Interview zum Wochenende: Rotenburger Gerd Hachmöller schreibt Buch zur Flüchtlingskrise

Von Fakten und Legenden

Gerd Hachmöller vor dem Pressehaus in der Rotenburger Innenstadt
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Gerd Hachmöller mit seinem just erschienenem Werk „Mutti wars nicht“, in dem er sich mit Legenden rund um die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin auseinandersetzt.

Rotenburg – „Wir schaffen das“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel am 31. August 2015 auf der Bundespressekonferenz mit Blick auf die Flüchtlingspolitik. Ein Satz, der sich im kollektiven Gedächtnis der Republik verankert hat und ebenso dazu beiträgt, das sich mittlerweile so einige Legenden um die Kanzlerin und ihre Haltung in der Flüchtlingsfrage ranken – findet zumindest der Rotenburger Gerd Hachmöller. Er hat sich jetzt in einem Buch mit diesen Legenden auseinandergesetzt: „Mutti wars nicht“ heißt es und ist ab sofort erhältlich. Wir haben mit dem Autor über sein Werk gesprochen.

Als Sie das Buch geschrieben haben: Hätten Sie gedacht, dass das Thema mit Blick auf Afghanistan jetzt noch einmal so eine Brisanz bekommt?

Die Dynamik der Entwicklungen in Afghanistan war so für mich nicht vorhersehbar, anscheinend hat das so kaum einer erwartet. Aber es war absehbar, dass sich die Amtszeit von Frau Merkel dem Ende neigt, und dass das ein guter Zeitpunkt für so ein Thema ist, da die Flüchtlingskrise auch sehr mit unserer Bundeskanzlerin verbunden wird – was nur zum Teil gerechtfertigt ist. Was Afghanistan betrifft, glaube ich, dass in Zukunft wieder mehr Flüchtlinge nach Deutschland kommen werden. Nicht nur aus Afghanistan, sondern auch aus dem Libanon, wo sich die Lage auch immer weiter verschlechtert. Aber es wird nicht im gleichen Umfang wie 2015 sein.

CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet hat die Situation der Menschen dort am Montag mit „2015 darf sich nicht wiederholen“ kommentiert. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie das gehört haben?

Es ist eine politische Bemerkung, er will auch Wähler abholen, die mit Sorge auf neue Flüchtlingszuwanderung blicken würden. 2015 wird sich aber so oder so nicht wiederholen, weil inzwischen weitaus mehr Barrieren auf dem Weg der Flüchtlinge sind: Der Iran hat die Grenzen nach Afghanistan dicht gemacht, die Türkei hat die Grenze zu Syrien und zum Iran dichtgemacht, und die Balkanroute ist durch Zäune versperrt.

Welchen Einfluss hatten Ihre Erfahrungen aus dem Jahr 2015 auf Ihr Buch? Waren sie die Motivation zum Schreiben?

Nicht direkt, sondern es war vor allem das, was im Nachgang passiert ist. Denn da wurde Frau Merkel zunehmend für das, was 2015 passiert ist, verantwortlich gemacht – zu Unrecht. Dasselbe gilt für das Ende der Flüchtlingskrise, für den EU-Türkei-Deal. Im Nachgang sind immer mehr Legenden aufgetaucht, über Flüchtlingspolitik in Deutschland und Europa – zum Beispiel, dass die Mittelmeerländer mehr Unterstützung von Deutschland bräuchten, was nicht der Fall ist. Dass die Regierung der Einwanderung tatenlos zusehe oder dass die Kriminalität zugenommen hätte: Diese enorme Menge an Falschmeldungen und irreführender Berichterstattung und auch AfD-Propaganda aufgrund dieser Legenden hat mich dazu veranlasst, eine Richtigstellung vorzunehmen. Konkreter Auslöser war ein Bericht im „Spiegel“, der in Bezug auf die Dublin-Verordnung irreführend war und wo mein Schreiben an den Redakteur Markus Feldenkirchen zu keiner Reaktion führte. Da dachte ich: Dann schreibe ich halt ein Buch.

Wie aufwendig war die Recherche?

Ich habe über ein Jahr an dem Buch geschrieben; die Corona-Pandemie war diesbezüglich hilfreich, weil schlagartig alle meine Hobbys sowie Treffen mit Freunden ausfielen und ich viel Zeit zum Schreiben hatte. Der Großteil der Recherche bezog sich auf Zahlenmaterial sowie auf Quellen, die meine Thesen stützen oder widerlegen. Das war sehr aufwendig, weil ich selber oft unsicher war und mich gefragt habe, ob das sein kann, dass da fast alle falsch liegen. Dass die Medien und Talkshows seit Jahren auch viel Unsinn verbreitet haben. Ich habe nur wenige Quellen aus der „Zeit“ und der „Tagesschau“ gefunden, die vereinzelt Dinge richtiggestellt haben.

Es lässt sich auch bei anderen Themen immer wieder sehen, dass sich die Verbreitung – auch mit falschen Fakten – wie ein Schneeballsystem abläuft. Inwiefern ist das hier das Problem?

Seit Donald Trump wissen wir: Ständige Wiederholung von Unsinn ist stärker als Fakten. Wenn in Talkshows wieder und wieder gesagt wird „Die Grenzöffnung von Frau Merkel“ oder „Italien trägt die Hauptlast der Flüchtlingszuwanderung“, dann prägt sich das ein. Irgendwann fragt sich niemand mehr, ob die Kanzlerin je wirklich eine Grenze geöffnet hat oder um wie viele Flüchtlinge sich Italien wirklich kümmert.

Ein Kapitel Ihres Buches setzt sich mit dem verzerrten Bild der Kanzlerin bei Flüchtlingen und in der arabischsprachigen Presse auseinander. Ist Ihnen das auch bei Flüchtlingen in der Visselhöveder Notunterkunft aufgefallen?

Ich habe viele von ihnen dafür noch einmal kontaktiert und gefragt, warum sie hier nach Deutschland gekommen sind. Da gab es ein Bündel von Antworten: „Ich wollte hier studieren.“ „Ein Freund von mir wohnt schon hier.“ „Die Route schien sicher“ – oder, oder, oder. Keiner hat von sich aus Frau Merkel genannt. Da habe ich am Schluss nochmal nachgefragt: Hatte es für euch eine Bedeutung, dass die Kanzlerin diesen Satz gesagt hat oder dieses Selfie (von Angela Merkel 2015 mit einem irakischen Flüchtling in Berlin, Anm. d. Red.) gemacht hat oder andere Handlungen? Und alle, die ich interviewt habe, haben mir gesagt: Nein, das hatte keine Bedeutung für uns. Umgekehrt ist es schon so, dass die meisten Flüchtlinge im Nachhinein Frau Merkel dankbar sind – ohne, dass sie eine wesentliche Verantwortung für die Aufnahme dieser Flüchtlinge trägt. Das deutsche Regierungshandeln war 2015 aber nicht die wesentliche Motivation der Menschen, die ich da kennengelernt habe.

Wenn es nicht die Motivation war: Wie konnten dann dieser Satz und dieses Selfie einen fast schon ikonischen Charakter bekommen?

Das ist durch die Medien und die rechtsgerichtete Propaganda entstanden, wobei es natürlich nicht Ansinnen der Medien war, rechtsgerichtete Propaganda zu unterstützen. Medien spitzen gerne zu und personalisieren gerne. Und eine solche Personalisierung dieser außergewöhnlichen Flüchtlingssituation mit einer Person wie der Kanzlerin ist einfach charmant für die öffentliche Debatte und lässt sich leichter verkaufen, als ein relativ komplexes Ursachenbündel, was tatsächlich der Flüchtlingskrise zugrunde lag. Die Öffentlichkeit war damals froh, dass diese abwartende, berechnende Kanzlerin scheinbar zum ersten Mal ein Gefühl zeigt und eine eigene Haltung gegen Widerstände in der Politik umsetzt. Dieses Bild entsprach aber nicht tatsächlich dem Handeln der Kanzlerin. Sie hatte sicherlich Mitgefühl in der Situation, das will ich ihr überhaupt nicht absprechen. Aber ihr Handeln und das der ganzen Bundesregierung entsprach komplett ihrem bisherigen, abwartenden Politikstil und war nicht ursächlich für die ganze Flüchtlingseinwanderung.

Ihr Gegenbeispiel ist im Buch die Begegnung mit einem palästinensischen Mädchen bei einer Fernsehfragestunde.

Ja. Der Kanzlerin wurde Kaltherzigkeit vorgeworfen, dieses scheinbar unbeholfene Streicheln über den Kopf des Mädchens wurde kritisiert. Im Grunde aber war Merkel absolut konsequent. Sie hat einerseits Mitmenschlichkeit gegenüber einem persönlichen Schicksal gezeigt, ohne irgendwie einzuknicken oder leichtfertige Versprechungen zu machen, was die zukünftige Aufnahme von Flüchtlingen angeht. Das wird heute völlig vergessen.

Also ist das Bild nicht so ambivalent, wie es scheint?

Nein, es ist relativ stimmig. Sie hat, als ein nicht mehr abzuwendender Flüchtlingsstrom nach Deutschland gekommen ist, die Weichen gestellt, dass wir diese Flüchtlinge gut aufnehmen, dass nicht zuviele neue kommen und dass wir ein menschliches und mitmenschliches Gesicht zeigen als Gesellschaft und als Land. Und das war das einzig Richtige in dieser Situation, das Einzige, was man tun konnte.

In einem weiteren Kapitel geht es ausführlich um das Dublin-System, wo Sie andere europäische Staaten in einer Bringschuld sehen. Was muss sich da Ihrer Meinung nach ändern?

Fakt ist, dass Flüchtlinge in der Vergangenheit wie auch heute von den Mittelmeerstaaten nach Deutschland entweder durchgereicht werden – auch mit finanziellen Anreizen – oder wie in Griechenland durch eine bewusst schlechte Behandlung abgeschreckt werden, überhaupt nach Europa zu kommen. Und das ist der Grund, weswegen unsere europäischen Partner wenig Interesse haben, dieses System zu ändern. Denn die meisten Flüchtlinge wollen nach wie vor nach Deutschland, es hat mit Abstand die meisten aufgenommen, bringt mit Abstand am meisten Mittel für die Integration auf. Das tun viele andere Länder, besonders die Mittelmeerländer, nicht. Vor diesem Hintergrund ist es für die Kanzlerin schwierig, eine gemeinsame europäische Haltung oder Politik zu erzeugen.

Sie sprechen auch das internationale Bild Deutschlands in der Welt an – auch mit Blick auf die Vergangenheit. Welche Rolle hat das Ihrer Meinung nach gespielt?

Die erste Reaktion der Öffentlichkeit mit der Willkommenskultur basiert sicherlich zum Teil auch auf unserer Geschichte des Nationalsozialismus. Sie war aber auch eine Reaktion auf fremdenfeindliche Ausschreitungen, wie beispielsweise in Heidenau, wo wieder ein sehr unschönes Bild von Deutschland in die Welt gesendet wurde und viele Menschen gesagt haben: Wir wollen klar machen, dass wir diese Menschen in Not aufnehmen wollen. Und dieses Bild wurde bewusst an den Bahnhöfen erzeugt, und war sicherlich mit dafür verantwortlich, dass sich so viele Menschen ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagiert haben – allein hier im Landkreis mehr als 500. Eine Bewegung, auf die man stolz sein kann.

Sehen Sie Ihr Buch auch als Weg, rechter Hetze etwas entgegenzusetzen?

Ja. Weil all dieser Hass, diese Verschwörungstheorien, die Häme basieren auf diesem Urmissverständnis, dass Frau Merkel verantwortlich sei für die Aufnahme von Flüchtlingen. Und das ist sie nicht. Und das ist sie nicht. Damit rechtsgerichteter Propaganda den Boden zu entziehen war eine wesentliche Motivation für das Buch.

„Legenden zur Zuwanderung von Flüchtlingen sollten ebenso ausgeräumt und begraben werden wie falsche Zuschreibungen zu Angela Merkel“, schreiben Sie in Ihrem Nachwort. In wieweit ist für Sie Ihr Buch da ein Debattenbeitrag?

Ich hoffe, dass es einer wird. Denn ich merke, dass die Flüchtlingspolitik in diesen Tagen wieder zum Thema wird. Letzte Woche stand im „Spiegel“ ein kleiner Kasten zum Thema, und auch in der „Zeit“ war letzte Woche ein Artikel „Sieben Legenden zu Angela Merkel“, wo es ebenfalls um die sogenannte Grenzöffnung geht. Hier und da kommen mittlerweile Informationen zur Situation 2015 an die Öffentlichkeit, die auch in meinem Buch aufgegriffen werden. Das Flüchtlingsthema wird wieder aufs Tapet kommen, und dann hoffe ich, dass es von den Medien und der Öffentlichkeit sachlicher und objektiver aufgegriffen wird, als das in Folge von 2015 der Fall war. Denn das Thema ist viel zu wichtig, als das man es mit Zuschreibungen und Schuldfragen überlagert. Man muss sich viel mehr Gedanken über die eigentlichen Herausforderungen machen: Wie wir diese Menschen integrieren, was wir ihnen auch an kultureller Integration abfordern müssen, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht zu gefährden. Momentan wird dieses Thema der AfD überlassen – und die schlachtet das aus. Wenn aber die großen demokratischen Parteien das aufgreifen und es mutig aufgreifen, dann wird die AfD wieder dahin geschickt, wo sie hingehört: nämlich unter die Fünf-Prozent-Hürde.

Zur Person

Gerd Hachmöller ist Leiter der Stabsstelle Kreisentwicklung des Landkreises Rotenburg. Der 48-Jährige studierte Wirtschaftsgeographie , ist verheiratet, Vater von drei Kindern und lebt in Rotenburg. Gemeinsam Samer Tannous verfasste er die Spiegel-Kolumne „Kommt ein Syrer nach Rotenburg“, die 2020 als Buch erschien und zum Bestseller wurde.

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