Kampf um eigenen Ruf

Nach 22 Jahren als Pastor: Frank Hasselberg lebt künftig wieder an der Nordsee

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Für Frank Hasselberg sind die Vorwürfe nicht verständlich.

Zurück in die alte Heimat. Pastor Frank Hasselberg verlässt nach 22 Jahren den Kirchenkreis Rotenburg und seine Dienstelle in Schneverdingen in Richtung Nordsee, obwohl er gar nicht will. Er ist seit über einem Jahr suspendiert, soll Gelder unterschlagen und falsch abgerechnet haben. Er bestreitet das – und kämpft um seine Reputation.

Schneverdingen/Rotenburg – „Die Seele auslüften.“ Frank Hasselberg weiß noch nicht genau, was er eigentlich tun soll, wenn am Ende des Monats der Umzugswagen kommt und er zurück nach Wremen an die Wesermündung im Kreis Cuxhaven zieht. Auf jeden Fall aber tief Luft holen und „das Leben neu ordnen“, wie er sagt. In den vergangenen Jahren ist im Leben des heute 57-Jährigen einiges durcheinander geraten.

Die Vorwürfe gegen den Pastor wiegen schwer. Nur einen oder zwei Fälle dieser Art gebe es jährlich in der Landeskirche überhaupt, heißt es von der Kirchenleitung in Hannover, und bei Hasselberg handele es sich um „ernsthafte Beträge, bei denen es nicht um Briefmarken geht“. Wegen des Verdachts auf „erhebliche finanzielle Unregelmäßigkeiten“ ist Hasselberg seit dem 1. August 2018 suspendiert. Er darf seine Aufgaben als Pastor und Seelsorger nicht mehr wahrnehmen, ehrenamtliche Tätigkeiten in diakonischen Einrichtungen muss er ruhen lassen. Aber: Ein arbeitsrechtliches Verfahren der Kirche gibt es bis heute nicht. „Status: Grauzone“, sagt Hasselberg, der mit seiner Mutter bis heute im Pastorenhaus neben der Eine-Welt-Kirche in Schneverdingen lebt. Am vergangenen Wochenende hat er sich mit einer Andacht vor rund 300 Gästen von der Markus-Gemeinde verabschiedet. Am Rande dieser habe er sich auch sehr gut mit Superintendent Michael Blömer unterhalten, das habe ihm wieder „ein bisschen Vertrauen in die Kirchenleitung gegeben“, sagt er.

Alles andere ist für ihn unverständlich. Viele Vorwürfe seien mittlerweile ausgeräumt. Da sei es zum Teil um Kekse und Eis gegangen, das er für Konfirmandengruppen besorgt habe, oder um fehlende Gesprächspartner in Fahrtkostenabrechnungen, weil er sich auf seine Schweigepflicht berufen müsse. „Es geht über fünf Jahre um einen Betrag von 5000 Euro“, sagt Hasselberg. Aber er betont, dass er immer korrekt gehandelt habe. „Ich verstehe es nicht.“ In den 21 Jahren seiner Diensttätigkeit habe das Rechnungsprüfungsamt der Landeskirche nie etwas zu beanstanden gehabt.

Wegen des Verdachts auf „erhebliche finanzielle Unregelmäßigkeiten“ hatte die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers Hasselberg am 1. August 2018 vom Dienst suspendiert. Laut Sprecher Benjamin Simon-Hinkelmann handele es sich um „ernsthafte Beträge, bei denen es nicht um Briefmarken geht“. In ihren Gemeinden haben Pastoren eigentlich keine größere Budgetverantwortung, die obliegt in erster Linie über den Haushaltsplan dem Kirchenkreistag. Meist geht es nur um kleinere Einzelbeträge wie die Abrechnung der Kollekten, Spesen und Fahrtkosten. Ohne Details zu nennen, sagt Sprecher Simon-Hinkelmann dazu: „Auch dadurch kann ein bisschen Geld zusammenkommen.“ Superintendent Michael Blömer: „Die Vorwürfe müssen gründlich geprüft und bewertet werden. Die Situation in den beiden Gemeinden ist für alle Betroffenen extrem belastend. Leider gibt es keine einfache und schnelle Lösung.“ Einen Termin für den kirchlichen Arbeitsgerichtsprozess gibt es noch nicht.

Unterschwellig, Hasselberg sagt das nicht selbst, bleibt der Verdacht, die Kirche wolle einen unliebsam gewordenen Pastor loswerden. Zu kritisch, nicht passend, ab von der Norm? Auch diese Fragen hat sich Hasselberg gestellt, und er hat keine Antworten. Für ihn ist seit den ersten Vorwürfen vor drei Jahren eine Situation entstanden, die ihn leiden lässt. Hasselberg braucht ärztliche Unterstützung, als die Suspendierung vor gut einem Jahr offiziell wird, ist er bereits krankgeschrieben. „Ohne Tabletten geht es nicht“, sagt er. „Mir geht es schlecht.“

Dabei glaubt er fest daran, immer gute Arbeit geleistet zu haben. Als junger Pastor sei er in den Kirchenkreis versetzt worden, habe zunächst mit einem Kollegen in Schneverdingen zusammengearbeitet und zeitgleich die vakante Stelle in Scheeßel betreut. Er war am Aufbau der als Expo-Projekt initiierten Eine-Welt-Kirche beteiligt gewesen, hat im Kirchenkreis die Öffentlichkeitsarbeit geleitet und war 14 Jahre im Kirchenvorstand. Doch diese vielen Jahre zählten nun nicht mehr. Damit es in seiner Gemeinde weitergehen könne, mache er nun Platz – auch wenn er gerne geblieben wäre. Ob überhaupt eine Nachfolge für ihn gefunden wird für die knapp 3000 Gemeindemitglieder, sei fraglich. „Keiner will aufs Land.“

Die Kirchenleitung hat dem Umzug Hasselbergs zurück nach Wremen, ins Elternhaus mit seiner pflegebedürftigen Mutter, zugestimmt. Offizielle Aufgaben erhält der suspendierte Pastor dort allerdings nicht. „Aber wenn ich wieder darf, werde ich mich einbringen“, sagt Hasselberg. „Ich leide darunter, keine ausfüllende Tätigkeit wahrnehmen zu dürfen.“ Er sei jedoch zuversichtlich, dass die Suspendierung in seinem Sinne irgendwann aufgehoben wird. „Ich gehe davon aus, dass ich am Ende völlig rehabilitiert bin“, sagt der Pastor.

Eine Antwort hat Hasselberg zumindest auf die vielleicht wichtigste Frage für einen Geistlichen gefunden. Denn trotz allen Ärgers habe er den Glauben nie verloren. „Nicht an Gott“, sagt der 57-Jährige, „wenn dann an die kirchliche Verwaltung hier unten.“

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