinder werden von ihren Lehrkräften an den jeweiligen Eingängen abgeholt. Probleme sieht Puschmann in der Grafelschule mit den Räumen. Wenn alle Schüler da sind, sind das zwölf halbe Klassen pro Tag, zwölf Klassenräume gibt es. „Aber was ist mit der Notbetreuung, wo gehen die hin?“ Fragen, die noch geklärt werden müssen. „Bei aller Euphorie – das ist nervig“, sagt er ganz klar.

Aber im Großen und Ganzen sind alle mit dem Verlauf der ersten Woche zufrieden, die Hygienepläne funktionieren – wenn auch nicht ohne das ein oder andere Missverständnis. Probleme gab es anfangs in den Pausen; von Kindern, die viel Abstand halten zu denen, die nach einiger Zeit nah zusammenrückten. „Da gucken wir natürlich“, sagt Enders. Eine Aufsicht ist gewährleistet. Sobald die Drittklässler dazu kommen, wird der Schulhof geteilt. „Unser Hof ist groß genug und sie gehen durch unterschiedliche Türen“, sagt Enders. Währenddessen werden die Klassenräume desinfiziert. Schön sei, dass viele Kinder kreativ werden, Abstandsspiele wie Tischtennis oder Seilspringen nutzen. „Wir haben eine zusätzliche Bewegungszeit eingeführt“, sagt beispielsweise Cramme.

Ein großer Kritikpunkt ist für Puschmann, dass es noch keinen festen Fahrplan vom Kultusministerium für die ersten und zweiten Klassen gibt. „Wir müssen ein bisschen Vorlauf haben und planen, auch für die Eltern, da sind wir echt aufgeschmissen.“ Bisher sollen nach den dritten Klassen „stufenweise die anderen Jahrgänge folgen – und keiner weiß, was das bedeutet“. Zumal: Abstand halten wird schwieriger, befürchtet Cramme. „Die können das noch gar nicht schaffen.“ Da sie bisher nichts Genaues wissen, „planen wir so gut es geht im Voraus“.

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