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Was traut man uns noch zu?

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Von: Michael Krüger

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Es gibt modisch-inhaltliche Tendenzen, die muss nicht unbedingt jeder mitgehen.
Es gibt modisch-inhaltliche Tendenzen, die muss nicht unbedingt jeder mitgehen. © Koch/iamgo Images

Was war? Ein paar Gedanken zum Wochenende von Michael Krüger

Der Kollege hakt mehrfach nach, aber so richtig will Jens Hedicke das nicht bestätigen. Dabei hat sein Chef das schon genau so angedeutet am Tag zuvor. Am Dienstag wollte Landrat Marco Prietz (CDU) in einem Pressegespräch vor Ort im Kreishaus eigentlich über seine Pläne für das erste volle Jahr im Amt berichten. Beantworten muss er aber vor allem viele Fragen zu den zu diesem Zeitpunkt „explodierenden“ Coronazahlen im Landkreis.

Prietz sagt: An das derzeitige Fallgeschehen, das gerade für Ungeimpfte eine gefährliche Situation darstelle, „werden wir uns gewöhnen müssen“. Also, so der Kollege in der sicherheitshalber digitalen Konferenz am Tag danach, man komme mit der Kontaktnachverfolgung von behördlicher Seite eh nicht mehr nach, lasse man nun das Infektionsgeschehen so laufen? Und das nur Monate, nachdem einzelne Familien in Rotenburg sogar von Wachdiensten umzingelt waren, damit sie sich an Quarantäne-Auflagen halten? Hedicke, stellvertretender Leiter des Rotenburger Gesundheitsamts, beteuert: „Wir versuchen mit unseren Mitteln und bei den aktuellen Fallzahlen, das Ganze noch zu begleiten“. Von „kontrollieren“ möchte er allerdings nicht sprechen.

Pandemiegeschehen außer Kontrolle

Formulieren wir es doch einmal deutlich: Das Pandemiegeschehen ist auch im Landkreis weitgehend außer Kontrolle. Die Schlussfolgerung, dass wir deswegen alle Regeln und Maßnahmen über Bord werfen können, ist aber natürlich Blödsinn. Weil die Behörde nicht mehr alles durchsetzen kann, was als derzeit sinnvoll erachtet wird, appelliert sie auch im Sinne der wieder und wieder aktualisierten Vorschriften an die Eigenverantwortung der Bürger. Wird das funktionieren? Gibt es nicht viel zu viele, die sich weigern, nicht helfen wollen, die Corona für eine Grippe halten und Pandemie für eine Lüge? Die besser wissen als die Wissenschaft, welche Stoffe wirken und welche nicht, und die ja den Beweis im Aluhut tragen, dass eine Impfung sinnlos ist, wenn sie Nebenwirkungen haben kann und auch Geimpfte krank werden?

Auch wir genießen die Beschimpfungen als fehlgeleitete Systempresse, insbesondere via Facebook und Telegram. Dort weiß man schließlich, dass wir Blödsinn schreiben. Wir lassen uns als Teil der Weltverschwörung markieren, weil statistische Coronazahlen nicht ganz korrekt sein könnten und wir darüber hinaus auch noch über Kinder-Impftermine des Landkreises informieren: „Was ist der Unterschied von Propagandamedien (3.Reich) und der Kreiszeitung heute? Keiner!“, schreibt einer unserer „Freunde“ am Donnerstag.

Kritische Diskussion mit Anstand

Natürlich rege ich mich über die Vögel auf, auch an dieser Stelle. Aber wissen Sie was? Das ist ebenfalls eine Aussage dieser Woche, trotz der schwierigen Lage: Insgesamt habe der Landkreis in der Pandemie immer vergleichsweise gut dagestanden, weil die Bürger zum „allergrößten Teil“ die Regeln akzeptierten. Klar seien alle müde und genervt von den Einschränkungen, von der bescheuerten Maske und von ausfallenden Konzerten. Aber die meisten haben eben verstanden, was eine Pandemie ist. Das stimmt dann in gewisser Weise optimistisch, selbst in diesen tristen Tagen.

In den vergangenen zwei Jahren haben wir sehr viel über das berichtet, was die Pandemie auch bewirkt hat. Eben nicht nur von Ängsten und Gefahren, sondern auch von Initiativen, Perspektiven und ganz vielen Menschen, die in der schwierigen Situation nicht montagsabends gemeinsam mit fragwürdigen Gestalten durch Innenstädte marschieren, sondern etwas tun, was unsere Gesellschaft zusammenhält: helfen. Menschen, die ihren Beitrag leisten, weil sie wissen, dass eine Gemeinschaft wie unsere und eine freiheitliche Demokratie nur funktioniert, wenn man sich auf gewisse Grundtugenden einigt. Das ganze Konstrukt ist sehr fragil, wie wir erfahren haben, und es gerät schnell an seine Grenzen. Aber wir dürfen eben nicht nur denen Gehör schenken, die wenig Interesse daran zeigen, an Lösungen und zu arbeiten. Wir sind die letzten, die es nicht begrüßen, dass es kritische Diskussionen gibt. Nur gelten auch hier gewisse Regeln und Anstand – womit wir wieder bei der Eigenverantwortung wären. Lassen wir die wenigen, die wir sowieso nicht erreichen, dann außen vor. Sie werden von den anderen profitieren. Denn sie sind viel mehr.

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