Ahmad Sado kommt als Flüchtling und hat jetzt einen Job im „Wachtelhof“

Von Syrien bis ins Großstadtrevier

Ahmad Sado aus Syrien ist bestens angekommen in Deutschland. Dafür hat er selbst sehr viel getan.
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Ahmad Sado aus Syrien ist bestens angekommen in Deutschland. Dafür hat er selbst sehr viel getan.

Rotenburg – Heiko Kehrstephan ist anzusehen, wie stolz er auf diesen Mitarbeiter ist. Zugleich aber sagt der Direktor des Hotels „Landhaus Wachtelhof“ mit einem Schmunzeln im Gesicht: „Ich habe echt Angst, dass ich ihn an die Schauspielerei verliere.“ Es geht um Ahmad Sado. Dieser 27-jährige Mann aus Syrien ist nach seiner Flucht und der Ankunft in Deutschland ganz offensichtlich zur Höchstform aufgelaufen.

Vor wenigen Tagen erst stand er auf der großen Bühne in Hannover. 2 000 Menschen waren dabei, als er Gelegenheit hatte, bei der Feier zum 75. Geburtstag des Landes Niedersachsen über sich, sein Ankommen als Flüchtling in Deutschland und über seine Integration zu sprechen. Klingt nach großem Theater, doch in diesem Fall ist er nicht in die Rolle eines anderen geschlüpft.

Der kurdische Syrer hatte sich Anfang November 2015 auf den Weg in Richtung Europa gemacht. Über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien. Kroatien, Slowenien und Österreich hat er zwei Wochen später die deutsche Grenze in Passau erreicht. „Eigentlich wollte ich noch weiter nach Schweden“, erinnert sich Sado. Doch die deutschen Behörden haben ihn ertappt – die Reise war damit beendet.

Ahmad Sado kam zunächst nach Braunschweig, von dort aus ging es für ihn nach Helvesiek. Er blieb nicht lange dort, ging für ein paar Wochen nach Fintel, landete schließlich in Rotenburg und bekam auch schon eine Wohnung. Er war allein, hatte viel Zeit – und ein klares Ziel vor Augen. „Am Anfang war es schwierig für mich“, lässt Sado ein wenig in seine Gefühlswelt blicken. „Keine Freunde, keine Familie“, sagt er. Vor allem ohne die Eltern und die Geschwister zu sein, sei für ihn eine große Herausforderung gewesen. Seine Mutter, die beiden Schwestern sowie der Bruder leben in der Türkei, der Vater ist mit seiner Mutter noch in Syrien.

Knapp ein Jahr nach seiner Ankunft in Deutschland schlug Sado beim „Wachtelhof“ auf; er hatte sich dort für einen Aushilfsjob beworben – und den Job bekommen. „Ich war fasziniert“, erinnert sich Heiko Kehrstephan an das erste Zusammentreffen. „Ich habe ihn gleich verstanden, er sprach richtig gut Deutsch.“ Dabei habe er erst nach seiner Ankunft angefangen, unsere Sprache zu lernen. „Wir sind in Deutschland, wir haben viel Zeit – dann lass’ uns also die Sprache lernen“, habe der junge Mann zu seinem Mitbewohner gesagt.

Der Plan ist aufgefangen, Sado hat zwar später noch die beiden Sprachkurse B1 und B2 absolviert und spricht heute fließend Deutsch, aber das Meiste hat er sich selbst beigebracht. „Mit der Hilfe der Familie Kröger“, betont er. Ahmad Sado spricht von seinen „Ersatzeltern“, die sich um ihn gekümmert haben. „Mein erstes deutsches Wort war Löffel“, erzählt er. Das Internet und eine App habe er zum Büffeln benutzt.

Aus dem Nebenjob im Hotel an der Gerberstraße in Rotenburg ist nach und nach mehr geworden. Kehrstephan bot ihm an, eine Ausbildung zum Hotelfachmann zu machen, Sado schlug ein und bewältigte auch diese Herausforderung mit Bravour.

Gleich im Anschluss rückte er fest ins Service-Team, heute leitet er die Service-Frühschicht. „Das ist familienfreundlicher“, erklärt der Direktor. Denn Sado wird schon bald zum ersten Mal Vater. Seine Frau, ebenfalls Syrerin, hat er hier in Deutschland kennengelernt. Jetzt kümmern sich die beiden gemeinsam um ihre Zukunft.

Die Geschichte über diesen jungen Mann könnte an dieser Stelle eigentlich schon enden. Wirklich? Nein! Denn der junge Mann, der sich ehrgeizig zeigt und sehr schnell einen klaren Blick für seine neue Lebenssituation entwickelt hat, berichtet auch aus der Zeit von vor seiner Flucht. „Ich habe in Aleppo studiert. Englische Literatur – aber das Studium nicht beendet.“ Immer mehr habe es in dieser Stadt „geknallt“. Und dann kam auch noch der Befehl, innerhalb einer Woche beim Militär anzutreten. Der Punkt für die Flucht war erreicht. Er arbeitete in einem Hotel und hat sich sicherheitshalber nur Urlaub genommen – „ich wusste ja nicht, ob es mit der Flucht gleich klappt.“

Es hat geklappt. Mit Bussen und Zügen hat er sich in Richtung Europa und am Ende in Richtung Deutschland durchgeboxt. Zwei Wochen dauerte die Tour. Wie gut er angekommen ist, beweist nicht zuletzt sein Auftritt in Hannover. Knappe zwei Minuten hatte er dort, um sich den 2 000 Gästen vorzustellen. Die Flüchtlinge – auch sie sind Teil der Geschichte dieses Bundeslandes.

Ahmad Sado zeigt sich dankbar. Für die Hilfe, die er in Deutschland erlebt hat und für die Möglichkeiten, die ihm geboten worden sind. Doch letztendlich musste er selbst aktiv werden. „Das habe ich schnell erkannt.“ „Als Kind“, sagt er, „ich war gerade elf Jahre alt, hat mich mein Vater immer mit zur Arbeit im Supermarkt genommen. Dort musste ich helfen.“ Das sei nicht immer leicht gewesen. Und doch erinnert er sich gerne daran und an diesen einen Satz von seinem Vater: „Du musst ein richtiger Mann werden.“ Sado ist auf dem Weg, und vielleicht ist er auch schon angekommen.

Syrien, erklärt Sado, habe er aus seinem Kopf verbannt. „Dieses Land hat mir meine Zukunft geklaut.“ Die Zeit in Syrien, in seiner Heimat, sei schön gewesen. „Ich habe sie gespeichert.“ Abrufen will er sie aber nicht mehr. Und wenn es im kommenden Jahr mit der Einbürgerung klappt, will er seine syrische Staatsangehörigkeit abgeben.

Die Schwierigkeiten mit den Ausländerbehörden hat Sado am Rande der Feier auch in einem Gespräch mit Ministerpräsident Stephan Weil erwähnt. „Der hat sich sogar an mich erinnert“, berichtet der Syrer. Sie hatten sich in Rotenburg am Rande eines Besuchs von Stephan Weil in Sachen Nordpfade kennengelernt – als Service-Fachkraft gehörte er für den Wachtelhof dem Catering-Team an. „Ich habe in Hannover auch gesagt, dass ich mich über weitere Unterstützung freuen würde, denn ich möchte gerne meine Familie nach Deutschland holen.“

Ahmad Sado geht es gut. Er ist aktiv und hat einen Arbeitsplatz, der ihm Spaß mache. „Die Stelle war frei – daher haben wir sie ihm angeboten“, sagt Kehrstephan. Er fühle sich in diesem Schritt bestätigt. Sado will bleiben – „bis zur Rente“, sagt er, „ich liebe diese Arbeit.“ Er sei einfach zufrieden, mit den tollen Kollegen, dem Chef, der ihn unterstütze – und mit den Gästen im „Wachtelhof“.

Das Gastspiel auf der Bühne in Hannover übrigens hatte die Tochter seiner „Ersatzeltern“ in die Wege geleitet. Sie arbeite in der Staatskanzlei und habe ihn gefragt, ob er nicht dabei sein wolle. „Natürlich“, habe er gesagt. Er und die junge Frau hatten zuvor festgestellt, dass die vielen Kameras für ihn kein Problem sein sollten.

Sind sie auch nicht, denn seit zwei Jahren hat Ahmad Sado ein neues Hobby entdeckt: Er steht immer wieder mal als Statist für Fernsehproduktionen in Hamburg und Lüneburg im Scheinwerferlicht. „Tatort“, „Notruf Hafenkante“, „Rote Rosen“ oder „Großstadtrevier“ – Sado hat immer wieder, wenn auch meistens wortlose Auftritte im Fernsehen.

„Am kommenden Montag bin ich in einer Folge vom Großstadtrevier zu sehen – als Teil der italienischen Mafia“, sagt Sado stolz. Mehrere Agenturen habe er 2019 angeschrieben, die haben ihn inzwischen auf dem Zettel. Zuvor schon hatte er beim Rotenburger Theater „Rollentausch“ auf der Bühne gestanden. Vor diesem Hintergrund beruhigt er allerdings seinen Chef mit Blick auf den Nebenjob im Fernsehen: „Das mache ich nur, wenn ich frei habe.

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