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Warteschleife bei den Rotenburger Konzerten

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Von: Ann-Christin Beims

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Niels Kruse auf dem Boden seines Wohnzimmers zwischen unterschiedlichen Programmheften
Unzählige Programme liegen bei Niels Kruse in Kartons verstaut – viele von Konzerten, die bisher noch nicht aufgeführt werden konnten. © Beims

Seit zwei Jahren fallen Veranstaltungen regelmäßig aus. Das sorgt bei den Rotenburger Konzerten für einen „Verschiebebahnhof“ - und Frust.

Rotenburg – Es ist nach wie vor ein Fahren auf Sicht, wenn es um das Durchführen von Veranstaltungen geht. Das wissen auch die Veranstalter der Rotenburger Konzerte nur zu gut. Die ersten drei Konzerte der Saison 2021/2022 konnten im vergangenen Jahr noch stattfinden. Das Januar-Konzert hatte der musikalische Leiter Niels Kruse aufgrund der aktuellen Corona-Lage dann aber abgesagt, und auch das Februar-Konzert mit dem Trio D’Iroise wird noch nicht stattfinden können.

„Im März sind es zwei Jahre, dass ich ständig Konzerte ausfallen lasse oder verschiebe“, erzählt er. Die Saison 2020/2021 fand letztlich gar nicht statt. Und auch das November-Konzert im vergangenen Jahr wäre fast einem kurzfristigen positiven Corona-Test des Cellisten zum Opfer gefallen. „Ich konnte es entweder ausfallen lassen oder Ersatz organisieren.“ Innerhalb von 24 Stunden ist das nicht einfach, doch Kruse konnte spontan eine Sängerin mit Band aus Hamburg gewinnen. In solchen Momenten ist noch mehr Kreativität als sonst gefordert.

Da die Konzerte mit den Musikern ausgemacht sind, versucht Kruse, den „Verschiebebahnhof“ neu zu positionieren. Derzeit stehen fünf Konzerte in der Warteschleife – für eine Saison, die normalerweise mit sechs Konzerten insgesamt aufwartet. Dadurch muss er neue Ideen nach hinten verschieben. „Die sind alle super, aber derzeit bleibt wenig Platz für Kreativität.“ So soll das eigentliche Eröffnungskonzert der Saison 20/21 mit dem Parfenov-Duo jetzt im April nachgeholt werden. Die beiden Musiker hatten dafür eine Auftragskomposition über das Leben von Lucia Schäfer angefertigt. „Das sollte klappen – hoffentlich ohne Restriktionen“, zeigt sich Kruse zuversichtlich.

Besonders das Streichen des Januar-Konzerts von Akkordeonspieler Maciej Frackiewicz bedauert der Rotenburger sehr. „Das war schon lange ein Traum von mir.“ Ungewöhnlich, das gibt er zu. „Aber es muss auch mal etwas ganz Ausgefallenes sein.“ Das sehen aber längst nicht alle so, weiß er. Es gibt auch Konzertbesucher, die rein die ganz klassische Kultur bewahren möchten, Zeitgenössisches wird kritisch beäugt.

Dabei müssen Gruppen wie der Konzertverein mit der Zeit gehen und einen Mittelweg finden, um auch neue, junge Besucher zu gewinnen. Und die sind längst nicht mehr an Abonnements interessiert, sondern holen sich bei für sie spannenden Konzerten die Tickets nur für den Abend ab. Es geht zunehmend Richtung Einzelkarten, meint Kruse. „Daher überdenken viele Veranstalter das System.“

Das sei aber bislang noch eher in größeren Städten der Fall, für Rotenburg sieht er einen „Standortvorteil“, weil die Rotenburger Konzerte ein Programm bieten, dass es in dieser Form in der näheren Umgebung nicht gibt. Zwar bietet auch die Stadtkirche regelmäßig Konzerte, aber geistlicher Art. Mit Kreiskantor Simon Schumacher sei Kruse dazu in gutem Austausch.

Durchhaltevermögen dank Unterstützung

In der Pandemie finanziert sich der Konzertverein aktuell durch den „Speck am Bauch“, nennt es Kruse. Man sei in der glücklichen Situation, dass von etwa 185 Mitgliedern ein Großteil seine Abos hat weiterlaufen lassen und damit seine Unterstützung signalisiert. Die genieße der Verein innerhalb der Stadt sehr, meint Kruse. Das liegt zum einen an der Musik selber, zum anderen am Charme der Gesamtveranstaltung. Normalerweise gehört dazu eine Pause mit Catering, Raum für Gespräche. Kruse weiß, dass viele weitere Vereine kämpfen – oder aufgegeben haben. Die Kultur leidet, und ob sie nach der Pandemie in ihrer alten Form wiederkommen kann, könne keiner sagen.

Viele Abonnenten sind schon älter, derzeit kommen nur wenige neue nach. Ein Problem, dass viele Vereine nur zu gut kennen. „Aber wir sind noch immer in einem sehr soliden Status und müssen nicht aufhören“, betont Kruse. Das sei wichtig, denn der Konzertverein betreibt unter anderem auch Nachwuchsförderung, indem auch junge Ensembles im Lucia-Schäfer-Saal auftreten.

Zudem bieten Konzerte, sei es nun im Rotenburger Heimathaus, in der Stadtkirche oder eben im Lucia-Schäfer-Saal „Kultur auf kurze Distanz“, sagt Kruse – gerade für ältere Menschen sei das sehr wichtig. Eben diese Kultur ist aber derzeit extrem heruntergefahren. Doch es brauche neben anderen Dingen auch sie, um die Menschen im ländlichen Raum zu halten, um attraktiv zu bleiben. „Sie wollen die Kultur hier.“ Daher würde sich Kruse auch politisch mehr Rückhalt, mehr Unterstützung und Wertschätzung für die Kulturszene wünschen. „Und nicht so viele Knüppel zwischen die Beine.“

Die aktuell ständigen Ausfälle frustrieren Musiker wie Veranstalter gleichermaßen. Letztere investieren im Verein ihre Zeit ehrenamtlich. Kruse beispielsweise erstellt Programme für Konzerte, die nun haufenweise in Kisten liegen, weil sie nicht stattfinden konnten. „Ehrenamt macht man aus Liebe zu der Sache. Aber was ist, wenn man seine Arbeit gar nicht zeigen kann? Dann verblasst auch die Lust daran.“ Man sei immer auf dem Weg zu einem Ziel, das man derzeit nie erreiche. Doch dann wieder führt er Gespräche mit Besuchern, zwischendurch sind Konzerte möglich, wenn auch unter Einschränkungen. Und die Resonanz darauf ist positiv. „Das hält einen dann bei der Stange.“

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