Aus der Anonymität geholt

Ortsrat gibt grünes Licht: Zwangsarbeiter-Grabstelle bekommt Erinnerungstafel

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Die Zwangsarbeiter-Grabstelle auf dem Waffensener Friedhof bekommt eine Erinnerungstafel. 

Die Zwangsarbeiter-Grabstelle auf dem Waffenser Friedhof soll eine Erinnerungstafel bekommen. Für dieses Projekt hat der Ortsrat nun grünes Licht gegeben. 

Waffensen - Die freundliche Frau gibt sich viel Mühe. Flott rupft sie die Gräser von der Grabstelle. „Wenn Sie davon ein Foto machen, soll es ja gut aussehen“, sagt sie. Innerhalb weniger Minuten macht die Dame das Grab schön, und das Foto ist im Kasten. Die Angehörigen würden sich sicherlich freuen. In diesem Grab auf dem Waffensener Friedhof haben fünf Menschen ihre letzte Ruhe gefunden. Es sind drei Erwachsene und zwei Babys.

Die Erwachsenen waren aus Polen und der damaligen Sowjetunion während der nationalsozialistischen Zwangsherrschaft deportiert worden. Lange Zeit war nicht von allen das Schicksal bekannt. Nur zwei seien „namentlich in der Gräberliste aufgeführt“. So schreibt es der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge auf seiner Internetseite. Inzwischen wissen die Fachleute mehr. Sie können sogar die Biografien nachvollziehen.

Nachzulesen ist das alles demnächst auf einer Informationstafel an der Grabstelle – einem Kooperationsprojekt der Berufsbildenden Schulen (BBS) Rotenburg und des Volksbundes. Dafür hat der Ortsrat Waffensen in dieser Woche einstimmig grünes Licht gegeben. Und das sehr zur Freude von Ortsbürgermeister Hartmut Leefers (CDU). Für ihn ist es eine Herzensangelegenheit, denn es sei im Sinne des Gedenkens an die Opfer wichtig, „den Toten ihre Namen zurückzugeben“, sagt er.

Einen besonders hohen Stellenwert bekomme das Ganze durch die Beteiligung der BBS. Dadurch werde den jungen Leuten auf ganz praktische Art und Weise Wissen über einen Teil der deutschen Geschichte vermittelt. Darüber hinaus soll laut Ortsratsbeschluss die Grabstelle neu gestaltet werden. Bereits seit zwei Jahren legen Mitglieder der Linkspartei jeweils am Holocaust-Gedenktag Blumen nieder, um an die Opfer zu erinnern.

Auf der Tafel mit einer Größe von 70 mal 51 Zentimetern erfahren die Besucher einiges über die Hintergründe der Grabstelle. Danach wurden Frauen, die als sogenannte „Fremdarbeiter“ nach Deutschland verschleppt worden waren, „schwanger und brachten Kinder zur Welt“. Da sie als „rassisch minderwertig“ galten, wurden die meisten Frauen zu einem Schwangerschaftsabbruch genötigt. Wer dies nicht tat, musste sein Baby in eine der „Ausländerkinderpflegestätten einfachster Art“ der SS abgeben.

Solch eine Einrichtung gab es laut Text für die Tafel seit Oktober 1944 für den Landkreis Rotenburg auch in Riekenbostel – eine „Verwahranstalt von Polinnen und Ostarbeiterinnen“. Weiter heißt es: „Dorthin wurden die schwangeren Ostarbeiterinnen Maria Prutzinizia und Alexandra Babitsch von ihren Arbeitgebern aus Waffensen zur Entbindung geschickt. Die beiden Kinder Alicia Stanislawa Prutzinizia und Viera Babitsch verstarben nach wenigen Wochen im Krankenhaus Rotenburg.“ Als offizielle Todesursache sei „schlechtes Gedeihen“ angegeben worden, „das heißt, sie starben durch bewusste Vernachlässigung, unzureichende Hygiene und Mangelernährung.“ Und dann sind da noch Stanislawa Klopecka sowie Peter Nyczaj. Das Schicksal der Polin sei „besonders traurig“ heißt es: „Ihr Kind starb während der Geburt. Auf dem Transport ins Rotenburger Krankenhaus verstarb auch sie.“ Peter Nyczaj, „ein ukrainischer Zwangsarbeiter auf einem Waffensener Hof, wurde am 30. April 1945 auf dem Bahnhofsgelände in Waffensen von zwei ehemaligen russischen Kriegsgefangenen erschossen.“ Er wurde 21 Jahre alt.

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